Pushpak Panchatantra Buch 1Zurück WeiterNews

2. Erzählung - Der König, der durch unbedachte Rede seinen Leib verliert

Im nördlichen Gebiet gibt es eine Stadt namens Lilavati („an Vergnügung reich“). Dort regierte ein König namens Mukunda („Edelstein“). Da dieser einst vom Besuch seines Lusthains zurückkam, sah er mitten in der Stadt einen buckligen Possenreißer, welcher von einer Menge von Menschen umringt war und seine Possen zum Besten gab. Er nahm ihn mit sich, behielt ihn bei sich, um sich über ihn lustig zu machen, und ließ ihn nie von seiner Seite. Als nun der Minister den Buckligen beim König sitzen sah, während er ihm vertrauten Rat mitteilen wollte, sagte er: „Oh König! Von den Weisen ist ausgesprochen: Was sechs Ohren gehört, verrät sich.“ Der König aber antwortete: „Nicht, wenn der Bucklige dabei ist.“

Eines Tages trat ein Büßer in das königliche Gemach und setzte sich neben den König. Der König, welcher wußte, daß er vieler Dinge kundig war, nahm ihn unter vier Augen und fragte ihn nach seinen Kenntnissen. Er aber lehrte den König das Geheimnis, wie man in einen toten Körper fahren könne, und verschwand alsdann. Indem der König sich die Formel dieser Totenbeschwörung einübte, lernte sie auch der Bucklige. Einst war nun der König mit dem Buckligen auf die Jagd gegangen. Da sah er in einem großen Dickicht einen Brahmanen liegen, welcher vor Durst gestorben war. Da er nun den Versuch machen wollte, ob die Formel der Totenbeschwörung richtig wäre, so fragte er: „Erinnerst du dich, Buckliger! der Totenbeschwörungsformel?“ Dieser aber, Böses im Sinn führend, antwortete trügerisch: „Ich weiß nichts davon, oh König!“ Darauf ließ der König vom Buckligen sein Pferd halten, versenkte seinen Geist in tiefe Meditation und indem er den Zauberspruch geheimnisvoll hermurmelte, ließ er den eigenen Körper fahren und versetzte seine Seele in den Leichnam des Brahmanen. In demselben Augenblicke wiederholte aber auch der Bucklige den Zauberspruch, fuhr mit seiner Seele in den leblos beiliegenden Körper des Königs, bestieg rasch dessen Pferd und sagte zu dem König: „Jetzt werde ich die Königsherrschaft haben; du aber gehe, wohin du willst auf Erden!“ Nachdem er so gesprochen, spornte er sein Pferd zur Stadt, und im Palast angekommen ergriff er die Zügel der Herrschaft.

Der König aber, im Leibe des Brahmanen steckend, erinnerte sich der Worte seines greisen Ministers und klagte sich selbst an, indem er dachte: „Oh weh! Was habe ich Unsinniger getan? Soll ich in die Stadt gehen und der Königin und dem greisen Minister sagen, was mir zugestoßen ist? Doch nein! Das ist unangemessen, denn ich werde keinen Glauben bei ihnen finden. Sie werden sagen: Wer ist das? Oder: Was ist das für eine Gestalt?“ Indem er derartiges einander Widersprechendes überdachte, wandte er sich zu einem andern Weg.

Als aber der Bucklige, welcher des Königs Körper trug, unzutreffende Reden führte, rief die Königin nach einigen Tagen den greisen Minister und sprach: „Oh Vater! Dies ist auf keinen Fall der König, denn er spricht unzutreffende Reden, die gar nicht zu den Fragen passen.“ Er verstand ihre Worte und sagte, daß er ein Mittel versuchen wolle, wodurch der König wiedergefunden werden würde. Nachdem er sich von dem falschen König, dem früheren Buckligen nämlich, die Erlaubnis hatte geben lassen, begann er, an die bedürftigen Fremdlinge Speisen zu verteilen, wusch einem jeden derselben die Füße und rezitierte dabei diesen Halbvers „Was sechs Ohren gehört, verrät sich; aber nicht, wenn der Bucklige dabei ist.“ und fragte einen jeden nach dem andern Halbvers.

Als sich nun dieses Gerücht verbreitete und der König, welcher den Leib des Brahmanen trug, es hörte und alles sorglich überlegte, verließ er den Ort, wo er sich befand, und wanderte betrübt nach seiner eigenen Stadt, indem er dachte: „Sicherlich hat dies meine Frau veranstaltet, um mich wiederzufinden.“ Nach einigen Tagen kam er am späten Abend in die Stadt zum Haus, wo die Speisen verteilt wurden. Dort sagte er zu dem Minister, welcher anwesend war: „Lieber! Ich bin ein Brahmane, der aus fernem Lande kommt. Da ich hungrig bin, so bin ich überzeugt, daß ich sogleich ein Mahl erhalten werde, obgleich es zur Unzeit ist.“ Der Minister, obwohl er schon nach Hause gehen wollte, blieb, da er sah, daß es ein Brahmane war, der von Hunger gequält ward, wusch ihm die Füße und rezitierte, wie gewöhnlich jenen Halbvers. Der König aber, welcher in des Brahmanen Leib steckte, antwortete das Nachfolgende, nämlich den zweiten Halbvers: „Der Bucklige wird zum König, und der König zum Bettler und Vagabund.“

