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Die Ashtavakra Gita

und zur Einleitung

Die Geschichte von Ashtavakra aus dem Mahabharata

 Ins Deutsche übertragen auf Basis der englischen Texte
"The Ashtavakra Gita" (1907) von Rai Bahadur Lala Baij Nath und
"The Mahabharata of Krishna-Dwaipayana Vyasa" (1884) von Kisari Mohan Ganguli

Undine Weltsch / Jens Grünewald

www.pushpak.de

Erstausgabe: November 2010 / Überarbeitung: März 2015

Dieser Text ist auch als PDF verfügbar oder zum gemütlichen Lesen auf dem BookReader als eBook.


 

Inhaltsverzeichnis

Die Geschichte von Ashtavakra und König Janak im Mahabharata
Buch 3 / Kapitel 132 - Ashtavakra wird geboren
Buch 3 / Kapitel 133 - Ashtavakra vor Janak und dem Wächter
Buch 3 / Kapitel 134 - Ashtavakra und Vandin

Die Ashtavakra Gita
1.Gesang: Das Wissen vom Selbst
2.Gesang: Die Seligkeit im Selbst
3.Gesang: Die Prüfung der Selbsterkenntnis
4.Gesang: Das Lob der Selbsterkenntnis
5.Gesang: Das Verschmelzen im Selbst
6.Gesang: Kein Entstehen, kein Vergehen im Selbst
7.Gesang: Das lebendige Selbst
8.Gesang: Das Wesen von Befreiung und Bindung
9.Gesang: Von der Entsagung
10.Gesang: Von der Zufriedenheit
11.Gesang: Von der Weisheit
12.Gesang: Vom Verweilen
13.Gesang: Von der Seligkeit
14.Gesang: Vom Dasein der Befreiung
15.Gesang: Das Wissen vom Selbst
16.Gesang: Von der Weltüberwindung
17.Gesang: Von der Selbsterkenntnis
18.Gesang: Hundert Verse vom Frieden
19.Gesang: Vom Verweilen im Selbst
20.Gesang: Vom Selbstbefreiten


Die Geschichte von Ashtavakra im Mahabharata

Wir befinden uns mitten im Buch des Waldes auf der großen Pilgerreise von König Yudhishthira mit seinen Brüdern und ihrer Gattin Draupadi, nachdem sie ihr Königreich verloren haben und für 12 Jahre in die Wälder verbannt wurden. Sie werden von Rishi Lomasa geführt und auf dem langen Weg gibt es wohl viel Zeit, um die alten indischen Geschichten zu erzählen....

Quelle: www.mahabharata.pushpak.de

Buch 3 / Kapitel 132 - Ashtavakra wird geboren

Rishi Lomasa erzählte:
Schau hier, du Herr der Menschen, den heiligen Rückzugsort von Swetaketu, Sohn des Uddalaka, dessen Ruhm als Kenner heiliger Mantras sich weit über die Erde verbreitete. Diese Einsiedelei ist mit vielen Kokosnußbäumen gesegnet. Swetaketu schaute hier die Göttin Sarasvati (Göttin des Lernens) in ihrer menschlichen Gestalt, und er sprach zu ihr:
"Möge ich mit der Gabe der Rede gesegnet sein."

Und so waren in diesem Yuga Swetaketu und sein (Groß-) Neffe Ashtavakra, der Sohn des Kahoda, die besten Redner ihrer Zeit. Diese beiden miteinander verwandten Brahmanen verfügten über unvergleichliche Energie. Einst begaben sie sich zum Opferplatz von König Janak und besiegten Vandin in einer Debatte. Oh Söhne der Kunti, ehrt die heilige Einsiedelei von dem großen Mann, der Ashtavakra zum Enkelsohn hatte, welcher schon als Junge erreichte, daß Vandin ins Wasser ging, nachdem er ihn in der Debatte übertroffen hatte.

Stammbaum von Ashtavakra

Yudhishthira fragte:
Oh erzähle mir von der Macht dieses Jungen, der Vandin besiegte. Warum war er als Ashtavakra (krumm an acht Körperteilen) geboren?

Lomasa sprach:
Der Weise Uddalaka hatte einen Schüler namens Kahoda, der mit beherrschten Leidenschaften seinem Lehrer hingebungsvoll diente und seine Studien ausgiebig betrieb. Nach diesem langen Dienst gab der Lehrer diesem Schüler seine Tochter Sujata zur Frau nebst der Meisterschaft über die Shastren. Schon bald wurde die junge Frau schwanger mit einem Kind so strahlend wie das Feuer.

Doch einmal sprach der Embryo zu seinem rezitierenden Vater:
Oh Vater, du rezitierst nun schon die ganze Nacht, doch ich meine, du machst es nicht richtig. Durch deine Gunst weiß auch ich um die Shastren und Veden mit ihren Zweigen, obwohl ich noch nicht geboren bin. Und ich sage, oh Vater, was von deinen Lippen kommt, ist nicht korrekt.

So beleidigt und noch vor seinen Schülern erhob sich im Vater der Zorn, und er verfluchte das Kind im Mutterleib:
"Du sollst für diese Worte an acht Teilen deines Körpers krumm sein!"

So wurde das Kind später ganz verkrümmt geboren und unter dem Namen Ashtavakra bekannt, der als seinen (Groß-) Onkel Swetaketu im selben Alter hatte. Doch zuvor, noch während der Schwangerschaft sprach Sujata, die vom wachsenden Embryo gequält wurde und Reichtum wünschte, freundlich zu ihrem Ehemann unter vier Augen: "Was soll ich tun, oh großer Weiser? Der letzte Monat meiner Schwangerschaft ist gekommen. Du hast keine Rücklagen, von denen ich nach der Geburt leben und das Kind ernähren könnte."

