Pushpak Panchatantra Buch 1Zurück WeiterNews

29. Erzählung - Wunder über Wunder

In einem gewissen Orte wohnte einmal ein Kaufmann namens Nanduka (der „Erfeuende“). Außerdem wohnte an demselben Orte ein Kaufmann namens Lakshmana (der „Glückliche“). Dieser, da er sein Vermögen verloren hatte, dachte daran, in die Fremde zu wandern. Es heißt auch: Wer in einem Ort oder Land nach seinen Mitteln froh gelebt hat, aber nach dem Verlust seines Vermögens immer noch dort bleibt, dann ist er gemeinen Sinns. Und so: Wer vorher erst mit stolzem Sinn lange Zeit vergnügt an einem Ort verbracht hat, und dann elendig an ebendiesem Ort anderen etwas vorklagt, der ist tadelnswert.

In seinem Hause befand sich nur noch eine von seinen Vorfahren erworbene, aus einer schweren Menge Eisen verfertigte Waage. Diese gab er zum Aufbewahren in das Haus des Gildeherrn Nanduka und machte sich auf den Weg in die Fremde. Nachdem er darauf lange Zeit, seiner Lust folgend, in der Fremde umhergewandert war, kehrte er nach seiner Heimat zurück und sprach zum Gildeherrn Nanduka: „Oh Gildeherr! Gib mir die anvertraute Waage zurück!“ Jener aber sagte: „Oh, die ist nicht mehr da! Deine Waage haben die Mäuse gefressen.“ Nachdem er dies gehört, sprach Lakshmana: „Oh Nanduka! Wenn sie von den Mäusen gefressen wurde, so bist du außer Schuld. So ist ja einmal der Lauf der Welt: Es ist nichts in ihr ewig. Doch ich will zum Fluß gehen, um mich zu baden. Schicke deshalb dein Kind mit mir, das den Namen Dhanadeva („Gott des Reichtums“) führt, damit er mir das Badezeug trägt.“ Nanduka aber, der sich aus Angst wegen seines Diebstahls vor Lakshmana fürchtete, sagte zu seinem Sohn: „Kind! Dein Onkel Lakshmana will in den Fluß zum Baden gehen. Geh deshalb mit ihm, um das Badezeug zu tragen!“

Ach! Mit Recht sagt man: Kein einziger Mensch erweist einem andern irgend Gefälligkeit, ausgenommen aus Furcht, Habsucht oder aus einem anderen Grund. Und so: Wo ohne einen Grund übermäßige Rücksicht erwiesen wird, da hege man nur gleich Sorge, daß es am Ende schlimm ergeht.

Darauf machte sich dieser Sohn des Nanduka vergnügten Sinns mit dem Badezeug und Lakshmana auf den Weg. Nachdem dies so geschehen, badete sich Lakshmana. Dann warf er Dhanadeva, den Sohn des Nanduka, in eine Höhle am Ufer des Flusses, verschloß die Öffnung derselben mit einem großen Stein und ging dann eilig zu Nandukas Haus. Hier wurde er von diesem Kaufmann gefragt: „He Lakshmana! Sprich! Wo ist mein Kind, welches mit dir zum Fluß gegangen ist?“ Jener sagte: „Es ist vom Ufer des Flusses durch einen Falken entführt worden.“ Der Kaufmann rief: „Du Lügner! Wie in aller Welt kann ein Falke einen Knaben rauben? Drum gib mir meinen Sohn zurück, sonst zeige ich es am Hofe des Königs an!“ Jener sagte: „Oh du Wahrheitsredender! Führt ein Falke keinen Knaben weg, so fressen auch Mäuse eine aus schweren Eisen verfertigte Waage nicht. Drum gib mir meine Waage, wenn du nach deinem Sohn verlangst!“

So miteinander zankend, gingen sie alle beide zur Pforte des Königs, und da sprach Nanduka mit lautem Geschrei: „Oh! Eine Ruchlosigkeit, eine Ruchlosigkeit geht da vor! Dieser Dieb hat mir mein Kind geraubt!“ Darauf sagten die Richter zu Lakshmana: „He! Liefere des Gildeherrn Sohn zurück!“ Dieser antwortete: „Was kann ich tun? Vor meinen Augen ist er durch einen Falken vom Ufer des Flusses entführt worden.“ Als sie dieses gehört hatten, sagten sie: „Ach! Du sagst nicht die Wahrheit. Wie wäre ein Falke fähig, einen fünfzehnjährigen Knaben zu rauben?“ Lakshmana antwortete lachend: „He! He! Hört diesen Spruch: Wo Mäuse tausend Pfund Eisen fressen, da kann selbst dem Falken ein Elefant zum Raub werden, geschweige denn ein Jüngelchen.“