Nachdem der Minister ihn weiter befragt und alles ihn Betreffende erfahren hatte, nahm er ihn voller Freude mit sich nach Hause, ehrte ihn, wie es sich geziemt, und sprach: „Sieh nun, oh Herr! die Stärke meiner Weisheit! Ich werde dich wieder zum König machen, nachdem du deinen Körper wieder in Besitz genommen hast.“ Nachdem er so geredet, ging er sogleich zu der Königin. Diese fand er, einen toten Papagei in den Armen haltend und darüber jammernd. Darauf sprach er zu ihr: „Das ist eine schöne Vorbedeutung, oh Herrin! Denn dieser Papagei wird uns als Mittel dienen, unseren Zweck zu erreichen. Rufe den falschen König und sage ihm: «Gibt es einen Zauberer in dieser Stadt, welcher bewirken kann, daß dieser Papagei ein einziges Wort nur spricht?» Wenn du dieses sagst, so wird jener, stolz auf seine Wissenschaft der Totenbeschwörung, sich damit brüsten wollen und aus dem königlichen Leib in den des Papageien fahren. In demselben Augenblicke wird der König, hinter mir stehend, sich in seinen eignen Körper versetzen und seine königliche Herrschaft wieder erlangen.“ Und nachdem so geschehen war, brachte der Minister den Papagei, welchen der Bucklige belebt hatte, um. - Darum habe ich früher gesagt: „Was sechs Ohren gehört, verrät sich. Wenn der Bucklige dabei ist, dann wird der Bucklige zum König, und der König zum Bettler und Vagabund.“

Darauf zogen sich sämtliche Tiere, den Tiger, Leoparden und Wolf an der Spitze, nachdem sie in der Versammlung diese Worte gehört und Pingalakas Absicht erkannt hatten, sogleich zurück. Alsdann fragte Damanaka: „Warum hat der Herr, nachdem er sich aufgemacht hatte, um Wasser zu trinken, sich umgewandt und ist hier stehen geblieben?“ Pingalaka antwortete mit einem verschämten Lächeln: „Es ist gar nichts!“ Doch jener sagte: „Majestät, wenn du es nicht sagen willst, so möge es ruhen! Man sagt auch: Der Frau ist manches, manches ist auch den Freunden oder den eigenen Söhnen zu verbergen, und nach reiflicher Überlegung, ob es passend ist oder nicht, sagt es der Weise nur, wo er großes Vertrauen hegt.“

Als er dieses hörte, dachte Pingalaka: „Er scheint Vertrauen zu verdienen, drum will ich ihm sagen, was ich vorhabe. Man sagt auch: Wer einem unzweideutigen Freund, einem tugendhaften Knecht, einer treuergebenen Gattin oder einem wohlgesinnten Herrn seinen Kummer klagt, wird froh.“ Und so sprach er: „Ach, Damanaka! hörst du das starke Gebrüll aus der Ferne?“ Dieser antwortete: „Ja, Herr! Was weiter?“ Pingalaka sagte: „Lieber! ich will weg aus diesem Wald.“ Damanaka fragte: „Aus welchem Grund?“ Pingalaka antwortete: „Weil jetzt irgendein ungeheures Tier in unseren Wald gekommen ist. Da seine Stimme so gewaltig ist, so muß es notwendig eine Kraft haben, die dieser Stimme entspricht.“

Damanaka sagte: „Es ziemt sich nicht, daß der Herr vor einem bloßen Ton in Furcht gerät. Denn es heißt auch: Die Brücke wird vom Wasser gebrochen, ein Zauber bricht, bleibt er nicht geheim, Liebe aber bricht durch Heimtücke und der Ängstliche durch Töne. Drum schickt es sich nicht für den Herrn, den von seinen Vorgängern eroberten Wald aufzugeben. Dieweil es mancherlei Töne gibt, wie die der Pauke, des Rohrs, der Laute, der Trommel, der Zimbel, der Kesselpauke, der Muschel, der dicken Trommel und anderer, so darf man sich nicht vor einem bloßen Ton fürchten. Man sagt auch: Wer nicht den Mut verliert, wenn sich als Feind selbst ein äußerst mächtiger und furchtbarer König naht, der geht nimmermehr zugrunde. Selbst wenn der Schöpfer Schrecknisse zeigt, entsinkt dem Helden nicht der Mut; wenn vor Hitze die Teiche trocknen, dann lernt man erst den Ozean kennen. Und so: Der im Unglück nicht betrübt wird, nicht stolz im Glück oder mutlos im Kampf, solch einen Sohn, der Welt Zierde, bringt selten eine Frau zur Welt. Menschen, die ohne Ehrgefühl sind, teilen das gleiche Los wie Grashalme: Sie beugen sich aus Mangel an Kraft und innerer Stärke. Und auch: Was in der Feuerprüfung sich nicht als echt erweist, was nützt das schöngoldene Aussehen, einem lackierten Armband gleich? Dieses möge der Herr beherzigen und seinen Mut zusammennehmen. Man darf sich nicht vor einem bloßen Ton fürchten. Denn man erzählt auch: Erst habe ich gedacht, dieses wäre ganz von Fleisch angefüllt, doch eingedrungen sehe ich nun, daß es nichts als Fell und Holz ist.“