So wanderte Kahoda zu König Janak, um ihn um Reichtum zu bitten. Doch an seinem Hofe wurde er in einer Debatte von Vandin besiegt, welcher geübter im Argumentieren war, und als Konsequenz hiervon ins Wasser geschickt. Als Uddalaka von der Niederlage seines Schwiegersohnes und seinem Versenken im Wasser erfuhr, sprach er zu seiner Tochter:
"Dies solltest du vor Ashtavakra geheim halten."

Was Sujata tat, und so wurde Ashtavakra geboren, ohne etwas vom Schicksal seines Vaters zu erfahren. Er erachtete Uddalaka als seinen Vater und Swetaketu als seinen Bruder. Doch als Ashtavakra zwölf Jahre alt war, sah ihn Swetaketu auf Uddalakas Schoß sitzen. Er zog ihn plötzlich an der Hand, und als Ashtavakra sich weinend wehrte, rief er:
"Das ist doch gar nicht der Schoß deines Vaters!"

Die grausamen Worte senkten sich tief in Ashtavakras Herz, und schmerzlich verletzt eilte er sogleich zu seiner Mutter, um sie zu fragen:
"Wo ist mein Vater?"

Sujata war sehr verwirrt, doch da sie einen Fluch befürchtete, erzählte sie ihrem Sohn alles. Noch in derselben Nacht sprach der Brahmane Ashtavakra zu Swetaketu:
"Laß uns zum Opfer des Königs Janak gehen, wo man viele wunderbare Dinge sehen kann. Dort werden wir uns die Debatten der Brahmanen anhören und vorzügliche Speisen essen. Wir werden unser Wissen vermehren, und außerdem ist es voller Segen, die heiligen Veden gesungen zu hören."

So gingen die beiden zum glänzenden Opferfest des Königs Janak, wo sie jedoch (vom Wächter des Opfers) nicht hereingelassen wurden. Da sprach Ashtavakra zum König die folgenden Worte.

Buch 3 / Kapitel 133 - Ashtavakra vor Janak und dem Wächter

Ashtavakra sprach:
Wenn kein Brahmane zugegen ist, gehört der Weg den Blinden und Tauben, den Frauen und Lastenträgern und natürlich dem König. Doch wenn ein Brahmane auf dem Wege angetroffen wird, gehört der Weg ihm allein.

Da sprach der König:
Ich gewähre dir den Vorzug einzutreten. Tritt ein, auf welchem Wege es dir beliebt. Man darf kein Feuer kränken, sei es noch so winzig. Sogar Indra verbeugt sich vor den Brahmanen.

Ihm antwortete Ashtavakra:
Wir sind gekommen, oh Herrscher der Menschen, deine Opferzeremonie zu sehen. Unsere Neugier ist groß, oh König. Wir kamen als deine Gäste, um dich zu sehen und mit dir zu sprechen. So bitten wir auch um die Erlaubnis deines Wächters, hier einzutreten, oh Sohn des Indradyumna. Denn dein Wächter verwehrte uns den Eintritt, und so brennt der Ärger wie Fieber in uns.

Der Wächter verteidigte sich:
Wir führen nur die Anweisungen von Vandin aus. Höre auf seine Worte: "Knaben wird kein Einlaß gewährt, nur gelehrte und alte Brahmanen haben Zutritt."

Da sprach Ashtavakra:
Nun Wächter, wenn die Bedingung für eine offene Tür nur das Alter ist, dann dürfen wir herein. Denn wir sind alt, haben heilige Gelübde genommen und besitzen die Energie aus vedischer Tradition. Wir haben den Höheren gedient und unsere Leidenschaften beherrscht. Außerdem haben wir Wissen gewonnen. Es wird auch gesagt, daß selbst Knaben nicht beleidigt werden sollten, denn auch ein kleines Feuer brennt, wenn man es berührt.

Der Wächter erwiderte:
Oh junger Brahmane, bedenke deine Jugend! Rezitiere doch die Verse, welche die Existenz des Höchsten Wesens begründen und von den himmlischen Weisen verehrt werden. Und die, auch wenn sie nur aus einem Buchstaben zusammengesetzt, doch mannigfaltig sind. Prahle hier nicht vergebens, denn gelehrte Menschen sind wahrlich selten.

Ashtavakra sprach:
Wahres Wachstum kann nicht aus der äußerlichen Entwicklung des Körpers geschlußfolgert werden, so wie die Größe der Knoten des Salmali Baumes nicht sein Alter verraten. Es wird der Baum als voll ausgewachsen erachtet, der Früchte trägt, sei er auch schlank und klein. Wer keine Früchte trägt, ist nicht erwachsen.

Der Wächter sprach:
Die Jungen erhalten Belehrung von den Alten und werden mit der Zeit reifer. Wissen kann ganz sicher nicht in kurzer Zeit erlangt werden. Wie kann es sein, daß du Jüngling wie ein Alter sprichst?

Ashtavakra antwortete:
Man ist nicht alt, wenn man graues Haar hat. Nur wer Wissen besitzt, den halten die Götter für alt, auch wenn er jung an Jahren ist. Kein Weiser hat je gesagt, daß Verdienst aus Jahren besteht, grauen Haaren, Reichtum oder Freunden. Für uns ist der groß, welcher in den Veden bewandert ist. Ich kam, oh Wächter, um Vandin am Hofe zu sehen. Bitte geh, und informiere den lotusbekränzten Vandin, daß ich hier bin. Dann wirst du noch heute Zeuge davon werden, wie ich mit dem gelehrten Mann einen Disput beginne und Vandin im Wortstreit besiege. Mögen andere schweigen, doch die reifen Brahmanen nebst dem König mit seinen obersten Priestern mögen erfahren, ob meine Kenntnisse über- oder unterlegen sind.

Der Wächter meinte dazu:
Wie kannst du mit deinen zehn Jahren hoffen, das Opfer zu betreten, wo doch nur erfahrene und gelehrte Männer zugelassen sind? Doch ich werde mein Bestes versuchen. Gib du auch dein Bestes!

