Pushpak Bhagavata Purana Buch 11Zurück WeiterNews

11.22. Prakriti und Purusha und die natürlichen Prinzipien

Der ehrenwerte Uddhava sprach:
Oh Herr des Universums, wie viele grundlegende Prinzipien der Schöpfung (Tattwas) wurden von den Sehern aufgezählt? Oh Meister, ich hörte Dich über die achtundzwanzig Prinzipien dieser Welt sprechen. Manche sagen aber auch, es gibt sechsundzwanzig, fünfundzwanzig oder siebenundzwanzig, manche sprechen von neun, vier oder auch elf Prinzipien, wieder andere sprechen von sechzehn, siebzehn oder dreizehn. Oh Ewiger Höchster, könntest Du uns bitte erklären, was die Weisen, die sich in der Darstellung der natürlichen Prinzipien so unterschiedlich ausdrücken, damit im Sinn haben?

Und der Höchste Herr sprach:
Von diesen geistigen und natürlichen Prinzipien, die überall gegenwärtig sind, sprechen die Brahmanen so, wie es für sie stimmig ist. Was wäre schließlich für jene, die meine Maya der Illusions- und Schöpferkraft durchschauen, schwer zu sagen? Wer jedoch noch in meiner unbesiegbaren Maya gebunden ist und über ursächliche Begriffe streitet, der behauptet gern: „Es ist nicht so, wie du es sagst, sondern wie ich es sage!“ Weil meine Kräfte natürliche Gegensätze hervorbringen, entstehen viele Meinungsverschiedenheiten zwischen denen, die über dieses Thema (der Kausalität) sprechen. Doch wenn man durch die Beherrschung der Sinne und Gedanken inneren Frieden findet, lassen diese Diskussionen nach und das Streiten hört auf.

Oh Bester unter den Menschen, weil sich die verschiedenen (fein- und grobstofflichen) Elemente gegenseitig durchdringen, will ein Redner eine treffende Beschreibung mit einer Aufzählung von Ursachen und Wirkungen geben. Doch bei jeder dieser Unterteilungen bezieht sich jedes einzelne Element immer auch auf die anderen Elemente. Ob es nun Ursache oder Wirkung ist, wenn du ein Element (wie den Raum) siehst, siehst du auch alle anderen Elemente, die zu diesem Element gehören. Deshalb akzeptieren wir jede Art der Unterscheidungen, wie sie aus dem Mund von jemandem gehört wird, der über Ursache und Wirkung nachdenkt, wenn sie aus einer folgerichtigen Argumentation entsteht. Denn jede Person ist in ewiger Unwissenheit gefangen und kann nicht alleine erkennen, was der Prozeß der Selbstverwirklichung erfordert. Dieses Wissen kann nur jemand geben, der mit der vollkommenen Wahrheit vertraut ist. Und in diesem Wissen über die Eigenschaften der Höchsten Natur (Prakriti) gibt es nicht den geringsten Unterschied zwischen dem Höchsten Geist (Purusha) und dem Höchsten Herrn (Ishvara). Jede Unterscheidung wäre nur ein nutzloses Hirngespinst. Die drei natürlichen Grundeigenschaften sind in der Höchsten Natur (Prakriti) ausgeglichen, aber betreffen nicht die Höchste Seele (Atman). Doch diese natürlichen Grundeigenschaften von Güte, Leidenschaft und Trägheit werden dann zu Ursachen für die Schöpfung, Erhaltung und Auflösung des Universums. In dieser Welt ist die Eigenschaft der Güte (Sattwa) die Weisheit, die Eigenschaft der Leidenschaft (Rajas) das fruchtbringende Handeln (Karma) und die Eigenschaft der Trägheit (Tamas) ist die Unwissenheit. Das Wechselspiel dieser drei Grundeigenschaften wird Zeit genannt, und das, was von Natur aus da ist, die natürliche Neigung (Svabhava), bildet den Leitfaden (Sutra).