Diese fragten: „Wie ist das gemeit?“ Und Lakshmana erzählte die ganze Geschichte mit der Waage. Nachdem sie diese gehört, lachten sie über das, was Nanduka und Lakshmana getan hatten, verständigten beide miteinander und machten, daß sie sich durch gegenseitige Auslieferung der Waage und des Knaben einander zufriedenstellten. Daher sage ich: Wo Mäuse tausend Pfund Eisen fressen, da kann selbst dem Falken ein Elefant zum Raub werden, geschweige denn ein Jüngelchen.“

Karataka sagte ferner: „Diese Lage des Pingalaka hast du, Tor! herbeigeführt, weil du die Gunst des Sanjivaka nicht ertragen konntest. Ach, mit Recht sagt man: Gewöhnlich werden in dieser Welt die Hochgeborenen von Niedriggeborenen, die Lieblinge des Glücks von Unglücklichen, der Freigebige vom Geizigen, der Redliche vom Unredlichen, der im Reichtum Lebende vom Armen, der Schöngestaltete von dem durch Mißgestalt Geschlagenen, der Gerechte von dem Bösewicht und der in vielen Wissenschaften Erfahrene von dem Toren stets getadelt. Und so: Die Weisen werden von Toren gehaßt, die Reichen von dem armen Mann, die Frommen von den Gottlosen und das keusche Weib von den Unkeuschen. Der Mensch erlangt Tugenden durch den Umgang mit den Guten, Sünden durch den Umgang mit Schlechten, gleichwie der Wind, verschiedene Länder durchstreichend, bald liebliche, bald üble Gerüche aufsammelt. Wie zwei Vögel sind wir beide, die bei gleicher Mutter und gleichem Vater unterschiedlich wurden; denn der eine wuchs bei Brahmanen auf, der andere bei Kuhfleischessern. Fortwährend hat der eine der Kuhfleischesser Worte gehört, der andere aber stets die Reden der Weisen. Durch Umgang wird Tugend oder Sünde erzeugt.

Da fragte Damanaka „Wie war das?“, und Karataka erzählte:

30. Erzählung - Die durch verschiedenen Umgang gearteten Papageiengeschwister

In einer gewissen Berggegend brütete ein Papageienweibchen, und es kamen ihm zwei Papageien zur Welt. Als nun das Papageienweibchen einst weggeflogen war, um Futter zu suchen, wurden die beiden Söhnlein von einem Vogelsteller gefangen. Der eine von ihnen rettete sich jedoch mit vieler Mühe und flog durch des Schicksals Gunst davon. Den anderen aber sperrte jener in einen Käfig und fing an, ihn das Sprechen zu lehren. Der geflüchtete Papagei dagegen wurde von einem herumwandernden frommen Weisen erblickt, von ihm gefangen, in seine Einsiedelei gebracht und daselbst aufgefüttert. Indem nun die Zeit so verlief, kam einst ein gewisser König in die Waldgegend, wo jene Vogelsteller wohnen, denn sein Pferd hatte ihn von seinem Gefolge entführt. Als nun der im Käfig befindliche Papagei den König herankommen sah, erhob er ein gewaltiges Geschrei: „He! He! Mein Gebieter! Es kommt ein einzelner Mensch auf einem Pferde! Drum binde, binde und töte ihn!“ Der König, nachdem er des Papageien Rede gehört, lenkte sein Pferd so schnell er konnte anderswohin. Als der König in das Innere eines nicht fernen anderen Wald gelangt, da sieht er die Einsiedelei von Eremiten. Auch da befand sich ein Papagei in einem Käfig und rief: „Komm herbei! Komm herbei, oh König! Ruhe dich aus! Genieße kühles Wasser und süße Früchte! He, he! Ihr Weisen! Ehrt ihn in diesem reichbeschatteten Baumwalde mit dem Fußwasser des Gastopfers!“ Als der König dies gehört, riß er die Augen weit auf und mit verwundertem Herzen dachte er: „Wie mag dies zugehen?“ Dann fragte er den Papagei: „Ich habe hier in einer Gegend des Waldes einen dir ähnlichen Papagei gesehen; aber schreckerregend schrie er: „He, binde! He, töte!“ Als er des Königs Rede gehört, erzählte der Papagei ihm der Wahrheit gemäß seine Geschichte.

