Pushpak Bhagavata Purana Buch 11Zurück WeiterNews

11.11. Die Bindung und Befreiung der Seele

Der Höchste Herr sprach:
Oh Uddhava, man kann wirklich nicht sagen, ob man hier in dieser Welt aufgrund meiner natürlichen Qualitäten gebunden oder befreit ist. Denn die Ursache für Bindung oder Befreiung bezüglich der natürlichen Eigenschaften liegt nicht in meiner Illusions- und Schöpferkraft (Maya), durch die es Wehklage, Verwirrung, Glück, Leid und die Anhaftung an materielle Körper gibt. Die Zyklen des körperlichen Lebens sind nur eine Vorstellung der Seele, die so wirklich ist wie ein Traum. Bitte erkenne, oh Uddhava, daß Allwissenheit und Unwissenheit zwei Formen von mir selbst sind, die durch meine ursprüngliche Illusions- und Schöpferkraft (Maya) die Befreiung und Bindung der verkörperten Wesen erscheinen lassen. Die Gebundenheit der Lebewesen, die ein wesentlicher Bestandteil meiner Einheit sind, erscheint seit unvorstellbaren Zeiten aufgrund von Unwissenheit. Und das Gegenteil (der Befreiung) erscheint aufgrund von Allwissenheit. Laß mich nun, mein Lieber, auf die unterschiedlichen Merkmale der gegensätzlichen Natur von Bindung und Befreiung eingehen, ein Gegensatz, der in ein und derselben Welt zu finden ist:

Zwei befreundete Vögel mit ähnlichem Wesen bauten eines Tages ein Nest in einem Baum. Nun ißt der eine von den Früchten des Baumes, während der andere nur gelassen zuschaut, und trotzdem der Stärkere von beiden ist. Denn der Nichtessende von den Früchten des Baumes ist allbewußt und erkennt sowohl sich selbst als auch den anderen, während der Essende kein Bewußtsein davon hat. So ist der Unwissende ewig gebunden, während der Allwissende ewig befreit ist. Selbst wenn nun ein allwissender Mensch noch in einem Körper lebt, hält er sich nicht mehr daran fest, als wäre er aus einem Traum erwacht. Dagegen hält sich eine unwissende Person am Körper fest, obwohl sie ihn gar nicht festhalten kann, als würde sie in einem Traum leben. Denn wer nicht allwissend ist, ist ausnahmslos an das Ichbewußtsein gebunden, das durch das (beschränkte) Denken an den Sinnen hängt, die wiederum von den natürlichen Eigenschaften und den entsprechenden Sinnesobjekten geleitet werden. Und so denkt die unwissende Seele, die auf diese Weise durch ihr angesammeltes Karma schicksalhaft in diesem Körper gefangen wird: „Ich bin der Handelnde!“ Ein Allwissender (mit ganzheitlichem Bewußtsein) ist nicht auf diese Weise gebunden. Wo immer er geht, ruht, sitzt, badet, fühlt, riecht, ißt, hört und so weiter, ist er losgelöst von den natürlichen Qualitäten, die er erfährt. Obwohl er in dieser materiellen Welt lebt, kann er unabhängig von ihren herrschenden Mächten mit dem geschärften Schwert der Allwissenheit und Nichtanhaftung alle Zweifel zerschlagen. So wie der Himmel, die Sonne und der Wind nicht anhaften, so haftet auch er nicht an den gegensätzlichen Dingen (der Dualität der Welt), als wäre er aus einem Traum erwacht. Denn wessen Funktion (bzw. Bewußtsein) des Lebensatems, der Sinne, des Denkens und der Intelligenz frei von Wünschen ist, der ist befreit, auch wenn er sich noch in einem Körper befindet, der von den natürlichen Erscheinungsweisen beherrscht wird. Ob nun der Körper aus irgendeinem Grund von Tieren oder bösartigen Menschen angegriffen oder von anderen verehrt wird, ein Allwissender wird davon niemals ernsthaft bewegt. Mit einer ausgeglichenen ganzheitlichen Sicht, die über die Vorstellung von Gut und Böse hinausgegangen ist, wird ein Allwissender weder diejenigen überbewerten, die gut handeln oder sprechen, noch andere abwerten, die bösartig handeln oder sprechen. Denn wer innerlich zufrieden ist, kann frei vom Handeln leben, ohne zu reden und alles mit gut oder böse bewerten zu müssen, und auf diese Weise wie ein Dummer umherwandern.