Der Höchste Geist (Purusha), die Höchste Natur (Prakriti), universale Intelligenz (Mahat), Ichbewußtsein (Ahankara), Raum, Wind, Feuer, Wasser und Erde sind somit die neun Prinzipien der Schöpfung, die ich meine (siehe auch Bild in Kapitel 2.5). Die Organe zum Hören, Fühlen, Sehen, Riechen und Schmecken sind die fünf Sinnesorgane, durch die man Wissen erwirbt. Das Sprechorgan, die Hände, die Genitalien, der Anus und die Beine bilden die fünf Handlungsorgane, und das Denken (Manas) ist für beide da. Klang, Gefühl, Sichtbarkeit, Geschmack und Geruch sind die fünf Kategorien der Sinnesobjekte, und Sprache, Handlung, Fortpflanzung, Ausscheidung und Fortbewegung sind die fünf Funktionen, die von den fünf Handlungsorganen verwirklicht werden. Am Anfang der Schöpfung bezeugt der gelassene Höchste Geist (Purusha) die Höchste Natur (Prakriti) dieses Universums, die durch das Wirken von Sattwa und den anderen Grundeigenschaften aus den Ursachen die Formen der fein- und grobstofflichen Manifestationen annimmt. Alle weiteren Prinzipien im Mahat der universalen Intelligenz erhalten ihre Kräfte vom Blick (bzw. Bewußtsein) des Herrn, unterliegen einer Umwandlung und erschaffen mit der Kraft der Natur das Welten-Ei des Universums.

Mit den fünf grobstofflichen Elementen von Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum sowie dem Paar von Wissen und Seele sprechen wir von sieben konstituierenden Elementen als Grundlage für den Körper mit den Sinnen und dem Lebensatem. Wenn man nur von sechs Prinzipien spricht, meint man die transzendentale Person als sechstes Element, das mit den fünf grobstofflichen Elementen verbunden ist, die er zuerst als seine Schöpfung projizierte und daraufhin in sie eintrat. Wenn man von vier Prinzipien spricht, entstehen Feuer, Wasser und Erde aus der Höchsten Seele. Und aus diesen Elementen entstand der Kosmos als Geburtsort aller verkörperten Wesen. Mit siebzehn Prinzipen meint man die fünf grobstofflichen Elemente, fünf Sinne und ihre fünf Objekte zusammen mit dem Denken und der Seele als das siebzehnte Prinzip. Auf die gleiche Weise wird die Seele durch das Zählen von sechzehn Prinzipien mit dem Denken (Manas) gleichgesetzt. Mit dreizehn Prinzipien meint man die fünf grobstofflichen Elemente, die fünf Sinne, das Denken und die (individuelle und höchste) Seele. Bei elf Prinzipien spricht man von der Seele, den fünf Elementen und den Sinnen. Bei acht Prinzipien (meint man fünf Elemente, Denken, Ichbewußtsein und universale Intelligenz), und mit dem Höchsten Geist (Purusha) hat man dann neun. Auf diese Weise wurden die verschiedenen Unterteilungen der natürlichen Tattwa-Prinzipien von den Weisen erfunden, die alle durch verständliche Argumente gestützt wurden, denn bei den Weisen herrscht kein Mangel an Klarheit.

Darauf sprach Uddhava:
Oh Krishna, wenn der Höchste Geist (Purusha) und die Höchste Natur (Prakriti), obwohl sie als Prinzipien verschieden sind, einander überdecken, scheint es doch keinen Unterschied zwischen den beiden zu geben. Und so sieht man auch die Höchste Seele (Atman) in der Höchsten Natur und die Höchste Natur in der Höchsten Seele. Bitte, oh Lotusäugiger, Allwissender und Meister im Denken, löse mit deinen Worten die großen Zweifel in meinem Herzen. Die Lebewesen empfangen von dir das Wissen, das durch die Macht deiner Illusions- und Schöpferkraft (Maya) wieder gestohlen wird. Nur du kennst die wahre Natur deiner Illusionskraft und niemand sonst.