Da sprach Ashtavakra:
Oh König, du Bester aus dem Geschlecht des Janak, du bist der oberste Herrscher und alle Macht ruht in dir. Vor langer Zeit war es an König Yayati, große Opfer zu begehen. Heute ist es an dir. Wir haben vernommen, daß der gelehrte Vandin die von ihm im Wortstreit besiegten Brahmanen von deinen getreuen Dienern im Wasser ertränken läßt. So kam ich her, um vor allen Brahmanen das Wesen der höchsten Einheit zu erläutern. Wo ist dieser Vandin? Sag es mir, damit ich vor ihn hintreten mag und ihn besiegen, wie die Sonne die Sterne überstrahlt.

Der König gab zur Antwort:
Du hoffst, oh Brahmane, den großen Vandin zu besiegen? Du kennst wohl nicht die Macht seiner Rede? Keiner, der ihn kennt, spricht so wie du. Viele vedenkundige Brahmanen verblichen vor ihm wie die Sterne vor der Sonne. Viele kamen und wollten ihn im Stolz auf ihr Wissen besiegen. Doch sie verloren allen Glanz vor ihm und zogen sich zurück, ohne überhaupt ein Wort zur Versammlung zu wagen.

Ashtavakra erwiderte:
Vandin begann noch nie eine Diskussion mit einem wie mir. Deswegen sieht er sich als Löwe und brüllt laut. Doch wenn er mir begegnet, wird er besiegt niedersinken wie ein Wagen auf der Straße mit zerbrochenen Rädern.

Der König sprach:
Nur, wer die Bedeutung dessen versteht, was dreißig Abteilungen, zwölf Teile, vierundzwanzig Gelenke und dreihundert und sechzig Speichen hat, ist wahrhaft gelehrt.

Ashtavakra antwortete:
Möge das immerwährend sich drehende Rad (der Zeit) mit seinen vierundzwanzig Gelenken, sechs Naben, zwölf Rändern und dreihundert und sechzig Speichen dich allseits beschützen.

Der König fragte:
Wer unter den Himmlischen gebiert diese beiden, die zusammen gehen wie zwei Stuten (die an einen Wagen angespannt sind) und hinabjagen wie zwei Falken? Und was gebären sie wiederum?

Ashtavakras Antwort war:
Möge Gott dein Haus vor diesen Beiden behüten, ja sogar das Haus deines Feindes (vor Donner und Blitz, bzw. Begierde und Haß). Der mit dem Wind als Wagenlenker erscheint (Agni, der als Banner den Rauch trägt, bzw. die Gedanken), gebiert sie, und sie gebären ihn.

Der König fragte weiter:
Was schließt niemals seine Augen, auch wenn es schläft? Was bewegt sich nicht, auch wenn es geboren wurde? Was hat kein Herz? Und was vergrößert sich im eigenen Fließen?

Ashtavakra antwortete:
Ein Fisch schließt niemals seine Augenlider, wenn er schläft (das immer bewußte, männliche Wesen). Ein Ei bewegt sich nicht nach der Geburt (das Weltenei). Ein Stein hat kein Herz (die Seele, welche überaus fest am Körper anhaftet), und ein Fluß vergrößert sich im eigenen Fließen (das Herz eines Yogis).

Da meinte der König:
Es scheint, oh Besitzer von göttlicher Energie, daß du kein menschliches Wesen bist. Ich sehe in dir nicht den Jungen, sondern einen reifen Mann, mit dem sich kein anderer in der Kunst der Rede messen kann. Ich erlaube dir einzutreten, wo Vandin ist.

Buch 3 / Kapitel 134 - Ashtavakra und Vandin

Ashtavakra rief:
Oh König, du Befehlshaber über furchteinflößende Legionen, in dieser Versammlung von unvergleichlich mächtigen Monarchen kann ich nirgends Vandin entdecken, diesen großen Wortverfechter. Doch ich suche nach ihm, wie ein Schwan nach einem großen See. Oh Vandin, du meinst, du wärst der beste Redekünstler, doch wenn du dich mit mir mißt, wirst du nicht weiterfließen wie die Wasser eines Stromes. Ich bin voll feuriger Flammen.

Da erwiderte Vandin:
Besser sei still vor mir und erwecke nicht den schlafenden Tiger. Denn du wirst nicht unverletzt davonkommen, nachdem du mit deinem Fuß auf eine Giftschlange getreten bist, welche sich schon die Mundwinkel leckt. Wenn ein schwacher Mann aus Hochmut einen Berg schlägt, wird er sich nur die eigene Hand verletzen und dem Berg keine Wunde zufügen.

Und Ashtavakra erwiderte:
So wie alle Berge niedriger stehen als Mainaka und Kälbchen den Ochsen unterlegen sind, so sind alle anderen Könige der Erde dem Herrscher von Mithila (Janak) unterlegen. Indra ist der Erste der Götter und Ganga die Beste der Flüsse. Und du, oh König, bist der größte Monarch. Gib Anweisung, daß Vandin mir gegenüber tritt.

Mit diesen Worten donnerte Ashtavakra in die Versammlung und bestürmte Vandin:
Beantworte du meine Fragen, und ich werde deine beantworten!

Und Vandin begann:
Nur ein Feuer flammt in vielen Gestalten auf. Nur eine Sonne erleuchtet die ganze Welt. Nur ein Held vernichtet die Feinde wie Indra, der Herr der Himmlischen. Und nur ein Yama ist der alleinige Herrscher über die Pitris (die Verstorbenen).

Ashtavakra antwortete:
Die beiden Freunde, Indra und Agni, wandern immer als Paar. So auch die beiden himmlischen Weisen Nara und Narayana. Die Aswins sind Zwillinge. Zwei Räder hat der Karren. Ehemann und Ehefrau bilden ein Paar und leben zusammen, wie es die Gottheit bestimmt hat.