Da fragte Pingalaka „Wie war das?“, und jener erzählte:

3. Erzählung - Der Schakal und die Pauke

In einem gewissen Lande irrte ein Schakal namens Gomayu („Schakal“) mit vor Hunger abgezehrter Kehle hier und dort im Wald umher und sah das Schlachtfeld zweier Heere. Dort hörte er den Ton einer Pauke, welche dort lag und von den Spitzen einiger vom Winde bewegter Baumzweige geschlagen ward. Da dachte er mit Schrecken im Herzen „Oh weh! ich bin verloren! Ich will anderswohin gehen, ehe ich noch in den Gesichtskreis dieses brüllenden Tieres gerate. Doch nein! Es ziemt sich nicht den von den Vätern ererbten Wald urplötzlich aufzugeben. Man sagt auch: Wer bei Schrecken und bei Freude zuerst sorgfältig untersucht und nimmer übereilt handelt, der hat später nichts zu bereuen. Darum will ich erst sehen, von wem dieser Ton ausgeht!“

So faßte er Mut und untersuchte. Wie er sich nun Schritt für Schritt näherte, sah er die Pauke. Wenn sie vermittelst des Windes von den Spitzen der Zweige bewegt wurde, dann tönte sie, sonst war sie still. Nachdem er sie genau betrachtet hatte, ging er nah und schlug selbst vergnügt darauf. Doch weiter dachte er voller Freude: „Es ist lange her, daß mir ein so großes Fressen zugefallen ist! Das (tote Tier) wird sicherlich voll von Fleisch, Mark und Blut sein!“ Nachdem er darauf die aus hartem Fell bestehende Decke mit Mühe zerbissen, an einer Stelle ein Loch gemacht und sich sogar eine Zahn abgebrochen hatte, drang er hinein. Da er nun sah, daß es nur aus Holz und Fell bestand, verlor er alle Hoffnung und sagte jene Strophe her:

Erst habe ich gedacht, dieses wäre ganz von Fleisch angefüllt, doch eingedrungen sehe ich nun, daß es nichts als Fell und Holz ist.

Daher darf man sich nicht vor einem bloßen Ton fürchten.“

Pingalaka sagte: „Ach! sieh doch! Mein ganzes Gefolge ist ganz außer sich vor Furcht und will auf und davon laufen. Wie soll ich da festen Mut fassen?“ Und jener antwortete: „Herr! das ist nicht ihre Schuld. Diener werden ihrem Herrn ähnlich. Man sagt auch: Roß und Waffen, Lehre und Rede, Zither, Männer und auch Weiber werden je nach ihrem Meister brauchbar oder auch unbrauchbar. Fasse also Mut und bleib hier so lange, bis ich das Wesen dieses Tones erkannt habe und wieder zurück bin. Nachher alsdann möge den Umständen gemäß gehandelt werden.“

Da fragte Pingalaka: „Hast du Mut genug, dahin zu gehen?“ Und jener antwortete: „Was gibt‘s, was nicht ein braver Dienstmann auf seines Herrn Befehl tun oder lassen müßte? Man sagt auch: Ein guter Diener kennt keine Furcht, sobald ihm sein Herr befiehlt. Er stürzt sich sogar ins Feuer oder in das grenzenlose Meer. Und so: Ein Diener, der wenn sein König befiehlt, erst überlegt, ob das Gebot leicht oder schwer ist, den verschmähe ein Herrscher, der nach Größe strebt.“

Pingalaka sagte: „Lieber! Wenn dem so ist, so gehe. Deine Wege mögen glücklich sein!“ Damanaka dagegen, nachdem er sich vor ihm verbeugt hatte, machte sich auf den Weg, indem er dem Gebrüll des Sanjivaka nachging. Nachdem sich Damanaka aber entfernt hatte, dachte Pingalaka von Furcht bewegt: „Ach! ich habe nicht gut daran getan, daß ich zu ihm Zutrauen faßte und ihm meine Gedanken kundgab. Dieser Damanaka nimmt vielleicht von beiden Parteien Sold und führt gegen mich Schlechtes im Sinn, weil er sein Amt verloren hat. Man sagt auch: Diejenigen, die der Herr schmäht, nachdem er sie zuerst geehrt hatte, die trachten stets danach, ihn zu stürzen, selbst wenn sie von edlem Hause sind. Drum will ich, bis ich seine Absichten kenne, mich nach einem andern Ort verfügen und ihn da erwarten. Vielleicht kehrt Damanaka mit jenem zurück, um mich umzubringen. Denn man sagt auch: Selbst Schwache, wenn sie nicht vertrauen, werden von Starken nicht besiegt, aber Starke, wenn sie vertrauen, werden von Schwachen selbst besiegt. Nicht einmal auf Vrihaspatis Treue (dem Lehrer der Götter) setzt ein weiser Mann Vertrauen, welcher Gedeihen für sich wünschet und langes Leben und Genuß. Auf einen Feind ist kein Verlaß, gelobt er Frieden eidlich auch; denn als Vritra nach dem Reich strebte, schlug ihn Indra mit einem Schwur. Ohne Vertrauen erliegt wahrlich sogar der Feind der Götter nicht; und weil er vertraute, ward Ditis Sohn (Vritra) vom Götterherrn zerschmettert.“

