Pushpak Vishnu PuranaZurück WeiterNews

1.11. Die Geschichte von Dhruva

Parasara fuhr fort:
Wie ich bereits erwähnte, hatte Manu Swayambhuva zwei heroische und fromme Söhne namens Priyavrata und Uttanapada. Uttanapada hatte einen Lieblingssohn namens Uttama mit seiner Lieblingskönigin Suruchi. Die weniger geliebte Ehefrau Suniti gebar ihm den Sohn Dhruva. Als dieser seinen Bruder Uttama auf dem Schoß seines Vaters erblickte, während dieser auf dem königlichen Thron saß, wollte auch Dhruva einen solchen Platz einnehmen. Weil aber seine Lieblingsfrau Suruchi anwesend war, erfüllte der König den respektvoll geäußerten Wunsch seines Sohns nicht. Und als Suruchi sah, wie das Kind ihrer Rivalin zu seinem Vater auf den Thron klettern wollte, sprach sie zu dem Jungen:
Warum, oh Kind, hast du solche unverschämt stolzen Hoffnungen? Du bist von einer anderen Mutter geboren und kein Sohn von mir. Es ist unwürdig für dich, einen Platz zu wünschen, der nur dem ausgezeichneten Uttama zusteht. Es ist wohl wahr, daß du ebenfalls ein Sohn des Königs bist, doch du wurdest nicht von mir geboren. Dieser Thron, der Sitz des Königs der Könige, steht allein meinem Sohn zu. Warum willst du danach streben? Warum hegst du so hohen Ehrgeiz, als ob du mein Sohn wärst? Du vergißt, daß du nur ein Kind von Suniti bist.

Dhruva wird erniedrigt

Nachdem der Junge diese harte Rede seiner Stiefmutter gehört hatte, verließ er seinen Vater und begab sich voller Zorn ins Gemach seiner Mutter, die ihm den Ärger ansah, ihn auf ihren Schoß zog und mit einem freundlichen Lächeln fragte:
Was ist die Ursache deines Ärgers, oh Kind? Wer hat dich unfreundlich empfangen? Wer wußte nicht, daß er durch deine Mißachtung auch deinen Vater, den König, mißachtet?

Daraufhin wiederholte ihr Dhruva alles, was die stolze Suruchi in Gegenwart des Königs zu ihm gesprochen hatte. Und tief gequält durch die Worte des Jungen seufzte die bescheidene Suniti und sprach mit tränengetrübten Augen:
Es ist wohl wahr, was Suruchi gesagt hat. Dir, oh Kind, ist ein unglückliches Schicksal beschieden. Wer zum Glück geboren wurde, muß solche Beleidigungen von anderen nicht ertragen. Wenn du auch bis jetzt wenig gequält wurdest, mein Kind, wer sollte auslöschen, was du früher getan, oder dir verleihen, was du versäumt hast? Der königliche Thron, der Schirm der Königswürde und all die Pferde und Elefanten werden dem gegeben, der das Verdienst dafür angesammelt hat. Bedenke dies, mein Sohn, und sei beruhigt. Daß Suruchi vom König bevorzugt wird, ist der Lohn ihrer Verdienste aus vergangenen Leben. Mir fehlt dieses Verdienst, und so gehört mir nur der Name „Ehefrau“. Ihr Sohn ist die Frucht von angesammeltem Verdienst, der als Uttama („vorzüglich“) geboren wurde. Mein Verdienst wurde dagegen als Dhruva („beständig“) mit weniger Wert geboren. Deshalb, mein Sohn, ist es für dich unsinnig, dich zu grämen. Ein weißer Mensch ist mit dem zufrieden, was ihm im Leben gegeben wird. Doch wenn dich die Worte von Suruchi trotzdem verletzten, dann versuche, dein gutes Verdienst zu vermehren, das dir jegliches Wohlergehen im Leben gewähren kann. Sei gütig, tugendhaft, freundlich und liebenswürdig. Suche stets das Wohl aller Wesen. Denn zu so einer verdienstvollen Person fließt der Wohlstand wie das Wasser in die tiefer gelegenen Ebenen.

Darauf antwortete Dhruva:
Oh Mutter, deine Worte des Trostes finden wenig Raum in meinem Herzen, das durch diese Beleidigung gebrochen wurde. Ich werde darum kämpfen, einen so hohen Stand zu erreichen, daß mich die ganze Welt verehrt. Obwohl ich nicht von Suruchi, der Lieblingsfrau des Königs, geboren wurde, sollst du den Ruhm von deinem Sohn sehen. Möge ihr Sohn, mein Bruder Uttama, den königlichen Thron besitzen, der ihm durch meinen Vater gegeben wird. Ich wünsche nicht das zu genießen, was andere erworben haben. Durch eigene Anstrengung werde ich erreichen, was nicht einmal mein Vater genießen kann.