Daher sage ich: Durch Umgang wird Tugend oder Sünde erzeugt. Deshalb soll man sich nicht in Umgang mit dir einlassen. Denn man erzählt auch: Wahrlich, besser ist ein kluger Feind, als ein unverständiger Freund: Der Räuber stirbt aus Aufopferung, der Fürst kommt durch den Affen um.“

Da fragte Damanaka „Wie war das?“, und Karataka erzählte:

31. Erzählung - Der kluge Feind

Die Söhne eines Königs, eines Kaufmanns und eines Gelehrten hatten miteinander Freundschaft geschlossen. Diese drei vergnügten sich Tag für Tag nur in Ergötzlichkeiten, Spazierengehen, Zerstreuungen, Leichtfertigkeiten und Spielen. Der Prinzensohn jedoch saß Tag für Tag mit Widerwillen gegen die Kunst des Bogenschießens, Reitens auf Elefanten und Rossen, Fahrens und Jagens. Da wurde er einst vom Vater streng getadelt mit den Worten: „Du beeiferst dich nicht, das zu erlernen, was ein König tun und wissen muß!“ Und als er diesen Tadel schwer gekränkt seinen Freunden erzählte, sprachen sie: „Auch unsere Väter erzählen ständig solchen Unsinn, wenn wir unsere Abneigung gegen die Geschäfte zeigen. Wir haben aber diese Kränkungen des eigenen Stolzes durch die Freude an unserer Freundschaft mit dir schon viele Tage hindurch nicht mehr gefühlt. Jetzt aber, da wir sehen, daß auch du durch dieselbe Kränkung betrübt bist, sind wir beide überaus betrübt geworden.“ Darauf sagte der Königssohn: „Wahrhaftig! Es ist nicht angemessen, daß wir nach dieser Kränkung noch hier bleiben. Drum wollen wir alle, die wir durch denselben Schmerz betrübt sind, uns entfernen und irgendwo anders hin gehen. Denn: Die Prüfung in Kraft, Weisheit, Wert der Tapferkeit und reinen Werke ist bei denen, die darauf stolz sind, an den Früchten zu erkennen, nachdem sie ihr Heimatland verlassen haben.“

Nachdem dies vorgegangen, überlegten sie, wohin es angemessen wäre zu gehen. Darauf sprach der Sohn des Kaufmanns: „Wahrhaftig! Ohne Geld erreicht man nirgends sein Ziel. Drum laßt uns nach dem Berg Rohana („Aufstieg“) gehen! Nachdem wir dort Edelsteine gefunden haben, werden wir alles, was wir nur wünschen, genießen können.“ Nachdem alle die Wahrheit seiner Rede anerkannt hatten, gingen sie nach dem Berg Rohana, und da fand jeder von ihnen durch die Gunst des Schicksals einen unschätzbaren herrlichen Edelstein. Darauf überlegten sie nun: „Wie können wir diese Edelsteine wohl verwahren, da wir von hier auf gefahrreichen Waldwegen wandern müssen?“ Darauf sagte der Sohn des Weisen: „Ich bin der Sohn eines Ministers, und so habe ich denn ein Mittel ersonnen. Wenn diese Edelsteine in unserm Leibe aufbewahrt werden, so sind wir weder von einem Karawanendieb, noch von sonst jemand einer Gefahr ausgesetzt.“

