Pushpak Vishnu PuranaZurück WeiterNews

1.12. Wie Dhruva den höchsten Stand erreicht

Parasara sprach:
Nachdem der Prinz diese Belehrung von den Weisen erhalten hatte, grüßte er respektvoll die Heiligen und verließ den Wald. Völlig entschlossen in seinem Ziel wanderte er zu jenem heiligen Ort an den Ufern der Yamuna, der als Madhuvana oder Garten von Madhu bekannt wurde, nach dem Namen jenes Dämonen, der früher hier gelebt hatte. Shatrughna (der jüngere Bruder von Rama) besiegte einst den Rakshasa Lavana, der ein Sohn von Madhu war, und gründete hier die Stadt Mathura. An dieser heiligen Pilgerstätte, die alle Sünden reinigen konnte und von der besonderen Heilwirkung Mahadevas erfüllt war, begann Dhruva seine Entsagung entsprechend der Gebote von Marichi und den anderen Weisen. Er meditierte über Vishnu, die höchste Gottheit, die in ihm selbst wohnt. Und als sein Geist von allen anderen Gedanken zurückgezogen war, erfüllte der mächtige Hari, der in allen Geschöpfen ist, sein ganzes Wesen. Oh Maitreya, als Vishnu im Herzen vollkommen gegenwärtig war, konnte die Erde, die alles natürliche Leben stützt, den Asketen kaum noch tragen. Als er auf seinem linken Fuß stand, versank die linke Seite der Erde und auf seinem rechten Fuß die andere. Als er die Erde nur noch mit seinen Zehen berührte, schwankte sie mit all ihren Bergen, Flüssen und Meeren, und sogar die Welt der Götter wurde erschüttert. Und die bedrohten Götter berieten sich mit Indra, wie sie die strenge Askese von Dhruva verhindern könnten. So begannen die himmlischen Geister der Illusion auf Geheiß von Indra verschiedenste Formen anzunehmen, um den Asketen abzulenken. Bald erschienen sie sogar in Gestalt seiner eigenen Mutter Suniti, die plötzlich mit weinenden Augen vor ihm stand und mitleiderregend sprach:
Oh mein Sohn, beende diese schreckliche Askese, die deine ganze Gesundheit zerstört! Ich habe dich unter großen Schmerzen und mit vielen Hoffnungen geboren. Wie kannst du so grausam sein und mich auf die Worte meiner Rivalin hin verlassen, so daß ich nun hilflos und ganz allein bin? Du bist doch meine einzige Hoffnung. Mit deinen fünf Lebensjahren bist du noch zu jung. Diese strenge Askese wird dir nicht bekommen, mein Sohn. Beende deshalb die schreckliche Anstrengung, welche dir keinen Nutzen bringen wird. Du lebst in der Zeit der unbesorgten Kindheit. Danach kommt die Schülerzeit, dann die Zeit der weltlichen Freuden als Hausvater und erst am Ende die asketische Entsagung und Hingabe. Oh mein Sohn, du bist noch ein Kind und solltest deine Zeit mit den Freuden des Spielens verbringen. Warum betreibst du solche Askese, um dich selbst zu vernichten? Die größte Aufgabe in deinem Alter ist deine Liebe zu mir. Verliere dich nicht in Illusion und beende dieses Verhalten gegen alle Regeln der Tugend. Wenn du diese strenge Askese nicht aufgibst, dann wirst du zusehen müssen, wie ich noch heute gramgequält mein Leben beende.