Vandin:
Drei Arten von geborenen Wesen entstehen durch Handlungen. Die drei Veden formen zusammen das Opfer Vajapeya. Zu drei unterschiedlichen Zeiten beginnen die Opferpriester die Riten. Drei ist die Zahl der Welten und der Himmelslichter (Sonne, Mond und Sterne).

Ashtavakra:
Es gibt vier Ashrams (Lebensweisen) für Brahmanen. Es sind vier Kasten, welche opfern. Vier ist die Zahl der großen Himmelsrichtungen, der heiligen Schriften und, wie überall bekannt, der Beine einer Kuh.

Vandin:
Es gibt fünf Arten von Feuer. Fünf Füße bilden ein Maß namens Punkti. Es gibt fünf Opfer. Die Veden sagen, daß die Apsaras fünf Haarsträhnen auf ihrem Haupt haben. Und fünf heilige Flüsse kennt diese Welt.

Ashtavakra:
Man sagt, daß sechs Kühe als Zuwendung für das Entzünden des heiligen Feuers gezahlt werden. Sechs Jahreszeiten gehören zum Rad der Zeit. (Mit dem Denken) ist sechs die Zahl der Sinne. Sechs Sterne bilden das Sternbild Kirtika (Plejaden). Und sechs, wie man in allen Veden finden kann, ist die Zahl der Sadyaska Opferriten.

Vandin:
Es gibt sieben Haustiere und sieben wilde Tierarten. Sieben Maße gehören zu einem vollständigen Opfer. Es gibt sieben heilige Rishis und sieben Arten der Ehrerbietung. Und jeder weiß, sieben Saiten hat die Vina.

Ashtavakra:
Acht Gefäße sind es, die das Hundertfache enthalten. Acht Beine hat ein löwenjagender Sarabha. Wir haben gehört, es gibt acht Vasus unter den Himmlischen. Und acht Ecken hat ein Yupa Pfahl in allen Opferriten.

Vandin:
Es gibt neun Mantras, die das Opferfeuer für die Pitris schüren. Neun Funktionen sind es, die den Schöpfungsprozeß kennzeichnen. Neun Silben bilden den Fuß des Versmaßes Vrihati. Und neun Ziffern nutzt man zum Zählen.

Ashtavakra:
Man spricht von zehn Richtungen (des Raumes), welche der Mensch in dieser Welt erkennen kann. Zehn mal hundert macht ein Tausend. Es sind zehn Monate, in denen Frauen schwanger sind. Es gibt zehn Lehrer mit wahrhaftem Wissen, zehn, welche das Wissen hassen, und zehn, die zum Lernen fähig sind.

Vandin:
Es gibt elf Dinge des Vergnügens für die Wesen. Elf ist die Zahl der Yupas (Opferpfähle oder Gefühle). Wer Leben hat, geht durch elf Verwandlungen. Es gibt elf Rudras unter den Göttern im Himmel (Rudras sind gefürchtete Sturmgötter.).

Ashtavakra:
Zwölf Monate bilden das Jahr. Zwölf Buchstaben bilden den Fuß des Versmaßes Jagati. Die kleineren Opfer sind zwölf an der Zahl. Und nach Meinung der Gelehrten gibt es zwölf Adityas.

Vandin:
Der dreizehnte Tag des Monats wird als der glücksverheißendste angesehen. Und es gibt dreizehn Inseln auf Erden....

Doch da verstummte Vandin. Und Ashtavakra vollendete das Sloka.

Ashtavakra:
Keshi wacht über dreizehn Opfer. Und dreizehn werden vom Versmaß Atichhandas in den Veden umschlungen (jene, die Unwissenheit überwunden haben).

Bei diesen Worten Ashtavakras ließ Vandin nachdenklich den Kopf hängen und schwieg. Die Versammlung brach in ein lautes Getöse aus, und mitten im Tumult während des glänzenden Opfers Janaks traten die Brahmanen mit gefalteten Händen vor Ashtavakra und priesen ihn.

Dann ergriff Ashtavakra noch einmal das Wort:
Bis jetzt hat dieser Mann die von ihm im Wortgefecht besiegten Brahmanen ins Wasser geschickt. Er möge heute auf dasselbe Schicksal treffen. Ergreift und ertränkt ihn.

Und Vandin sprach:
Oh König Janak, höre meine Worte: Ich bin der Sohn von König Varuna. Zu gleicher Zeit mit deinem Opfer gab es im Meer ein anderes Opfer für zwölf Jahre. Für dessen Zeremonien habe ich die großen Brahmanen ins Wasser geschickt. Sie gingen, um Varunas Opfer zu sehen, und kehren bald zurück. Ich zolle dem ehrenwerten Ashtavakra meine Hochachtung, denn durch seine Gunst verbinde ich mich nun wieder mit dem, der mich zeugte.

Ashtavakra sprach:
Vandin hat die Brahmanen mit scharfsinnigen Worten besiegt und sie ins Meer werfen lassen. Kraft meines Wissens habe ich sie heute gerettet. Mögen nun unvoreingenommene Männer richten. Wie Agni, welcher Recht und Unrecht gleichermaßen kennt, mit seiner Hitze die Körper jener verschont, die aufrechte Gedanken haben, so mögen nun gute Menschen über die Behauptungen von Knaben richten und ihnen gnädig gestimmt sein, die noch nicht über die Macht der Rede (bzw. Justiz) verfügen. Oh Janak, du hörtest zwar meine Worte, doch scheinst betäubt zu sein, als ob du die Früchte des Sleshmataki Baumes gegessen hast. Oder haben dich Schmeicheleien deiner Vernunft beraubt, so daß du keine Entscheidung treffen kannst, obwohl du durch meine Worte getroffen wurdest, wie ein Elefant mit dem Haken?