Nachdem er sie davon überzeugt, legten sie die Steine zur Essenszeit in einen Happen Speise und verschluckten sie. Doch während dies geschah, sah sie irgendein Mann, welcher unbeobachtet dicht am Fuße des Berges ausruhte, und dachte bei sich: „Ach! Ich bin hier am Berg Rohana viele Tage nach Edelsteinen umhergeirrt und habe infolge meines unglückseligen Geschicks nicht das Geringste gefunden. Drum will ich mit diesen gehen! Wenn sie alsdann auf irgendeinem Weg vor Müdigkeit eingeschlafen sind, dann werde ich ihnen die Bäuche aufschneiden und alle drei Edelsteine rauben.“ Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, stieg er vom Berge herab, kam hinter ihnen her und sprach, sich ihnen anschließend: „Oh! Ihr Edlen! Ich kann nicht allein durch den furchtbaren großen Wald zu meiner Heimat gelangen. Daher will ich mich eurer Karawane anschließen und mit euch gehen.“ Sie, denen Gesellschaft willkommen war, waren es zufrieden und sagten „Ja“ und begannen, mit ihm zu gehen. In diesem Walde befand sich aber in einer unwegsamen Berggegend in der Nähe der Straße ein Bhil-Dörfchen (der Ureinwohner in Dekkan). Als jene an diesem vorübergingen, stieß unter den vielen mannigfachen Vögeln, welche in dem Hause des Dorfhäuptlings zu seinem Vergnügen gepflegt wurden, ein alter Vogel einen Ton aus. Der Dorfhäuptling verstand aber sämtliche Vogelsprachen. So überdachte er, was dieses Vogelgeschrei bedeuten sollte, und sagte mit hocherfreutem Herzen zu seinen Untergebenen: „Daß dieser Vogel Wort für Wort Folgendes sagt: «Daß nämlich jene auf dem Wege einhergehenden Wandrer höchst kostbare Edelsteine mit sich führen.» Drum greift sie! Greift sie! Haltet sie also fest und bringt sie hierher!“ Nachdem dies geschehen war, so fand man bei ihnen nicht das Geringste, obgleich sie der Dorfhäuptling selbst ausplünderte. Darauf wurden sie von ihm losgelassen und fingen an, weiterzugehen, von nichts weiter bedeckt als von einem Stück Tuch um die Lenden. Da stieß auf einmal jener Vogel denselben Ton erneut aus. Als der Dorfhäuptling dieses hörte, ließ er sie nochmals vor sich führen. Sie wurden nun mit größter Sorgfalt durchsucht. Als sie aber von neuem freigelassen wurden, stößt derselbe Vogel, ganz wie früher, seinen durchdringenden Ton aus. Da ließ sie der Dorfhäuptling nochmals vor sich führen und fragte sie: „Dieser Vogel hat sich zu allen Zeiten als zuverlässig bewährt und spricht nie eine Lüge. Der sagt nun, daß ihr Edelsteine bei euch habt. Wo sind diese?“ Sie aber antworteten: „Wenn wir Edelsteine bei uns hätten, wie wäre es möglich, daß ihr sie nicht gefunden hättet, da ihr uns so sorgfältig durchsucht habt?“ Der Dorfhäuptling sprach: „Da dieser Vogel es mehrfach hintereinander sagte, so müssen die Edelsteine eben in eurem Leib sein. Jetzt ist aber schon die Dämmerung angebrochen. Morgen werde ich eure Bäuche aufschneiden!“ Nachdem er sie so bedroht hatte, wurden sie in ein als Gefängnis dienendes Schlafzimmer gebracht.

Darauf überlegte der Dieb bei sich: „Unzweifelhaft: Wenn morgen der Dorfhäuptling in den aufgeschnittenen Leibern von jenen solche Edelsteine findet, wird der Bösewicht, von Geiz getrieben, sicherlich auch meinen Leib öffnen. So steht mir, mag es gehen wie es will, der Tod bevor. Was habe ich also hier zu tun? Man sagt auch: Fürwahr, wenn einer, wo Tod droht, einem Hochedlen den hinfälligen Leib im Dienste aufopfert, dessen Sterben bedeutet Unsterblichkeit. Drum ist es besser, ich liefere ihm zuerst meinen eigenen Leib zum Aufschneiden und rette jene, sei es auch mit meinem eigenen Tode. Denn wenn der Bösewicht, nachdem er meinen Leib zuerst hat aufschneiden lassen, trotz der sorgfältigsten Untersuchung nichts entdeckt, dann wird er die Hoffnung, Edelsteine zu finden, aufgeben, und, wenn er auch noch so grausam wäre, doch aus Mitleid sich enthalten, ihnen den Bauch zu zerschneiden. Und indem ich auf diese Weise ihnen Leben und Vermögen schenke, wird mir in dieser und der zukünftigen Welt der Ruhm der Aufopferung zuteil werden und eine edle Existenz. Drum ist dieses ein angemessenes und gewissermaßen vernünftiges Sterben.“