Nachdem er so überlegt hatte, ging er nach einem andern Ort und blieb da allein, indem er Damanakas Weg beobachtete. Damanaka dagegen ging in die Nähe des Sanjivaka, und als er sah, daß es ein Stier war, dachte er mit erfreutem Herzen: „Aha, das hat sich gut getroffen! Denn dadurch, daß ich jenen mit diesem befreunde oder verfeinde, wird Pingalaka unter meine Herrschaft geraten. Denn man sagt auch: Trotz ihrer Freundschaft und Tugend folgt ein König der Räte Wort nicht eher, als er in Leiden versinkt und in Mißgeschick. Ein König der in Unglück fiel, ist ein Fressen für seinen Rat; darum wünschen auch Staatsräte, daß den König ein Unfall trifft. Wie ein Gesunder niemals, auch selbst nach dem besten Arzt begehrt, so verlanget auch nie ein König nach seinen Räten, welcher frei von Not ist.“

Unter diesen Gedanken machte er sich auf den Weg zu Pingalaka. Pingalaka aber, da er ihn herankommen sah, verzog keine Miene und veränderte seine Stellung nicht. Damanaka, nachdem er sich ihm genähert hatte, verbeugte sich vor ihm und setzte sich nieder. Pingalaka sprach: „Lieber, hast du das Geschöpf gesehen?“ Damanaka antwortete: „Mit des Herrn gnädiger Erlaubnis: ja!“ Pingalaka sagte: „Ist das auch wahr?“ Damanaka antwortete: „Ist es möglich, vor Eurer Majestät eine Unwahrheit zu sagen? Man sagt auch: Wer auch nur eine ganz kleine Unwahrheit vor den Königen und Göttern spricht, dem droht rasches Verderben, wäre er auch noch so groß. Und so: Sämtlicher Götter Abbild ist der Gebieter, wie Manu lehrt. Drum soll man vor ihm zu jeder Zeit ohne Betrug wie vor Gott selbst stehen. Der Fürst, der Götter Abbild zwar, ist darin doch unterschiedlich: Von ihm kommt Glück und Unglück sogleich, von den Göttern erst in der kommenden Welt.“

Pingalaka sagte: „So wirst du es denn also wirklich gesehen haben! Es dachte wohl «Ein Großer zürnt einem Kleinen nicht.» und hat dich deshalb verschont. Man sagt ja: Den schwachen Halm, welcher sich aller Orten beugt, entwurzelt nie des Sturms Gewalt. Sie schmettert nur den hohen Baum nieder, denn der Gewaltige begehrt Kampf einzig mit dem Gewaltigen. Und so: Selbst der gewaltige Elefant gerät nicht in Zorn, wenn die Biene, trunken umherirrend, begierig nach dem Saft, der aus seinen Schläfen trieft, ihn mit ihren Füßchen tritt. Aber gegen gleiche Stärke erzürnt sich der Starke gewaltig.“

Damanaka sagte: „So ist es: Jenes ist mächtig, ich bin schwach. Trotzdem bin ich bereit, wenn der Herr befiehlt, es zu deinem Diener zu machen.“ Da sprach Pingalaka seufzend: „Vermagst du das zu tun?“ Und Damanaka antwortete: „Was ist für den Verstand unmöglich? Man sagt ja: Nicht durch Waffen, Elefanten, Rosse oder Heere wird etwas so zu Stand gebracht, wie es der Verstand zustande bringt.“ Pingalaka sagte: „Wenn dem so ist, so erhebe ich dich zum Amt des Ministers. Von jetzt an ist beschlossen, daß ich weder Gunst noch Strafe oder Ähnliches ohne dich verhänge. Deswegen gehe rasch und bewirke, daß er sich mir unterwirft!“

Damanaka antwortete „So sei es, gut!“, verbeugte sich, ging wieder zu Sanjivaka und sagte verächtlich: „Komm, komm! du schlechter Stier, Pingalaka fordert dich vor sich! Warum brüllst du in einem fort für nichts und wider nichts, da dir doch keine Gefahr droht?“

Sanjivaka, nachdem er dies gehört, sprach: „Lieber! wer ist dieser Pingalaka?“ Da antwortete Damanaka voll Erstaunen: „Wie? Kennst du gar den König Pingalaka nicht? Warte nur, du wirst ihn augenblicklich durch die Folgen kennenlernen! Steht er nicht da, der gewaltige Löwe, Pingalaka mit Namen, von allem Wild umgeben, im Kreise, in der Nähe des Feigenbaums, das Herz von Stolz gehoben, der Gebieter, reich an den höchsten Tugenden?!“

Nachdem er dies gehört, hielt Sanjivaka sein Leben für verloren und sank in tiefe Betrübnis. Dann sprach er: „Lieber! du scheinst ein gutes Herz zu haben und der Rede kundig zu sein. Wenn du mich notwendig hinführen mußt, so erwirke mir von seiten des Königs die Gnade, daß er mir mein Leben verbürgt.“