Janak antwortete:
Ich höre deine Worte und halte sie für hervorragend und übermenschlich, wie auch deine Gestalt. Weil du heute Vandin im Wortstreit besiegt hast, mögest du über ihn verfügen.

Ashtavakra sprach:
Oh König, wenn Vandin am Leben bleibt, dient das keinem meiner Ziele. Wenn sein Vater wirklich Varuna ist, dann soll er im Meer ertränkt werden.

Und Vandin bestätigte:
Ich bin der Sohn von König Varuna. Ich fürchte kein Ertränken im Meer. Unverzüglich wird Ashtavakra seinen lang vermißten Vater Kahoda wiedersehen.

Da erhoben sich all die verloren geglaubten Brahmanen vor Janak aus dem Meer, nachdem sie vom ehrenwerten Varuna herrlich verabschiedet worden waren. Unter ihnen war Kahoda, welcher sprach:
Dies ist der Grund, oh Janak, warum Männer mit verdienstvollen Taten um Söhne bitten. Worin ich gefehlt habe, hat mein Sohn gesiegt. Mögen schwache Menschen starke Söhne haben, Dummköpfe weise Söhne und Ungebildete gelehrte Söhne.

Vandin sagte:
Oh Monarch, mit deiner scharfen Axt trennt Yama die Köpfe deiner Feinde ab. Mögest du immer wohlhabend sein! In diesem Opfer des Janak wurden die großen Hymnen zu den Uktha Riten gesungen und Soma Saft getrunken. Die Götter selbst nahmen mit frohen Herzen ihren heiligen Anteil entgegen.

Dann nahm Vandin, der Sohn des Suta (su = hervorragend, uta = Opfer, also der Vollbringer hervorragender Opfer) vom König Abschied und ging mit dessen Erlaubnis ins Meer. Ashtavakra grüßte ehrend seinen Vater, und wurde selbst von den Brahmanen geehrt. Dann kehrte Ashtavakra mit Vater und Onkel nach Hause in die Einsiedelei zurück, wo sein Vater vor seiner Mutter zu ihm sprach:
"Mein Sohn, tauche du eilends in diesen Fluß ein."

Ashtavakra folgte dem Wort seines Vaters, und sobald er im Wasser eingetaucht war, wurden alle seine krummen Glieder wieder gerade. Von diesem Tage an nannte man den Fluß auch Samanga, und er wurde dafür bekannt, daß er Sünden bereinigen kann. So geht zu diesem Fluß, ihr Pandava Brüder mit Draupadi, und führt eure Waschungen aus. Hier, oh Yudhishthira, wirst du fröhlich und glücklich mit deiner Familie und den Brahmanen leben und mit mir gute und verdienstvolle Handlungen ausführen, welche zu deinem Wohl gereichen.

 

Die Ashtavakra Gita

Diese Gita (wtl. Gesang) ist ein tiefgründiges Gespräch zwischen Ashtavakra und König Janak. Über ihre Entstehung ist wenig bekannt. Sie gilt in Fachkreisen als eine Abhandlung über Advaita Vedanta und wurde außerhalb des Mahabharata überliefert. Inwiefern Ashtavakra und König Janak mit der Geschichte aus dem Mahabharata in Beziehung stehen, sei der Phantasie des verehrten Lesers überlassen.

Der vorliegende Text wurde ins Deutsche übertragen auf Basis der englischen Vorlage "The Ashtavakra Gita" (1907) von Rai Bahadur Lala Baij Nath unter Zuhilfenahme der englischen Ausgabe "ASHTAVAKRA SAMHITA" (1930/1953) von Swami Nityaswarupananda und weiterer Quellen.

1. Gesang: Das Wissen vom Selbst

König Janak fragte:
Wie kann Erkenntnis entstehen? Wie kann Erlösung sein? Wie ist Entsagung möglich? - Davon sprich zu mir, Oh Herr.

Ashtavakra antwortete:
Wenn du nach Erlösung suchst, Oh Kind, dann meide die Sinnesgenüsse wie Gift, und trinke Vergebung, Offenheit, Güte, Zufriedenheit und Wahrhaftigkeit wie Nektar.

Du bist weder Erde noch Wasser, Feuer, Wind oder Raum. Um Erlösung zu erreichen, erkenne das Selbst als das eine, ewige Bewußtsein, als der Zeuge aller Erscheinungen.

Befreit von der Identifikation mit dem Körperlichen und im Selbst ruhend, wirst du im gleichen Moment glücklich, zufrieden und frei von allen Bindungen sein.

Dann bist du weder dies noch das, weder alt noch jung. Kein Auge wird dich sehen, keine Hand berühren. Formlos und ewiger Zeuge von allem, sei selig.

Tugend und Sünde, Freude und Leid erscheinen dem Denken, aber nicht dir, Oh Alldurchdringender. Du bist weder ein Handelnder noch ein Genießer. Wahrlich, du bist ewig frei.

Du bist das eine ungebundene Bewußtsein. Deine einzige Bindung besteht darin, daß du dich selbst als etwas anderes siehst.

So hat dich die große dunkle Schlange des Egoismus gebissen und mit der Illusion "Ich bin der Handelnde!" vergiftet. Trinke nun vertrauensvoll das Gegengift "Ich bin es nicht, der handelt!" und sei selig.

Verbrenne das Dickicht der Unwissenheit mit dem Feuer der Erkenntnis "Ich bin das eine ewigreine Bewußtsein!" und vom Leiden befreit, sei selig.

Bewußtsein, Seligkeit, Höchste Seligkeit, das bist du, worin dieses ganze Weltall erscheint, wie ein Stück Seil als eine gefährliche Schlange. Erkenne dies und sei selig.

Es ist wohl wahr, wenn die Leute sagen "Du bist, was du denkst!". Wer sich gebunden sieht, ist wirklich gebunden. Wer sich frei erkennt, ist wahrlich frei.