Als nun, nachdem die Nacht verflossen war, der Dorfhäuptling sich anschickte, ihnen den Bauch aufschneiden zu lassen, faltete der Räuber bittend seine Hände und sprach: „Ich kann nicht mit ansehen, daß jenen meinen Brüdern der Bauch aufgeschnitten wird. Drum erweise mir die Gnade, mir meinen Leib zuerst aufschneiden zu lassen.“ Aus Mitleid bewilligte ihm der Häuptling dies mit dem Wort: „So sei es!“ Und nachdem ihm der Bauch aufgeschnitten war, wurde nicht das Geringste darin gefunden. Darauf brach er in Wehklagen aus: „Oh Jammer! Oh Jammer! Auf die bloße Deutung des Vogelgeschreis hin habe ich aus gewaltiger Begierde einen großen Mord begangen! Wie in dem Bauche von diesem, so werde ich auch in denen der übrigen nichts finden.“ Nachdem er so gesprochen hatte, ließ er alle drei mit unverletzten Leibern frei. Sie aber durchschritten mit größter Eile den Wald und kamen zu irgendeinem Ort. - Daher sage ich: Der Räuber stirbt aus Aufopferung. Drum wahrlich, besser ist ein kluger Feind, als ein unverständiger Freund.

An diesem Orte nun verkauften sie alle drei Edelsteine vermittelst des Kaufmannssohnes. Darauf erhielten sie eine ungeheure Menge Geld und legten dieses für den Königssohn zusammen. Dieser, welcher beabsichtigte, dem Oberherrn dieses Gebiets die Regierung zu entreißen, übergab dem Sohn des Weisen das Amt eines Ministers, und den Sohn des Kaufmanns machte er zu seinem Schatzmeister. Darauf versammelte er dadurch, daß er doppelten Sold gab, ein gewaltiges Heer von trefflichen Elefanten, Rossen und Fußsoldaten, fing vermittelst der Verstandeskraft seines Ministers, welcher die sechs Arten kannte (wie sich ein König gegen seine Feinde zu benehmen hat), Krieg an und tötete den König in einer Schlacht. So eroberte dieser Königssohn das Königreich und wurde König. Nachdem er die Last der gesamten Regierung seinen beiden Freunden anvertraut hatte, lebte er sorglos in die Welt hinein und genoß das Vergnügen der Lüste.

32. Erzählung - Der törichte Freund

Einst hatte er, als er in sein Frauenhaus ging, einen Affen, welcher in der Nähe in einem Stall war, immer neben sich, um sich an ihm zu belustigen. Denn Papageien, Rebhühner, Tauben, Widder, Affen und ähnliches sind natürlicherweise der Könige Lieblinge. Es versteht sich von selbst, daß der Affe, gemästet durch die mannigfachen Speisen, welche ihm der König reichte, groß ward und von der gesamten Umgebung des Königs geehrt werden mußte. Der König aber gab aus übermäßigem Vertrauen und aus Liebe diesem Affen sogar ein Schwert zu tragen. In der Nähe seines Palastes gab es einen mit vielen verschiedenartigen Bäumen geschmückten Lustwald. Als nun der König zu Beginn des Frühlings diesen erblickte, wie er so lieblich war, herrlichen Duft vieler Blumen aushauchte und den Ruhm des Liebesgottes von den Scharen der Bienen gesungen verkündete, ging er von Liebe überwältigt mit seiner Lieblingsgemahlin hinein. Die gesamte Dienerschaft erhielt den Befehl, am Tor stehen zu bleiben. Nachdem er voll Freude den Lustwald durchirrt und betrachtet hatte, sagte er ermüdet zu seinem Affen: „Ich will einen Augenblick in dieser Blumenlaube schlafen. Gib sorgfältig Acht, daß sich nichts an mich heranmacht und mich verletzt!“ Nachdem er dies gesagt hatte, schlief der König ein. Da kam eine Biene, dem Blumenduft, Betel samt Zubehör und dem Moschusduft nachjagend, und setzte sich auf seinen Kopf. Als der Affe dies sah, dachte er zornig: „Wie? Soll ich den König vor meinen Augen von dem gemeinen Geschöpf stechen lassen?“ Dabei fing er an, sie abzuwehren. Als sich die Biene aber, trotz der Abwehr, immer von neuem dem König näherte, da wurden des Affen Gedanken von Zorn verblendet, er zog das Schwert und schlug die Biene mit einem Hieb nieder. Aber durch denselben Hieb war zugleich des Königs Haupt gespalten. Die Königin, welche neben ihm schlief, sprang erschrocken in die Höhe, jammerte, als sie dies Verbrechen erblickte, und sprach: „Oh, oh! Du törichter Affe! Was hast du da dem König angetan, der dir Vertrauen schenkte?!“ Der Affe aber erzählte, wie es zugegangen war, und darauf wurde er von aller Welt als ein Bösewicht gemieden. - Daher sagt man: „Man soll keinen Toren zum Freund wählen, denn der König ward vom Affen getötet.“ Und ich sage: Wahrlich, besser ein kluger Feind, als ein unverständiger Freund. Der Räuber stirbt aus Aufopferung, der Fürst kommt durch den Affen um.“