Aber Dhruva war nur auf die Sicht von Vishnu gerichtet und beachtete die weinende Mutter mit tränenerfüllten Augen nicht. Daraufhin rief sie „Fliehe! Fliehe, mein Kind! Die schrecklichen, menschenfressenden Rakshasas stürmen mit erhobenen Waffen aus dem dunklen Wald auf dich zu!“, und verschwand. An ihrer Stelle erschienen sogleich fürchterliche Rakshasas mit gewaltigen Armen, grimmigen Gesichtern und rotglühenden Augen. Sie ließen die schauerlichsten Geräusche ertönen und wirbelten ihre bedrohlichen Waffen. Hunderte Schakale heulten grauenhaft mit weitgeöffneten Mäulern, aus denen grelle Flammen loderten. Sie alle wollten den Jungen erschrecken, der in seine Meditation ganz vertieft war. Ringsherum schrien geisterhafte Kobolde: „Tötet ihn! Schlagt ihn! Reißt ihn in Stücke und freßt ihn auf!“ Diese Ungeheuer hatten die Gesichter von Löwen, Kamelen und Krokodilen und brüllten schrecklich, um das Prinzenhertz mit Terror zu schlagen. Doch all diese wilden Alpträume, entsetzlichen Schreie und drohenden Waffen der Geister konnten keinen Eindruck auf seine Sinne machen, denn der Geist war ganz auf die Gottheit gerichtet. Der Sohn des Königs der Erde war völlig im Einen verschmolzen und erkannte sich selbst ununterbrochen in Vishnu, ohne irgendetwas anderes zu sehen. Als alle Illusionen auf diese Weise kraftlos wurden, waren die Götter höchst verwirrt. Schwer besorgt durch die entsagungsvolle Hingabe des Jungen begaben sie sich hilfesuchend zu Hari, dem Ursprung der Welt, der ohne Anfang und Ende ist, und sprachen:
Oh Gott der Götter, höchster Herrscher der Welt, Gottheit und Höchster Geist! Durch die entsagungsvolle Hingabe von Dhruva werden wir zutiefst bedroht und sind hier vor dir erschienen, um deinen Schutz zu erbitten. Wie der zunehmende Mond sammelt dieser Junge unaufhörlich übermenschliche Macht durch seine Hingabe. Unsere Existenz wird durch die Askese des Sohns von Uttanapada schwer bedroht, und so bitten wir um deine Hilfe. Beruhige das lodernde Feuer seiner Meditation! Wir wissen nicht, wonach er strebt. Ist es der Thron von Indra, die Herrschaft der Sonne, des Mondes, von Kuvera, dem König der Reichtümer, oder von Varuna, dem König der Gewässer? Hab Mitgefühl, oh Herr, und erlöse uns von dieser Sorge. Beende die strenge Entsagung von diesem Sohn des Uttanapada.

Und Vishnu antwortete den Göttern:
Der Junge wünscht weder den Thron von Indra noch die Herrschaft der Sonne, des Kuvera oder Varuna. Ich werde ihm seinen Wunsch gewähren. Oh ihr Götter, kehrt nun beruhigt in eure Wohnstätten zurück, denn ich werde diesen Jungen bald beruhigen, dessen Geist ganz und gar in einsgerichteter Meditation vertieft ist.

Damit waren die Götter wieder zufrieden und zogen sich voller Verehrung mit Indra an der Spitze in ihre Wohnstätten zurück. Und Hari, der Allseiende, nahm eine Gestalt mit vier Armen an, erschien vor Dhruva und sprach:
Sei gesegnet, oh Sohn von Uttanapada! Ich bin höchst zufrieden mit deiner Hingabe und erscheine hier als Verleiher von Segen. So erbitte, was du wünschst. Du hast deinen Geist von allen äußeren Objekten zurückgezogen und ganz auf mich allein gerichtet. Damit bin ich sehr zufrieden, und so empfange von mir auch den wünschenswerten Lohn dafür.

Als der Junge diese Worte vom großen Gott hörte, öffnete er seine Augen und erblickte Hari vor sich stehend, wie er ihn zuvor meditiert hatte, mit Muschelhorn, Diskus, Keule und Schwert in seinen Händen und gekrönt mit einem unvergleichlichen Diadem. Er neigte seinen Kopf bis hinab zur Erde, die Haare standen ihm zu Berge, und sein Herz wurde von Ehrfurcht erfüllt. Er überlegte zuerst, wie er dem Gott der Götter danken und mit welcher Hymne er ihn verehren sollte. Doch vollkommen überwältigt von Ehrfurcht suchte er schließlich Zuflucht bei der Gottheit selbst.

Und Dhruva sprach:
Oh Herr, wenn du wirklich mit mir zufrieden bist, dann gewähre mir den Segen, daß ich dich nach Belieben jederzeit loben kann. Denn wie könnte ich als Kind dein Lob aussprechen, wenn nicht einmal Brahma dich wahrhaft kennt, der in allen Veden erfahren ist? Mein Herz ist voller Hingabe zu dir. Oh Herr, gewähre mir die Fähigkeit, dir meine Verehrung zu Füßen zu legen.