Damanaka sprach: „Was du sagst, ist wahr. Es ist eine Regel der Lebensweisheit. Es heißt ja: Der Erde Ende ist erreichbar, auch das Ende des Meeres und der Berge, doch die Gedanken eines Königs nimmer und nirgends von keinem je. Drum bleib du hier, bis ich ihn durch einen Eid verpflichtet habe. Nachher werde ich dich dorthin führen.“

Nachdem dies geschehen, ging Damanaka zu Pingalaka und sagte: „Oh Herr, dies ist kein gewöhnliches Tier! Es ist der Stier, welcher den erhabenen Shiva trägt. Und als ich ihn fragte, sagte er Folgendes: «Der hohe Herr hat mich, um mir seine vollständige Zufriedenheit zu bezeigen, angewiesen, die trefflichen Kräuter am Ufer der Yamuna zu fressen. Mit einem Wort: Dieser Wald ist mir vom Erhabenen zum Spielen geschenkt.»“

Da sprach Pingalaka: „Jetzt erkenne ich den wahren Sachverhalt: Nicht ohne Gottes Gnade irren Grasfresser in einem solchen von Raubtieren angefüllten Walde furchtlos brüllend umher! Was hast du alsdann erwidert?“

Damanaka sagte: „Herr! ich habe Folgendes erwidert: Dieser Wald ist das Eigentum meines Gebieters, des Löwen Pingalaka mit Namen, welcher der Träger der Chandika (der Frau von Shiva) ist. Du, der du hierhergekommen, bist ihm ein lieber Gast. Darum geh zu ihm hin! Ihr sollt in brüderlicher Liebe zusammen essen, trinken und euch am selben Ort vergnügend die Zeit vertreiben. Darauf war er dies alles zufrieden und sagte: «Bewirke, daß der König mir durch einen Handschlag Sicherheit verbürgt!» Jetzt hat nun der Herr zu befehlen.“

Nachdem er dies gehört, sprach Pingalaka voll Freude: „Schön, du Verständiger! Schön, du Muster von einem Minister! Trefflich, du hast mir ganz aus dem Herzen gesprochen. Hier hast du meine Hand als Bürge für seine Sicherheit! Aber verlange dieselbe Versicherung auch für mich von ihm und führe ihn dann so schnell als möglich hierher. Mit Recht sagt man aber auch: Nähte (bzw. Bündnisse) von vortrefflichem Mark, gerade, feste und wohlgeprüfte, die sind des Königtums Stützen, wie solche Pfeiler des Palasts. Wo Zwieträchtiges zu versöhnen ist, da zeigt sich des Politikers Kunst, wie des Arztes Kunst bei Lebensgefahr: Steht alles gut ist jeder klug.“

Damanaka verbeugte sich nun, machte sich auf den Weg zu Sanjivaka und dachte voller Freude: „Aha, der Herr zeigt uns ein gnädiges Gesicht und handelt ganz nach unserm Willen. So ist denn keiner glücklicher als ich. Man sagt auch: Nektar ist die Wärme in der Kälte, Nektar ist des Geliebten Blick, Nektar die Gunst des Erdherrschers und Nektar ist die Freundschaft des Redlichen.“

Nachdem er darauf zu Sanjivaka gekommen war, sagte er freundlich: „Lieber Freund! Ich habe den Herrn zu deinen Gunsten gnädig gestimmt und bewirkt, daß er dir Sicherheit verspricht. Drum gehe ohne Zagen! Nachdem du aber des Königs Gunst erlangt hast, mußt du in Übereinstimmung mit mir handeln: Du darfst nicht stolz werden und nicht eigenmächtig verfahren. Auch ich werde, sobald ich mein Ministeramt angetreten habe, in Übereinstimmung mit dir die ganze Last der Regierung tragen. Wenn wir so verfahren, werden wir alle beide das Glück der Herrschaft genießen. Denn: Der Erde Fülle fällt Männern nach Jägerrecht in die Hände: Der eine hetzt das Wild, der andere schlägt es tot. Und so: Wer aus Übermut nicht Hohe, Niedere und Mittlere ehrt - und genoß er auch fürstliche Ehren - der fällt wie Dantila.“

Da fragte Sanjivaka „Wie war das?“, und jener erzählte:

4. Erzählung - Dantila und der Schloßfeger

Hier auf dem Erdboden liegt eine große Stadt mit Namen Vardhamana. Da wohnte ein reicher Kaufherr, Vorsteher der ganzen Stadt, namens Dantila. Während dieser die Geschäfte der Stadt und des Königs besorgte, waren sämtliche Einwohner dieser Stadt und der König überaus zufrieden. Wozu viele Worte? Ein Mensch, so geschickt wie dieser, ward nie wieder gesehen noch gehört. Sagt man doch mit Recht: Wer des Königs Vorteil dient, zieht sich des Volkes Haß zu; doch wer des Landes Vorteil dient, der verliert des Königs Gunst. Da ein solcher unvereinbar großer Widerspruch hier herrscht, ist ein Mann, der Fürst und Land gleichmäßig dient, ein seltener Schatz.