(Im folgenden fehlen bei Benfey einige Abschnitte. Wir fügen diese aus der englischen Übersetzung von Arthur William Ryder (1925) ein.)

Und Karataka fuhr fort: „Wo deine Art, die unter Freunden Feindschaft stiften und deren Weisheit aus hinterlistigen Fallen besteht, das letzte Wort hat, dort enden alle Bemühungen in traurigen Mißgeschicken. Und auch: Der Heilige, so sehr er auch gedrängt wird, scheut immer noch die Schuld der bösen Tat. Und es sind immer noch jene Taten, die keine Schande bringen, die zu Ruhm und ehrenwertem Namen führen. Der Weise handelt so, daß seine Ehre strahlend bleibt. Wie die Perle, die ein Pfau aß und ausscheidet, immer noch perlweiß bleibt. Das Sprichwort sagt auch: Falsch ist falsch! Der Weise wird nie das Falsche wie das Richtige behandeln. Wie der Durstigste nie das schmutzige Wasser von der Straße trinken würde. Zusammengefaßt: Handle immer gerecht bis zum letzten Atemzug! Meide das Falsche, selbst wenn es das Leben kosten würde.“

Als Damanaka, dieses hinterlistige Geschöpf, dem eine solche Predigt über Moral wie schieres Gift erschien, diese Worte hörte, schlich er sich vorsichtig ein Stück seitwärts. Und währenddessen stürzte Sanjivaka, nachdem er einige Zeit mit Pingalaka gekämpft hatte, durch die Wunden von dessen scharfen Nägeln des Lebens beraubt zur Erde nieder. Und als Pingalaka den Stier leblos sah, wurde sein Herz durch die Erinnerung an seine guten Eigenschaften gerührt, und er klagte: „Ach! Ich Bösewicht habe unrecht getan, daß ich den Sanjivaka umgebracht habe; denn es gibt kein größeres Verbrechen als Treulosigkeit. Es heißt ja: «Geht das Land verloren oder ein kluger Diener, so ist der König verloren.» So pflegt man zu sagen, doch nicht mit Recht sind beide gleichgesetzt: Denn das Land ist leicht zu erwerben, nicht so ein treue Diener. Außerdem habe ich diesen Grasfresser zum Minister erhoben und danach ihn selbst getötet. Darum war es noch schlechter von mir gehandelt. Es heißt auch: Dieser Dämon, auch wenn er durch mich mächtig wurde, darf nicht durch mich zugrunde gehen: Sogar den selbstgepflegten Gift-Baum selber auszurotten, ziemt sich nicht. - Auch ist er inmitten des Staatsrats stets von mir gelobt worden. Was soll ich nun vor anderen sagen, welche ihre Freunde wie Eltern und geistliche Lehrer verehren? Es heißt auch: Wen du vorher als Rechtschaffenen im Rate bezeichnet hast, den sollst du nimmer anklagen, wenn du dein Wort in Ehren halten willst.“

Als nun Damanaka merkte, daß der Löwe unsicher war, schlich er langsam wieder heran und sprach voller Freude: „Majestät! Wie in aller Welt ist das für dich angemessen, daß du darüber so klagst, einen verräterischen Grasfresser getötet zu haben? Das ziemt sich nicht für Könige! Darum sagt man auch: Den Vater, Bruder, Sohn oder die Gattin, oder auch den Freund umzubringen, wenn sie uns nach dem Leben trachten, ist kein Vergehen. Und so: Ein König, der mitleidig ist, ein Brahmane, der alles ißt, ein schamloses Weib, ein böser Gefährte, ein widerspenstiger Diener, ein nachlässiger Aufseher und den, der nicht erkenntlich ist, die soll man meiden. Und auch: Wahr und falsch, bald hart und bald freundlich redend, grausam und mitleidig, bald habsüchtig und bald freigebig, verschwenderisch und große Schätze erpressend - so vielgestaltig ist eines Königs Weise, der Buhlerinnen Treiben ganz vergleichbar. Und auch: Wer keinen Schaden anrichtet, wäre er auch groß, wird nicht gefürchtet: Wohl fürchtet der Mensch Schlangen, doch deren Feind, den Garuda, nicht. Und außerdem: Nicht zu Beklagende beklagst du und sprichst doch wie ein Verständiger: Tote sowohl als Nichttote beklagen die Weisen nimmermehr.“