Daraufhin berührte Govinda, der Herr aller Welten, mit der Spitze seines Muschelhorns den Sohn von Uttanapada, der mit gefalteten Händen vor ihm stand. Solgleich wurde der königliche Sohn von höchstem Entzücken erfüllt und begann, mit demütig geneigtem Kopf den unvergänglichen Beschützer der Wesen zu loben.

Dhruva sprach:
Höchste Verehrung sei dem, dessen Formen als Erde, Wasser, Feuer, Wind, Raum, Gedanken, Vernunft, Bewußtsein, Natur und allesdurchdringende Höchste Seele erscheinen. Verehrung dem Höchsten Geist, der von allen Eigenschaften frei und vollkommen rein und klar ist, jenseits aller Elemente, Sinnesobjekte, Gedanken und Ansichten. Ich nehme Zuflucht in deiner höchsten Reinheit, die das Brahman ist und als reine Erkenntnis alle Welten durchschaut. Verehrung deinem allesdurchdringenden und allerhaltenden Wesen, das als unvergängliches Brahman von den Weisen meditiert und erkannt wird. Du bist das männliche Wesen, das mit tausenden Köpfen, Augen und Füßen alle Welten bedeckt und keine Grenzen kennt. Du bist der Höchste Geist, der schon immer da war und immer sein wird. Aus dir entstehen das Universum, die Schöpfung und die Stammväter. Die unteren, mittleren und oberen Bereiche der Erde sind von dir durchdrungen, wie auch das ganze Weltall und alles was jemals war und sein wird. Das ganze Universum ist dein Körper und existiert allein in dir. Aus dir kommen alle Opfer und alle Opfergaben in Form von Quark, geklärter Butter oder Opfertieren. Aus dir wurden all die Veden mit ihren Rhythmen geboren. Aus dir stammen die Pferde, Kühe, Ziegen, Schafe, Hirsche und alle anderen Tiere. Aus deinem Mund erschienen die Brahmanen, von deinen Armen die Kshatriyas, von deinen Schenkeln die Vaisyas und von deinen Füßen die Shudras. Von deinen Augen kommen Sonne und Mond, von deinen Gedanken der Wind, von deinem Herzschlag die Lebenskraft, aus deinem Mund das Feuer, aus deinem Bauchnabel der Luftraum, aus deinem Kopf der Himmel, aus deinen Ohren die Bereiche (Lokas) und aus deinen Füßen die Erde. Diese ganze Welt ist aus dir entstanden. Wie der riesige Nyagrodha Baum (indische Feige) zu Beginn in einem winzigen Samen ist, so ist während der Zeit der universalen Auflösung das ganze Universum in dir zurückgezogen. Und wie der riesige Nyagrodha aus dem Samen keimt und zu seiner ganzen Größe heranwächst, so entfaltet sich die ganze Schöpfung aus dir zum riesigen Universum. Und wie Blätter und Rinde einer Palme rings um ihren Stamm erscheinen, so bist du der Stamm der ganzen sichtbaren Welt. Die Fähigkeiten des Verstandes, die zur Ursache von Freude und Leid werden, wohnen in dir als Wesen aller Geschöpfe. Nur du selbst bist jenseits der drei natürlichen Qualitäten mit ihrem Wechselspiel und damit ungebunden an Freude und Leid. Verehrung sei dir als subtile Grundlage, die als Einheit besteht und als Vielfalt erscheint. Verehrung sei dir als die feinstofflichen Elemente und die Höchste Seele aller existierenden Wesen. Du erscheinst durch die geistige Erkenntnis (bzw. Gedanken) als Objekte der Wahrnehmung, als Materie und Geist, als Universum, Schöpfung und Stammväter. Die Yogis erkennen dich durch Meditation als den Unvergänglichen. Du wohnst in allen Wesen, bist der Körper aller Geschöpfe, trägst alle Formen, und alle Elemente entstehen aus dir, dem Höchsten Selbst. Verehrung dem Selbst, der universalen Seele! Du bist alles, was ist. Oh höchster Herr, du bist in allen Erscheinungen gegenwärtig. Was könnte man über dich aussagen, der du allwissend bist und in allen Herzen wohnst? Oh Allseele, Allherrscher und Allschöpfer, du kennst alle Geschöpfe und ihre Wünsche. Mein Wunsch wurde bereits von dir erfüllt, oh Herr. Meine Hingabe wurde mit Erfolg gekrönt, weil ich dich in dieser Form schauen durfte.