Indem er sich nun in dieser Lage befand, fand einst in seinem Hause eine Hochzeit statt. Da wurden von ihm alle Bewohner der Stadt und die Leute aus des Königs Umgebung ehrenvoll eingeladen, gespeist und mit Kleidern und ähnlichem beehrt. Nach der Hochzeit wurde der König samt seines nächsten Gefolges in das Haus geführt und hochgeehrt. Dieser König hatte aber einen Palastreiniger, namens Gorambha („wie ein Stier brüllend“). Der war mit ihm ins Haus gekommen und hatte sich über des Königs Hauspriester auf einem für ihn unangemessenen Platz niedergelassen. Da wurde er verächtlich am Hals gepackt und hinausgeworfen. Seit dieser Zeit seufzte er über diesen Schimpf und fand selbst in der Nacht keinen Schlaf mehr. Er überlegte: „Wie kann ich diesen Kaufmann um des Königs Gunst bringen? Und wenn nicht? Warum lasse ich meinen Körper umsonst so abmagern, wenn ich es ihn gar nicht entgelten lassen kann? Sagt man ja doch mit Recht: Wozu ereifert sich ein Mann übermäßig, der sich doch nicht rächen kann? Die Erbse, springt sie auch noch so hoch, bricht doch die Pfanne nicht entzwei.“

Als nun der König um Tagesanbruch in tiefe Meditation (Andacht) versunken war und jener neben dem Bette reinigte, sprach er: „Ha, diese entsetzliche Frechheit des Dantila, daß er des Königs Gemahlin umarmt!“ Der König hörte es, sprang eilig auf und sagte: „He, he, Gorambha! Ist das wahr, was du gesagt hast? Hat Dantila die Königin umarmt?“ Gorambha antwortete: „Ich habe die ganze Nacht beim Spiel durchwacht, und so hat mich, obgleich mit Reinigen beschäftigt, wider Willen der Schlaf beschlichen. Daher weiß ich nicht, was ich gesagt habe.“ Da sprach der König voll Eifersucht für sich: „Dieser hat ja ungehinderten Zutritt in mein Haus und so auch Dantila. Daher kann er vielleicht einmal gesehen haben, wie der die Königin umarmte und hat deswegen dies gesprochen. Denn man sagt auch: Was die Menschen bei Tag wünschen, was sie sehen oder was sie tun, so sprechen und handeln sie aus Gewohnheit auch im Schlaf. Und so: Was Gutes oder was Böses in den Herzen der Menschen ruht, und wäre es auch noch so heimlich, in Rausch und Traum wird's ausgeschwatzt. Was aber die Frauen anbetrifft, wie kann da auch nur ein Zweifel bestehen? Man sagt ja: Mit einem unterhalten sie sich, dem andern werfen sie Blicke zu, den dritten tragen sie im Herzen: Wer in aller Welt ist von Frauen wirklich geliebt? Und auch: Mit einem sprechen sie reich an Worten, die roten Lippen von Lächeln erfüllt, den andern blicken sie mit Augen an, wie ein aufblühender Lotus strahlend und weit, den dritten denken sie im Herzen, vielfach bewegt, von Sitte fern: Wodurch steckt so die Schönäugige voll Liebe im höchsten und weitesten Sinn? Feuer wird nicht satt der Späne, alle Flüsse sättigen nicht den Ozean, alle Wesen nicht den Todesgott und die Männer nicht die Schönäugige. Nur wenn Heimlichkeit, Gelegenheit und ein Mann fehlt, der sie begehrt, dann, oh Narada! wird Keuschheit auch in der Weiber Brust wohnen. Und so: Welcher Narr sich betört einspricht „Meine Geliebte liebt mich!“, der muß stets wie ein Spielvogel im Käfig, nach ihrem Willen tun. Wer ihre Worte und Werke - wenn noch so wenig oder viel - ausführt, der zieht durch sein Treiben sich in der Welt Verachtung zu. Wer Verlangen dem Weib kundgibt, sich ihm nähert und ihm auch nur die kleinste Höflichkeit zeigt, nach dem begehrt auch das Weib. Nur die Furcht vor der Umgebung und Mangel an Begehrenden ist der zuchtlosen Weiber einzige Zucht zu aller Zeit. Keinen gibt's, den sie verschmähen, selbst das Alter hält sie nicht ab. Einerlei, ob schön ob häßlich, ist es nur ein Mann, dann lieben sie ihn. Den Liebhaber verbrauchen die Weiber gleichwie einen Unterrock, um die Hüfte geschlungen zerreiben sich beide, der hängend an Schönheit, der andre am Band. Ein Verliebter sowie rote Schildläuse (woraus rote Farbe gewonnen wurde), die werden gleich weggeworfen, sobald das zarte Weib sie kräftig ausgepreßt hat.“

Nachdem der König in dieser Weise vielfache Klagen ausgestoßen hatte, entzog er von dieser Zeit an dem Dantila seine Gunst. Um es kurz zu machen: Es wurde ihm sogar der Eintritt in des Königs Tor versagt. Dantila aber, da er sah, daß er ohne alle Veranlassung die Gunst des Königs der Erde eingebüßt hatte, dachte: „Ach! mit Recht heißt es auch: Welcher Reiche bläht sich nicht auf? Wes Sinnlichen Leiden enden je? Wem ist auf Erden von Weibern nicht das Herz gebrochen? Wen liebt ein Fürst? Wer fällt nicht in des Todes Gewalt? Welcher Dürftige kam zu Ansehen? Und wer, in die Netze des Bösen gefallen, kam je mit heiler Haut davon? Und so: Ehrlichkeit bei Krähen, Wahrheit bei Spielern, Sanftmut in Schlangen, Liebessättigung bei Weibern, Mut beim Eunuchen, Überlegung beim Trunkenbold oder einen Fürst, der zugleich ein Freund ist: Wer hat das je gesehen noch gehört? Übrigens habe ich weder diesem Fürsten noch sonst irgend jemand auch nur im Schlaf etwas zuleide getan. Was bedeutet das nun, daß der König sich von mir abgewendet hat?“