Daraufhin näherte sich Karataka, und weil Damanaka kein Einsehen zeigte, setzt er sich neben den Löwen und sprach zu Damanaka: „Oh Herr, du weißt nichts von guter Politik, denn dieser Aufruhr zum Kampf hat nur die gegenseitige Freundschaft zerstört, welche die beiden genossen hatten. Es ist nicht die Art und Weise guter Ratgeber, den Herrn so zu beraten, daß er gegen seinen eigenen Diener kämpft und damit sich selbst in Lebensgefahr bringt, wenn das begehrte Ziel auch durch bessere Mittel erreichbar ist. Wie das Sprichwort sagt: Als die versammelten Götter einst dachten, daß sie einen Kampf gewonnen hatten, mußten sie einsehen, daß der Sieg weder in den Händen der Götter noch der Menschen liegt (siehe Kena-Upanishad).

Und außerdem: Im Kampf liegt keine Weisheit, nur Narren verlieren sich im Kämpfen. Die Weisen entdecken den rechten Weg in den heiligen Schriften, und diese lehren Frieden und Gewaltlosigkeit. - Deshalb soll ein Ratgeber seinen Herrn niemals zum unnötigen Kampf verführen. Denn ein anderes weises Sprichwort sagt: Wo der Palast freundliche, bescheidene und reine Diener beherbergt, die für Feinde tot und für Begierde taub sind, mögen zwar Feinde angreifen, aber die königliche Ehre ist sicher. Deshalb: Spricht die Wahrheit, auch wenn sie hart klingt! Schmeichelei ist nichts anderes als Feindschaft.

Und weiter: Wo königliche Diener, gefragt oder nicht, ihr Heil in Lügen suchen, geht der königliche Verstand in die Irre und die königliche Herrlichkeit stirbt. Außerdem sollten die Berater einzeln vom Herrn befragt werden, so daß er durch all ihre Ratschläge eine Entscheidung treffen kann. Denn es geschieht oft, daß sogar eine offensichtliche Tatsache aus einer anderen Richtung betrachtet ganz anders erscheint. Wie auch das Sprichwort sagt: Das Glühwürmchen erscheint wie Feuer und der Himmel flach, doch das sind sie beide nicht. Manchmal erscheint das Wahre als falsch und das Falsche als wahr. Oft trügt der Schein, deswegen bedenke es gut!

Deshalb sollte sich ein Herr nicht ausschließlich nur auf den Rat eines Dieners verlassen. Vor allem nicht auf jene Übelgesinnten, die für ihren persönlichen Gewinn dem Herrn die Dinge mit verwirrender Rede im falschen Licht darstellen. Folglich sollte der Herr eine Entscheidung nur nach gründlicher Betrachtung treffen. Wie das Sprichwort sagt: Laß dich zuerst gut und weise beraten, und wenn du es mehrfach gehört und den vorgeschlagenen Plan vom ersten bis zum letzten Wort bedacht hast, dann handle und ernte Ruhm und Reichtum. Vermeide stets das Absurde!

Schließlich darf es kein Herr zulassen, daß sein eigener Verstand durch den Rat anderer verwirrt wird. Er sollte stets die Unterschiede in den Menschen beachten, das Problem bis zum Grund untersuchen, verschiedene Ansichten hören und auf die richtige Zeit und den rechten Ort achten. So sollte der Herr stets Meister bleiben, ein weiser Meister, der sich der Tragweite seiner Pflichten bewußt ist.“

Damit endet das erste Buch „Verfeindung von Freunden“, dessen erster Vers lautet:

Im Wald wird durch den heimtückischen habgierigen Schakal des Löwen und des Stiers Liebe zerstört, die große immer wachsende.


Zurück Inhaltsverzeichnis Weiter