So sprach Dhruva und verließ das Gemach seiner Mutter sowie Palast und Stadt, um in den angrenzenden Wald zu ziehen. Dort erblickte er sieben Munis, die auf schwarzen Antilopenfellen saßen, welche sie sonst als Kleidung trugen und nun über heiligem Kusha Gras ausgebreitet hatten. Der junge Prinz grüßte sie ehrfürchtig, verneigte sich demütig und sprach:
Verehrenswerte Asketen, wisset, ich bin der Sohn des Königs Uttanapada und wurde von Suniti geboren. Ich bin unzufrieden mit der Welt, und deshalb stehe ich vor euch.

Die Rishis antworten:
Du bist der Sohn eines Königs und vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Welchen Grund könnte es geben, daß du, oh Prinz, mit dem Leben unzufrieden bist? Was sollte dir fehlen, wenn dein Vater als König regiert? Wir können uns nicht vorstellen, daß du den Schmerz unerfüllter Wünsche ertragen mußtest, und sehen auch keine Zeichen einer leidvollen Krankheit an dir. Woher kommt deine Unzufriedenheit? Erzähle es uns, wenn es dir selbst bekannt ist.

Daraufhin wiederholte Dhruva den Rishis, was Suruchi zu ihm gesprochen hatte. Und als sie seine Geschichte vernommen hatten, sprachen sie zueinander:
Höchst erstaunlich ist die Leidenschaft der Kshatriya Natur! Er ist noch ein Kind und kann in seinem Geist nicht einmal die harten Worte einer Stiefmutter ertragen. Oh Sohn eines Kshatriya, wenn du möchtest, dann sage uns, was du angesichts dieser weltlichen Unzufriedenheit vorhast. Oh unvergleichlich Kraftvoller, wie können wir dir helfen? Sprich frei heraus, denn wir spüren, daß du unsere Hilfe suchst.

Und Dhruva sprach:
Oh ihr Besten der Zweifachgeborenen, ich wünsche keine Reichtümer noch die Herrschaft eines Königreichs. Ich strebe nach einem hohen Stand, den noch keiner vor mir erreicht hat. Oh ihr Heiligen, bitte sagt mir, wie ich über allen stehen kann, und was ich für dieses hohe Ziel tun muß.

Darauf antworteten die Rishis einzeln nacheinander. Und zuerst sprach Marichi:
Oh Prinz, der höchste Stand kann von keinem Menschen erreicht werden, der es nicht schafft, Govinda zu befriedigen. Deshalb verehre den Unvergänglichen.

Atri sprach:
Nur ein Mensch, mit dem Vishnu, der Höchste Geist, zufrieden ist, kann den unvergänglichen Ruhm erreichen. Damit habe ich dir die Wahrheit verkündet.

Angiras sprach:
Wenn du das Höchste suchst, dann verehre Govinda, diesen Unveränderlichen und Unvergänglichen, in dem alles besteht, was existiert.

Pulastya sprach:
Verehre den göttlichen Hari, die Höchste Seele, das höchste Dasein und das höchste Brahman. Auf diesem Weg kannst du sogar die ewige Befreiung erreichen, die so schwer zu erreichen ist.

Kratu sprach:
Alles ist für einen Menschen erreichbar, mit dem Krishna zufrieden ist, dieses Wesen des Opfers in der Opferhandlung und dieser Höchste Geist in der stillen Meditation.

Pulaha sprach:
Oh frommer Junge, verehre Vishnu, den Herrn der Opfer und des Universums. Durch diese Verehrung erhielt Indra die Würde des Königs der Götter.

Und Vasishta sprach:
Alles Wünschenswerte kann ein Mensch durch die Verehrung von Vishnu erreichen, sogar den höchsten Stand in den drei Welten.

Darauf antwortete ihnen Dhruva:
Ihr habt mir voller Respekt den Gott aufgezeigt, der zu verehren ist. Nun sagt mir auch, welches Gebet ich meditieren sollte, um seine Zufriedenheit zu gewinnen. Mögen die großen Rishis mir gnädig sein und mich belehren, auf welche Weise ich den Gott besänftigen kann.

Und die Rishis antworteten:
Oh Prinz, du verdienst es wahrlich, von uns zu hören, wie Vishnu von seinen hingebungsvollen Verehrern angebetet wird. Zuerst sollte der Geist von allen äußerlichen Dingen zurückgezogen werden. Dann konzentriere man sich geduldig auf das Wesen, in dem die ganze Welt ist. Oh Prinz, wessen Geist auf diese Weise auf das Eine gerichtet, ganz davon erfüllt und unter der Kontrolle des Selbst ist, der sollte im Stillen folgendes Gebet wiederholen, das wir dir nun verkünden:

OM! Verehrung der Gottheit, deren Wesen reine Erkenntnis ist, die als Brahma, Vishnu und Shiva erscheint und selbst unergründlich bleibt.

Dieses Gebet wurde früher von deinem Großvater, dem Manu Swayambhuva, rezitiert. Vishnu war zufrieden mit ihm und segnete deinen Großvater mit allem gewünschten Wohlstand, so daß er in den drei Welten unübertroffen war. Deshalb meditiere auch du beständig dieses Gebet zur Verehrung von Govinda.


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