Als nun der Schloßfeger einst sah, wie Dantila auf diese Weise von des Königs Tor abgewiesen ward, sagte er spottend zu den königlichen Torhütern: „He, he, ihr Torhüter! Dieser Dantila steht hoch in des Königs Gunst und verhängt aus eigner Machtvollkommenheit Strafe und Belohnung. Wie ich, so werdet auch ihr von ihm, weil ihr ihn abweist, am Hals gepackt werden.“

Da Dantila dieses hörte, dachte er: „Das ist sicher das Werk von diesem! Sagt man ja doch mit Recht: Ein Gemeiner, ja selbst ein Tor, wird aller Orten hochgeehrt, sobald er in des Königs Dienst steht, auch wenn nicht in hohen Würden. Ein Mensch, der in des Fürsten Dienst steht, auch wenn er unwürdig und feige ist, wird doch trotzdem von Niemanden mit Verächtlichkeit behandelt.“

Nachdem er so geklagt, ging er mit beschämtem Herzen voller Angst nach Hause, ließ gegen Nachtwerden Gorambha rufen, beehrte ihn mit einem Paar Gewändern und sagte ihm Folgendes: „Lieber! Nicht aus Feindschaft habe ich dich damals aus dem Hause bringen lassen. Weil du dich über den Brahmanen an einem unpassenden Platz niederließt, bist du beleidigt worden. Verzeih es mir!“

Dieser aber, dem das Paar Kleider vorkam, als wäre es das Himmelreich, wurde überaus erfreut und sagte: „Oh Kaufherr! dir ist verziehen. Zum Dank für diese Ehre sollst du die Macht meines Verstandes und des Königs Gunst kennenlernen.“

Nachdem er dies gesagt, ging er voller Freude weg. Mit Recht sagt man: Durch eine Kleinigkeit steigt es und durch eine Kleinigkeit sinkt es: Ach! wie sehr ist des Gemeinen Denken dem Waagebalken gleich.

Nachdem Gorambha am folgenden Tag darauf zu Hofe gegangen war, besorgte er das Reinigen, während der König in tiefe Meditation versunken war und sprach dabei Folgendes: „Ach! welcher Unverstand von unserem König, daß er, während er seine Notdurft verrichtet, Gurken ißt!“ Der König hörte dies, stand voll Erstaunen auf und sagte: „He, he, Gorambha! was für ungebührliche Dinge sprichst du da? Nur weil ich denke, daß du ein Hausdiener bist, laß ich dich am Leben. Hast du mich jemals etwas Derartiges tun sehen?“ Jener antwortete: „Ich habe beim Spiel die ganze Nacht durchwacht und so hat mich, obgleich ich mit Reinigen beschäftigt bin, wider Willen der Schlaf beschlichen. Von diesem überwältigt weiß ich nicht, was ich gesagt habe. Drum möge der Herr mir Gnade schenken, da ich in der Gewalt des Schlafes war.“ Nachdem er dies gehört, dachte der König: „Ich habe doch in meinem ganze Leben während ich meine Notdurft verrichtete noch nie das kleinste Gürkchen gegessen! So wie nun diese Handlung, die mir jener Narr nachgesagt, nicht wahr ist, so ist es sicher auch mit der von Dantila! Darum habe ich nicht recht getan, daß ich dem Armen meine Gunst entzog. Solchen Leuten darf man solche Dinge niemals glauben! Wenn er irrt, dann gehen alle Angelegenheiten sowohl des Königs als der Stadtbewohner aus den Fugen.“

Nachdem er in dieser Weise mehrfach überlegt hatte, ließ er den Dantila rufen, ihm seines eigenen Leibes Schmucksachen und Gewänder anlegen und übergab ihm die oberste Aufsicht. Daher sage ich: „Wer aus Übermut nicht Hohe, Niedere und Mittlere ehrt - und genösse er auch fürstliche Ehren - der fällt wie Dantila.“

Sanjivaka sagte: „Lieber, was du gesagt hast, ist wahr! So möge es denn gerade so gehalten werden!“ Nach diesen Worten ging Damanaka mit ihm zu Pingalaka und sagte: „Oh Herr! Hier ist Sanjivaka, von mir hierher geführt. Majestät haben nun zu befehlen!“ Sanjivaka seinerseits verbeugte sich ehrfurchtsvoll und stellte sich voll Bescheidenheit ihm gegenüber. Pingalaka aber reichte seine mit Nägeln wie Donnerkeilen geschmückte rechte Hand dem mit fettem und großem Buckel versehenen Stier und sprach, indem er ihn ehrenvoll begrüßte: „Befindest du dich wohl? Woher bist du in diesen menschenleeren Wald gekommen?“ Jener erzählte ihm seine ganze Geschichte, die Art und Weise wie er vom Händler Vardhamanaka getrennt ward. Nachdem Pingalaka dies gehört, sagte er: „Freund, fürchte dich nicht! Wohne nach Belieben in diesem von meinem Arm geschützten Wald! Im übrigen mußt du dich stets in meiner Nähe vergnügen, denn dieser Wald ist voll von vielen Gefahren, von vielen schrecklichen Tieren bewohnt und bietet selbst großen Tieren, die sich von Kräutern ernähren, keinen sichern Aufenthalt.“