Du bist das eine Selbst, der ewige Zeuge, alldurchdringend, vollkommen, alleinsam, frei, bewußt, untätig, ungebunden, wunschlos und still. Nur durch die Macht der Illusion erscheinst du in der Welt und im Rad der Geburten.

Gib die Identifikation mit den inneren und äußeren Erscheinungen zusammen mit der Illusion von "Mein und Dein" auf. Meditiere über das Selbst als unveränderliches, einfaltiges Bewußtsein jenseits aller Gegensätze.

Lange warst du in der Schlinge der Körperlichkeit gefangen, mein Sohn. Durchschneide sie jetzt mit dem Schwert der Erkenntnis "Ich bin das eine ewige Bewußtsein!" und sei selig.

Du bist ungebunden, nichthandelnd, selbststrahlend und vollkommen rein. Nur dein Denken bindet dich.

Du durchdringst dieses ganze Universum, und all die Welten bestehen in dir. In Wahrheit bist du reines Bewußtsein. Öffne dich und sei selig.

Du bist unbedingt, unvergänglich, formlos, transzendent, unergründlich und ewig still. Sei Bewußtsein allein.

Erkenne die Formen als vergänglich und das Formlose als beständig. Durch diese Erkenntnis wird das Rad der Geburten bald vergehen.

So wie ein Spiegel mit und ohne Spiegelbild besteht, so besteht das Höchste Selbst mit und ohne all die Körper und anderen Erscheinungen.

Wie der universale Raum innerhalb und außerhalb eines Gefäßes besteht, so besteht das ewige alldurchdringende Brahman nahtlos in allen Dingen.

2. Gesang: Die Seligkeit im Selbst

König Janak sprach:
Wahrlich, ich bin makelloses, stilles und reines Bewußtsein jenseits aller Welten. Die ganze Zeit hat mich nur ein Trugbild verführt.

Wie ich selbst die Körperlichkeit hervorbrachte, so entstand auch diese ganze Welt. So glaubte ich, Körper und Welt seien mein, doch in Wahrheit besaß ich ein Nichts.

Der Welt und dem Körper entsagt, erkenne ich nun das Höchste Selbst, durch Selbsterkenntnis aufgrund der Gnade meines Lehrers.

So wie Wellen, Schaum und Nebel aus dem Wasser erscheinen und nichts anderes als Wasser sind, so erscheint diese ganze Welt aus dem Selbst und ist nichts anderes als das Selbst.

So wie ein Gewand, wenn man es näher untersucht, nichts anderes als Faden ist, so ist auch die Welt, tiefgründig betrachtet, nichts anderes als das Selbst.

So wie der Zucker aus dem süßen Saft des Zuckerrohrs kristallisiert, und Süßigkeit den Zucker durchdringt, so hat sich die Welt in mir kristallisiert, und ich durchdringe diese Welt.

Die Welt erscheint aufgrund der Unwissenheit vom Selbst. Durch Selbsterkenntnis schwindet diese Illusion, so wie durch Unwissenheit über ein Stück Seil eine gefährliche Schlange erscheint, und durch Erkenntnis des Seils diese Täuschung verschwindet.

Licht ist mein innerstes Wesen. Ich bin nichts anderes als Licht. Wenn die Welt im Licht erscheint, bin ich die Leuchte.

Oh! Die Welt die mich umgibt, existiert in mir durch Unwissenheit, wie Perlmutter als Silber erscheint, das Seil als gefährliche Schlange oder eine Fata Morgana als Wasser.

Die Welt, die in mir entstanden ist, löst sich in mir wieder auf, wie der irdene Krug im feuchten Lehm, die Welle im Ozean oder ein kunstvoller Armreifen in der Goldschmelze.

Oh, wunderbar, das bin Ich! Verehrung dem Selbst, das keine Vergänglichkeit kennt und noch besteht, wenn auch die ganze Welt, von Brahma bis zum kleinsten Grashalm, vergangen ist.

Oh, wunderbar, das bin Ich! Ich verbeuge mich vor dem Selbst, welches Einheit ist, obwohl es als Vielfalt erscheint, das nirgendwo herkommt oder hingeht, aber Alles durchdringt.

Oh, wunderbar, das bin Ich! Verehrung dem Selbst! Niemand ist weiser als Ich, der die Welt für immer in sich trägt, und sich dennoch nicht in Körperlichkeit verliert.

Oh, wunderbar, das bin Ich! Willkommen dem Selbst, dem hier nichts gehört, und dem doch alles gehört, was innerhalb des Denkens und der Sinne erscheint.

Wissen, Wissender und Gegenstand des Wissens existieren immer nur relativ zueinander. Das, woraus diese Dreiheit durch Unwissenheit erscheint, das bin Ich, reines Bewußtsein, vollkommen makellos.

Oh! Alles Leiden hat seine Wurzel in der Gegensätzlichkeit. Es gibt kein anderes Heilmittel dafür, außer der alldurchdringenden Erkenntnis von der Einheit im Selbst, daß ich das ewige Bewußtsein bin, vollkommen rein, alleinsam und selig.

Ich bin reines Bewußtsein. Nur durch Unwissenheit habe ich mich selbst beschränkt. Durch beständige Meditation fand ich die Stille jenseits der Gedanken.

Für mich gibt es weder Bindung noch Freiheit. All diese Illusion hat sich aufgelöst. Oh! Selbst die Welt in mir, ist in Wahrheit nicht in mir.

Diese Welt mit allen Erscheinungen ist ein Nichts. Alles was ist, ist das reine Bewußtsein selbst. Was könnte darüber hinaus noch sein?

Körper, Himmel und Hölle, Freiheit und Bindung, sowie alle Ängste sind bloße Gedanken. Welchen Wert haben sie für das ewige Bewußtsein jenseits aller Illusion?