Wer dagegen die vedischen Schriften studiert hat und gelehrt ist, aber sich nicht im Höchsten vertieft, dessen mühevolle Arbeit gleicht dem, der sich bemüht, eine Kuh zu melken, die keine Milch gibt. Oh Uddhava, wer sich an eine Kuh bindet, die keine Milch gibt, oder an eine untreue Frau, einen vergänglichen Körper, unerzogene Kinder, ungerechten Reichtum oder unwissende Lehrer, die Mich nicht kennen, wird ein Elend nach dem anderen erleiden. Ein wahrhaft Weiser wird keine Worte (bzw. Texte) ohne Meine reinigenden Taten und Verkörperungen zur Erschaffung, Erhaltung und Auflösung der Welt akzeptieren. Wer nach Weisheit strebt, um damit die verkehrte Vorstellung einer (objektiven) Vielfalt aufzugeben, die getrennt von der Seele existiert, sollte dem materialistischen Leben entsagen und seinen gereinigten Geist ganz auf Mich richten, den Alldurchdringenden. Und falls du nicht in der Lage bist, dein Denken allein auf das Höchste Brahman zu richten, dann widme beständig all deine Handlungen Mir, ohne an den Früchten anzuhaften. Denn wer mit Vertrauen die Geschichten über meine Geburt und mein Wirken, welche die ganze Welt reinigen, achtsam hört, erzählt, sich beständig daran erinnert und danach lebt, und seine Lebensziele von Tugend, Verdienst und Liebe (Dharma, Artha und Kama) unter meinen Schutz stellt, wird eine unerschütterliche Hingabe an Mich, den Einen und Ewigen entwickeln. Oh Uddhava, durch diese Hingabe in heiliger Gemeinschaft (Sat-Sanga mit mir im göttlichen Bewußtsein) wird man leicht in der Lage sein, meine Zuflucht zu erreichen, wie es auch die Weisen erklären.

Da fragte Uddhava:
Oh Höchster Herr, wer wäre deiner Meinung nach eine reine Seele? Und welche Art von Verehrung, welche die Weisen erklären, würde deine Zustimmung finden? Bitte sprich darüber zu mir, deinem ergebenen Verehrer, der dich als seine einzige Zuflucht liebt, oh Meister des Universums und Höchster Geist aller Welten. Denn du bist die Höchste Wahrheit (Param Brahman) und der Höchste Geist (Purusha) des Himmels, die Höchste Natur (Prakriti) aller Welten und der Höchste Herr (Bhagavat), der auf Wunsch deiner Verehrer herabgestiegen ist und eine Vielfalt von Formen angenommen hat.