Und der Höchste Herr sprach:
Oh Bester der Männer, der Höchste Geist (Purusha) und die Höchste Natur (Prakriti) sind nur begriffliche Unterscheidungen. Diese ganze Schöpfung entsteht aus ihnen aufgrund der Wechselwirkung der drei natürlichen Grundeigenschaften (Gunas). Mein Lieber, die Illusions- und Schöpferkraft, die aus den drei Grundeigenschaften besteht, stellt durch diese Eigenschaft eine Vielfalt von Kombinationen und Mentalitäten dar. Diese veränderliche Natur, die auf den drei Grundeigenschaften basiert, ist auch von drei Arten, nämlich Adhyatma, Adhidaiva und Adhibhuta. In dieser Welt sieht der Seher (Adhyatma) das Gesehene (Adhibhuta) im göttlichen Licht (Adhidaiva), wie die Sonne über allem am Himmel scheint, um die ersten beiden zu verwirklichen. So erscheint auch die Höchste Seele (Adhyatma) als ursprüngliche Ursache getrennt von den anderen Aspekten und wirkt durch ihre eigene bewußte Erfahrung, um die anderen beiden zu verwirklichen. Dasselbe gilt für die Augen, das Gefühl, das Gehör, den Geschmack und den Geruch zusammen mit dem zugehörigen Bewußtsein (Chitta). Die Bewegung der Grundeigenschaften entsteht aus dem Meer der Ursachen (Pradhana) und führt zu Veränderungen. Dadurch wandelt sich die universale Intelligenz (Mahat) in ein Ichbewußtsein, das die Ursache für drei Arten von Verwirrung ist, nämlich Umwandlung (Vaikarika), Unwissenheit (Tamasa) und sinnliche Wahrnehmung (Aindriya). Ohne die vollkommene Erkenntnis der Höchsten Seele behauptet man „Das ist real, und das ist nicht real!“, ausgerichtet auf die Vorstellung von wahrnehmbaren Unterschieden. Obwohl solche Spekulationen grundlos sind, werden sie nicht aufhören, solange die Menschen ihre Aufmerksamkeit von Mir, ihrem wahren Wohnort, abgewandt haben.

Da fragte Uddhava:
Wie nehmen jene, deren Geist durch fruchtbringende Taten von Dir abgelenkt ist höhere und niedere Körper an und geben sie wieder auf? Bitte, oh Govinda, erkläre mir, was wir ohne geistige Sicht nicht verstehen, weil wir vor allem nur diese Welt kennen und davon betrogen werden.

Und der Höchste Herr sprach:
Der denkende Geist der Menschen, der durch ihre fruchtbaren Taten geformt wird, ist an die fünf Sinne gebunden. Und die Seele, die von einer Welt in die nächste reist, folgt diesem Geist. Doch ein Geist, der ganz auf das Karma der fruchtbaren Taten gerichtet ist, lebt nur aufgrund dessen, was er durch die Sinne sieht oder hört. Völlig an dieses Karma gebunden geht die Erinnerung verloren. Dieses völlige Vergessen seines wahren Selbst nennt man dann den Tod, wenn aus diesem oder jenem Grund die Wahrnehmung der Sinnesobjekte verschwindet. Und von Geburt spricht man, wenn sich eine Seele wieder vollständig mit dem Körper identifiziert, den sie angenommen hat, so wie man es in einem Traum tut oder in der Fantasie erlebt. Und wie man sich in einem Traum oder einer Fantasie nicht an einen früheren Traum oder eine frühere Fantasie erinnert, denkt man auch nicht daran, eine frühere Existenz gehabt zu haben. Wegen der Erschaffung dieses Zufluchtsortes der Sinne, den man Körper nennt, erscheint eine dreifache Bindung durch die drei Grundeigenschaften in Bezug auf die angenommene Form. Dies führt dazu, daß die Person an die äußeren Gegensätze glaubt, die auch im Inneren zu finden sind, wie die Geburt eines übelgesinnten Kindes. Oh Bester, alle erschaffenen Körper finden und verlieren ständig ihre Existenz durch die Macht der Zeit, deren subtile Kraft man kaum bemerkt. Genau wie die Flamme einer Kerze, der Strom eines Flusses und die Früchte eines Baumes werden Lebensdauer, Umstände und dergleichen aller geschaffenen Wesen von der Zeit bestimmt. Man irrt, wenn man sagt „das Licht ist dasselbe wie die Lampe“ oder „der Wasserstrom ist dasselbe wie der Fluß“. Genauso irrig ist die Behauptung „der Körper ist dasselbe wie die Seele“. Das ist eine Argumentationsart, mit der die Menschen ihr Leben verschwenden. Tatsächlich wird diese Seele nicht aus dem Samen ihrer eigenen Taten geboren, noch stirbt sie. Sie ist unsterblich und wurde (mit diesem Körper) nur durch Illusion verbunden, ähnlich wie das Feuer im Brennholz.