Oh! Ich sehe keine Gegensätze. Selbst in der Mitte vieler Menschen verweile ich wie in der Waldeinsamkeit. Woran könnte ich noch anhaften?

Weder bin ich dieser Körper, noch gehört er mir. Jenseits von allem Egoismus bin ich ewiges Bewußtsein. Wahrlich, dies war meine Bindung, daß ich der körperlichen Existenz anhaftete.

Oh! In mir, dem grenzenlosen Ozean, erheben sich im Sturm die Wellen in Form von unzähligen Welten verschiedenster Erscheinung.

Legt sich in mir der Sturm der Gedanken auf dem unergründlichen Ozean, dann verschwindet das geisterhafte Boot mit dem unglücklichen Händler, dieses nie zufriedene Geschöpf.

Oh Wunder! In mir, dem großen unergründlichen Ozean, erheben sich all die Wellen der Geschöpfe, schlagen aneinander, spielen und verschwinden wieder auf wunderbare Weise.

3. Gesang: Die Prüfung der Selbsterkenntnis

Ashtavakra sprach:
Dein Wesen als das Eine unzerstörbare Selbst erkannt, wie kannst du, oh Weiser, nach der Selbsterkenntnis noch irgendetwas ansammeln wollen?

Mein Schüler! Das Begehren von Dingen, die in ihrer Erscheinung Illusion sind, entsteht aus der Unkenntnis vom Selbst, so wie man ein Stück Perlmutter aus Unwissenheit als Silber begehrt.

Hast du dich als das Selbst erkannt, worin diese Welt erscheint, wie die Wellen im Ozean, warum läufst du noch wie ein Bedürftiger umher?

Hast du vom Selbst gehört, das reines Bewußtsein und höher als alles Schöne ist, warum bist du noch unrein und ein Sklave der Begierde?

Merkwürdig wäre es, wenn sogar im Weisen, der das Selbst in allen Wesen sieht und alles im Selbst, noch ein Rest von "Mein und Dein" sein könnte!

Merkwürdig wäre es, wenn einer beständig in der Höchsten Einheit verweilt, sich zur Erlösung neigt, aber noch der Begierde und den Sinnesfreuden unterliegen würde!

Merkwürdig wäre es, wenn der Weise den großen Feind der tiefgründigen Weisheit kennt, aber am Lebensende noch an Sinnesgenüssen anhaften würde!

Merkwürdig wäre es, wenn einer, der frei von allen Erscheinungen dieser und kommender Welten ist, der alles Vergängliche durchschaut und sich zur Erlösung neigt, noch Angst hat, im Nichts zu vergehen!

Geliebt oder verschmäht, den Weisen, der mit kontrolliertem Geist überall sein Selbst sieht, wird weder Freude noch Ärger davontragen.

Wenn dein Körper genausogut wie jeder andere handelt, wie könnte eine so große Seele noch durch Lob oder Kritik verwirrt werden?

Die Welt als Illusion erkannt, jegliche Wißbegierde überwunden, wie könnte der Selbstkontrollierte sich ängstigen, selbst wenn der Tod naht?

Womit wäre diese große Seele noch vergleichbar, die wunschlos, jenseits aller Wünsche und zufrieden in der Selbstverwirklichung ist?

Der Selbstkontrollierte, der die Nichtigkeit aller Erscheinungen erkennt, was sollte er noch erreichen oder vermeiden wollen?

Wer alle innere Unreinheit abgewaschen hat und jenseits aller Gegensätzlichkeit über jede Hoffnung erhaben ist, der empfindet die Sinneserfahrungen in ihrem natürlichen Lauf weder begehrend noch ablehnend.

4. Gesang: Das Lob der Selbsterkenntnis

König Janak sprach:
Oh Freude! Unvergleichlich ist der Weise, der sein Selbst kennt und in der Welt der Sinne spielt, wo unzählige Lasttiere ans Joch der Welt angespannt werden.

Obwohl der Yogi darin verweilt, wonach sich Indra und andere Götter vergebens sehnen, bleibt er gelassen.

Denn Tugend und Sünde berühren nicht das Selbst von ihm, der es wahrlich kennt, so wie der Himmel nicht vom aufsteigenden Rauch berührt wird, obwohl es so scheint.

Wer sollte jene große Seele von spontaner Bewegung zurückhalten, die erkannt hat, daß alles das alleinige Selbst ist?

In der Welt der vielfältigen Geschöpfe, zwischen Brahma und dem kleinsten Grashalm, hat nur die Selbsterkenntnis die Kraft, dem Genuß und dem Leiden tiefgründig zu entsagen.

Vielleicht einer unter Tausenden erkennt das Selbst frei von Gegensätzlichkeit als den alleinigen Herrn der Welt. Dann handelt er spontan durch den Impuls des Karmas, das bereits angesammelt wurde, um Früchte zu tragen, doch allseits frei von egozentrischer Angst.

5. Gesang: Das Verschmelzen im Selbst

Ashtavakra sprach:
Ohne jegliche Anhaftung, was ist noch dein? Vollkommen rein, was möchtest du noch abstreifen? Verschmelze die Vielfalt der Welt zur Einheit und alles "Mein und Dein" im Selbst!

Die Welt erscheint in dir wie Schaum auf dem Ozean. Erkenne das Selbst als Einheit und gehe zum Verschmelzen!

Die Wirklichkeit der Sinneswelt ist eine Erscheinung in dir, Oh Reiner, wie eine gefährliche Schlange aus einem Stück Seil erscheint. So finde Verschmelzen im Selbst!

Vollkommen der Gleiche in Freude und Leid, in Hoffnung und Enttäuschung, im Leben und Sterben. So gehe zum Verschmelzen im Selbst!