Und der Höchste Herr antwortete:
Wer barmherzig ist, keinen Schaden verursacht, tolerant zu allen Wesen und beständig in der Wahrheit verankert ist, eine tadellose Seele hat, allen gleichgesinnt und hilfreich ist, eine Intelligenz besitzt, die nicht durch weltliche Begierden gestört wird, zurückhaltend, sanftmütig, reinherzig, freigiebig und nicht weltlich ist, wer meditiert, wenig ißt, friedlich und beständig lebt, mich zu seinem Schutz hat und immer wachsam ist, eine tiefe Seele und feste Entschlossenheit hat, die leidverursachenden natürlichen Eigenschaften überwindet, Respekt zeigt, inspiriert, freundlich, mitfühlend und gelehrt, wer die Qualitäten und Mängel kennt, wie sie von mir gelehrt werden, mich verehrt und bereit ist, jede andere Neigung aufzugeben, der gehört zu den Besten der Wahrhaftigen. Doch ob Mich jemand so erkennt oder nicht, ob er weiß, wer Ich bin oder wie Ich existiere, wenn er sich ausschließlich Mir hingibt, dann zähle ich ihn zu den besten Verehrern. Denn meine Verehrer sehen, berühren und verehren mich in allen Erscheinungen dieser Welt. So dienen sie mir, beten mich an und bringen ihre Ehrerbietung dar, indem sie immer wieder über meine Qualitäten und Taten erzählen und singen. Wenn sie die Geschichten über mich hören, meditieren sie immer voller Vertrauen über mich, oh Uddhava, und widmen mir alles, was sie erwerben, wie Diener mit voller Hingabe. Wenn sie über meine Geburt und meine wundervollen Taten sprechen, haben sie große Freude an Musik, Liedern, Tänzen, Diskussionen und Festen zu meiner Verehrung. Bei allen Riten und jährlichen Feierlichkeiten, wie sie in den vedischen Schriften und ihren Tantras erwähnt werden, opfern sie mir, üben ihre Gelübde für mich und werden in mich eingeweiht. Indem sie mich voller Vertrauen als Gottheit aufrichten, bemühen sie sich für sich selbst wie auch für andere, indem sie für Blumengärten, Obstgärten, Spielplätze, Städte und Tempel arbeiten. Als aufrichtige Diener dienen sie mir, indem sie ihrer Häuser gründlich mit Wasser reinigen und entstauben, mit duftendem Wasser besprengen und Mandalas malen. Bescheiden, ohne Stolz und Prahlerei für ihren hingebungsvollen Dienst, brennen sie nicht einmal eine Lampe nur für sich selber an, sondern widmen mir alle Dinge, die ihnen am liebsten oder in der materiellen Welt am begehrenswertesten sind. Denn mit dieser Art von Opfergaben qualifiziert man sich für die Unsterblichkeit.

Sonne, Feuer, Brahmanen, Kühe, Verehrer, Raum, Wind, Wasser, Erde, das Selbst und alle Lebewesen bilden die Orte meiner Verehrung. In der Sonne verehrt man mich mit den Veden, im Feuer mit geklärter Butter, in den Brahmanen mit Gastfreundschaft, in den Kühen mit saftigem Gras, in den Verehrern mit freundlichem Respekt, im Raum des Herzens mit Meditation, im Wind mit dem inneren Lebensatem, im Wasser mit der Kraft der Reinigung, in der Erde mit vertraulichen Mantras, im Selbst mit heilsamer Nahrung für mich selbst, und in allen Lebewesen als den Kenner des Feldes, der überall gleich gegenwärtig und erkennbar ist. So sollte man an diesen verschiedenen Orten friedlich in mich vertieft meditieren und meine transzendentale Form mit Muschelhorn, Diskus, Keule und Lotusblume verehren. Wer auf diese Weise seinen Geist auf mich richtet und mich mit Opferdarbietungen und frommen Werken verehrt, erreicht das Bhakti-Yoga der liebevollen Hingabe zu mir und wird durch seinen heilsamen Dienst die Erinnerung an mich bewahren.

Oh Uddhava, es gibt kein besseres Mittel als das Bhakti-Yoga der liebevollen Hingabe, das in heiliger Gemeinschaft mit Mir verwirklicht wird, denn Ich bin der lebendige Pfad und die Zuflucht für alle Tugendhaften. Oh Nachkomme der Yadus, ich werde nun zu dir über das vertraulichste und höchste Geheimnis sprechen, denn du bist mein Diener, Verehrer und Freund, der bereit ist, zuzuhören.


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