Befruchtung, Schwangerschaft, Geburt, Säuglingsalter, Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter und Tod sind die neun Stadien des Körpers. Diese mehr oder weniger angenehmen körperlichen Zustände, die man seinem angesammelten Karma verdankt, akzeptiert eine Seele als ihr Eigentum, weil sie an die natürlichen Eigenschaften gebunden ist, und nur manchmal schafft sie es, sich von ihnen zu distanzieren. Aus der Geburt der eigenen Nachkommen und dem Tod der Vorfahren kann man auf die Wahrheit des eigenen Lebens schließen. Wer die Eigenschaften dieser Gegensätze wahrhaft durchschaut (und sich als ewige Seele erkennt), ist diesem Entstehen und Vergehen von Körpern nicht länger unterworfen. Denn wer den Samen und das Wachstum eines Baumes kennt, ist der Zeuge, der sich von der Geburt und dem Tod dieses Baumes unterscheidet. In gleicher Weise ist man der Zeuge gegenüber dem physischen Körper. Eine unwissende Person, die den Unterschied zwischen Seele und Materie nicht kennt und mit Materie in Berührung kommt, hält die äußere Welt für das Reale und fällt völlig verwirrt in den Kreislauf von Geburt und Tod. So wandert diese Person aufgrund ihres Karmas umher. Der Weise, der der Güte folgt, geht zu den Weisen und Göttern. Der Leidenschaftliche, wird sich unter den einfachen Leuten bewegen oder in den (dämonischen) Griff der Dunkelheit geraten, und der Unwissende wird sich unter den Gespenstern und Geistern wiederfinden oder in das Tierreich fallen. Wenn man tanzende und singende Personen beobachtet, neigt man dazu, sie nachzuahmen. Genauso neigt sich die Vernunft zur Weltlichkeit, obwohl sie davon unabhängig ist, wenn man mit den Eigenschaften der Materie konfrontiert wird. Wie Bäume sich zu bewegen scheinen, wenn sie sich im bewegten Wasser spiegeln, und die Welt sich zu drehen scheint, wenn sich der Beobachter dreht, so sind auch die geistigen Eindrücke von wahrgenommen Sinnesobjekten nicht real. So wie die Dinge, die man im Traum sieht, nur Bilder der eigenen Einbildung sind, so ist auch das Bild der Seele von Geburt, Leben und Tod nur ein Phantom. Wer die Objekte der Sinne als Realität verinnerlicht, wird das Rad des Lebens niemals verlassen können, obwohl es nur eine illusorische Angelegenheit ist, ähnlich wie in einem Traum mehr oder weniger Angenehmes erscheint. Deshalb, oh Uddhava, erfreue dich nicht an den Sinnesobjekten, die mit den Sinnen spielen. Sieh doch, wie man durch die Illusion der materiellen Gegensätze, die im Selbst aufsteigt, die Seele nicht mehr erkennt. Wenn man von übelgesinnten Menschen beleidigt, verachtet, verspottet oder beneidet wird, oder sonst gezüchtigt, gebunden oder seines Lebensunterhalts beraubt wird, oder wenn man wiederholt von unwissenden Menschen angespuckt oder angegriffen wird - wenn man das Höchste begehrt und solchen Problemen begegnet, sollte man sich retten, indem man sich auf seine wahre Essenz verläßt.

Da fragte Uddhava:
Wie lerne ich das? Bitte, oh Bester aller Redner, erkläre es uns. Die Beleidigungen unwissender Menschen gegen sich selbst finde ich am schwierigsten zu ertragen. Sogar für Gelehrte ist es schwierig, oh Seele des Universums. Abgesehen von denen, die in Frieden in deinem Dharma verankert sind und zu deinen Lotusfüßen wohnen, stellt die weltliche Natur zweifellos die größte Belastung dar.


Zurück Inhaltsverzeichnis Weiter