Nachdem er so gesprochen, ging der König des Wildes zum Ufer der Yamuna herab, trank und badete nach Lust, und ging dann wieder in den Wald, nach Gutdünken umherwandelnd. Und nachdem er darauf die Last der Regierung dem Karataka und Damanaka anvertraut hatte, gab er sich dem Genuß der schönen Unterhaltung und Gesellschaft mit Sanjivaka hin. Durch Sanjivaka aber, welcher sich durch mancherlei Wissenschaften eine hohe Verstandesbildung erworben hatte, wurde schon in wenigen Tagen sogar der stumpfsinnige Pingalaka verständig gemacht. So ließ er ab vom wilden Leben und gewöhnte sich an gesittete Lebensweisen. Um es kurz zu machen: Tag für Tag pflegten Pingalaka und Sanjivaka allein im Geheimen miteinander Rat, und sämtliches übrige Gefolge stand in der Ferne; selbst die beiden Schakale konnten keinen Zutritt mehr erlangen. Und da nun außerdem der Löwe seine Stärke nicht gebrauchte, so wurden das gesamte Volk des Wildes und diese beiden Schakale von Hunger und Leid geplagt. Sie zogen sich daher nach einer und derselben Gegend zurück und blieben da. Denn man sagt auch: Einen König, der keine Ehrfurcht hervorruft - wenn er auch hohen Geschlechts und edel ist - verläßt der Diener, gleichwie Vögel dürre Bäume, und geht davon. Und so: Auch Diener, die der Herr ehrte, die guten Hauses sind und treu, verlassen einen Erdenherrscher, wenn er sie Mangel leiden läßt. Ferner: Wenn ein König nie in Rückstand mit seiner Diener Unterhalt ist, dann verlassen sie ihn niemals, selbst wenn er sie beleidigt. Und so verhält es sich nicht bloß mit den Dienern, vielmehr steht sogar die ganze Welt um der Nahrung willen durch Freundlichkeit und die übrigen Mittel (der königlichen Regierung, nämlich Versöhnung, Belobigung, Trennung und Strenge) in gegenseitiger Verbindung. Denn: Die Fürsten gegen Länder, die Ärzte gegen Kranke, Verkäufer gegen Käufer, die Klugen gegen Törichte, die Diebe gegen Sorglose, Durstige gegen Besitzende, die Dirnen gegen Liebhaber oder die Handwerker gegen alle Welt, sie spannen bei Tag und Nacht ihre Schmeichelnetze und ähnliches, gleichwie die Fischer nach Kräften von Fischen ihre Nahrung ziehen.

Sagt man doch mit Recht auch Folgendes: Die Pläne der Schlangen, der Nichtsnutzigen und der Räuber von fremdem Gut werden nicht vollendet; dadurch besteht diese Welt. Des Ganesha Maus zu fressen begehrt die hungrige Schlange Shivas, diese aber begehrt der Pfau des Skanda und diesen begehrt der Löwe der Durga. Wenn aber dies sogar der Familie Treiben in Shivas Haus ist, wie sollte es nicht auch sonst so in der Welt sein? Von ihm hat diese ja ihre Gestalt.

Karataka und Damanaka, der Gunst ihres Herrn beraubt und die Kehle von Hunger abgezehrt, berieten sich darauf miteinander. Da sagte Damanaka: „Ehrwürdiger Karataka! So ist es denn mit unserem Ministerium schon zu Ende! Dieser Pingalaka, ganz verliebt in Sanjivakas Worte, hat einen Widerwillen gegen seine eigene Beschäftigung gefaßt. All sein Gefolge ist auf und davongegangen. Was ist nun zu tun?“

Karataka sagte: „Du mußt ihn ermahnen, sollte er auch nicht tun, was du sagst, damit auf dich keine Schuld fällt. Denn man sagt auch: Den Fürsten soll sein Rat mahnen, selbst wenn er nicht der Mahnung folgt, wie Vidura den Dhritarashtra beriet, damit ihn keine Sünde trifft. Wenn ein König und Elefant aus Übermut auf falschem Weg wandeln, dann verdient der Führer den Tadel, der in ihrer Nähe ist. Das ist die Folge davon, daß du diesen Grasfresser zu dem Herrn gebracht hast. Du hast die brennenden Kohlen mit eigener Hand herbeigeschafft.“

Damanaka sagte: „Das ist wahr! Es ist meine Schuld, nicht die des Königs. Denn man erzählt auch: Der Schakal durch ein Widderfechten, ich durch Ashadhabhuti (unwiderstehliche Macht) und die Kupplerin durch Stellvertretung: drei Mißgeschicke aus eigener Schuld.“

Da fragte Karataka „Wie war das?“, und jener erzählte:


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