Da sprach Vishnu zu Dhruva:
Das Ziel deiner Hingabe wurde wahrlich durch diese Sicht auf mich erreicht. Denn eine solche Sicht, oh junger Prinz, bleibt niemals fruchtlos. Erbitte deshalb den Segen, den du wünschst, denn die Menschen, vor deren Augen ich erscheine, erreichen alle ihre Wünsche.

Und Dhruva antwortete:
Oh Gott und Herr aller Wesen, der du in allen Herzen wohnst, wie sollte mein gehegter Wunsch dir unbekannt sein? So will ich dir meine schwer erfüllbare Hoffnung gestehen, die mein unzufriedenes Herz gehegt hat. Denn ich denke, nichts ist für den unerreichbar, mit dem der Schöpfer der Welten zufrieden ist. Sogar Indra regiert durch deine Gunst über die drei Welten. Meine königliche Stiefmutter sprach zu mir voller Stolz: „Der königliche Thron gehört dem von mir geborenen Sohn und nicht dir!“ So entschied sie entschlossen über mich, und deshalb bitte ich dich um einen höchst herausragenden Stand über allen anderen, der das ganze Universum stützt und ewig bestehen soll.

Darauf sprach Vishnu zu ihm:
Den gewünschten Stand sollst du erhalten, denn ich war bereits in deinem früheren Leben sehr zufrieden mit dir. Du warst damals ein Brahmane, dessen Gedanken mir beständig gewidmet waren, der seinen Eltern pflichtbewußt diente und seine Aufgaben im Leben beachtete. Im Laufe der Zeit wurde ein Prinz zu deinem Freund, der in seiner Jugendblüte stand, voller Schönheit und Eleganz und allen Sinnesfreuden geneigt. Angesichts seines Wohlstandes formte sich durch diese Freundschaft der Wunsch in dir, ebenfalls als Königssohn geboren zu werden. Und gemäß dieser Neigung erhieltest du eine königliche Geburt im berühmten Haus von Uttanapada. Doch das, was für andere als großer Segen erscheint, nämlich die Geburt im Stamm von Swayambhuva, hast du anders erfahren und bist erneut den Weg der Hingabe an mich gegangen. Der Mensch, der mich hingebungsvoll verehrt, erreicht schnell die Befreiung aus dem Rad der Geburten. Was sind die Freuden des Himmels für den, der seinen Geist ganz auf mich gerichtet hat? Oh Dhruva, du sollst durch meine Gunst einen Stand über den drei Welten erreichen, um die Sterne und Planeten auf ihrer Bahn zu halten, weit über der Sonne, dem Mond und allen Planeten, über den Bereichen der sieben Rishis und den Himmlischen, welche durch die Atmosphäre wandern. (Gemeint ist wohl der nördliche Himmelspol, um den sich visuell alle Himmelskörper drehen.) Einige himmlische Wesen bestehen über vier Zeitalter und nur wenige über eine ganze Epoche eines Manus. Doch du sollst über ein ganzes Kalpa bestehen (eine ganze Schöpfungsperiode). Und deine Mutter Suniti soll als heller Stern (Polarstern) während dieser ganzen Zeit in deiner Nähe sein. Darüber hinaus sollen alle, die dich mit gesammeltem Geist während der Morgen- und Abenddämmerung verehren, höchstes Verdienst erwerben.

Auf diese Weise erreichte Dhruva durch den Segen von Vishnu, dem Gott der Götter und Herrn der Welten, einen höchst herausragenden Stand. Angesichts seines Ruhms rezitierte Sukra, der Lehrer der Götter und Dämonen, folgende Verse:

Wunderbar ist die Wirkung der Entsagung und erstaunlich ihr Lohn, wenn sogar die sieben Rishis von Dhruva und seiner Mutter Suniti (Tochter von Dharma) übertroffen wurden. Wer könnte hier auf Erden ihre Größe erfassen? Sie hat Dhruva geboren, der zur Achse der drei Welten wurde und auf ewiglange Zeiten eine höchst herausragende Position über allen genießen kann. Wer diesen Aufstieg von Dhruva in den Himmel auf angemessene Weise rezitiert, kann sich von allen Sünden befreien und den Himmel von Indra erreichen. Er wird nie seinen hohen Stand verlieren, sei es in der Welt oder im Himmel, und soll ein langes Leben voller Segen genießen.

Dhruva verehrt Vishnu


Zurück Inhaltsverzeichnis Weiter