6. Gesang: Kein Entstehen, kein Vergehen im Selbst

König Janak sprach:
Ich bin grenzenlos wie der Raum, während die Welt wie ein Topf ist. Dies ist Erkenntnis, wahrhaft und sicher. Da ist kein Gewinnen, kein Verlieren, kein Vergehen.

Ich bin der große Ozean, in dem die Welt wie eine Welle ist. Dies ist Erkenntnis, wahrhaft und sicher. Da ist kein Gewinnen, kein Verlieren, kein Vergehen.

Ich bin wie Perlmutter, das in der Welt als Silber wahrgenommen wird. Dies ist Erkenntnis, wahrhaft und sicher. Da ist kein Gewinnen, kein Verlieren, kein Vergehen.

Ich bin in allen Wesen, und alle Wesen sind in mir. Dies ist Erkenntnis, wahrhaft und sicher. Da ist kein Gewinnen, kein Verlieren, kein Vergehen.

7. Gesang: Das lebendige Selbst

König Janak sprach:
In mir, dem grenzenlosen Ozean, wird das Boot der Welt vom Wind des Geistes hin und hergetrieben. Doch mich ergreift es nicht.

In mir, dem grenzenlosen Ozean, mögen die Wellen der Welt von selbst aufsteigen oder fallen. Ich leide dadurch weder unter Wachstum noch Verfall.

In mir, dem grenzenlosen Ozean, mag die Welt erscheinen. Still und formlos bin Ich. Darin allein ist Verweilen.

Das Selbst ist keine Erscheinung, noch ist eine Erscheinung das, was unbegrenzt und vollkommen rein ist. So von Anhaftung befreit, begierdelos und zufrieden, verweile ich im Selbst.

Oh! Ich bin das ewige Bewußtsein. Mögen die begeisterten Spieler das Schauspiel der Welt aufführen. Gab es hier jemals wahren Gewinn oder Verlust?

8. Gesang: Das Wesen von Befreiung und Bindung

Ashtavakra sprach:
Bindung ist, wenn man irgendetwas begehrt oder haßt, verneint oder bejaht, ergreift oder abwehrt, und von Gefühlen der Freude oder des Leidens davongetragen wird.

Befreiung ist, wenn man Begierde und Haß, Unwissenheit, Ergreifen und Abwehren, Freude und Leid überwunden hat.

Bindung ist, wenn das Bewußtsein irgendeiner Ansicht oder besonderen Umständen verhaftet ist. Befreiung ist ein Bewußtsein jenseits aller Anhaftung.

Ohne "Ich" ist Befreiung. Wo das "Ich" wirkt, ist Bindung. Mit dieser Erkenntnis schwindet beides, das Begehren und das Hassen im Leben.

9. Gesang: Von der Entsagung

Ashtavakra sprach:
Irgend etwas getan und nicht getan, alle Teile und ihre Gegenteile, wann kommen sie wem zur Ruhe? Erkenne dies und durch gleichmütige Entsagung überwinde jegliche Anhaftung.

Wo, mein Sohn, ist der glückliche Mensch, dem im begeisterten Taumel des Schauspiels der Welt die Begierden des Lebens, Sinnesgenuß und Wissensdurst zur Ruhe kamen?

Vergänglich ist all das, durchtränkt vom dreifachen Leiden (Geburt, Alter und Tod), ohne wahre Substanz, voller Makel und nicht des Festhaltens wert. Dies erkannt, geht man zum Frieden.

Was ist Zeit, was ist Alter, wenn es keine Gegensätze mehr gibt? Alle Gegensätze überwunden und handelnd wie es sein soll, erreicht man Vollkommenheit.

Umfangreich sind die Lehren der großen Weisen, Heiligen und Yogis. Sie durchschauend und Entsagung übend, welcher Mensch würde nicht zum Frieden finden?

Wer durch Entsagung und Gelassenheit das ewige Bewußtsein vollkommen verwirklicht hat, wird von selbst ein ausgezeichneter Lehrer zum Segen der Welt.

Sobald du tiefgründig erkennst, daß die Vielfalt der Welt eine Gestaltung dessen ist, was ihr zugrunde liegt, verweilst du im gleichen Moment, frei von Bindung, in dem, was du schon immer bist.

Die Welt ist nichts anderes als Gestaltung. Durchschaue sie! Die Entsagung von Gestaltung (bzw. Konditionierung) führt zur Entsagung der Welt. So verweilt man, wie es sein soll.

10. Gesang: Von der Zufriedenheit

Ashtavakra sprach:
Zuerst der sinnlichen Liebe (Kama) entsagt, diesem größten Feind, dann allem leidvollen Streben nach weltlichem Gewinn (Artha), und schließlich sogar der Pflichterfüllung (Dharma), die das Fundament der beiden ersteren ist, überwinde alle Anhaftung und sei allseits zufrieden.

Erkenne Freunde, Nationalität, Reichtümer, Häuser, Ehefrauen und Wohlstand wie Erscheinungen in einem Traum oder in einem Gaukelspiel, nur für kurze Zeit beständig.

Erkenne, daß die Welten dort entstehen, wo Begehren ist. Überwinde tiefgründig die Anhaftung, sei zufrieden und selig!

Bindung besteht nur im Begehren, ohne Begierde ist Freiheit. Ein Loslassen der Erscheinungen führt allmählich zur Zufriedenheit und schließlich zur Selbstverwirklichung.

Du bist das eine, ewigreine Bewußtsein. Ist dieses Auge nur halb geöffnet, erscheint die Illusion der Welt mit ihren zweifelhaften Wahrheiten. Welcher Wissensdurst könnte noch sein, wenn dieses Auge ganz geöffnet ist?

Königreiche, Kinder, Ehefrauen, Körper und Vergnügungen sind dir alle wieder verloren gegangen, Geburt auf Geburt, sogar als du ihnen fest verhaftet warst.

Genug nun der Begierde, dem Gewinn und der Pflichterfüllung (Kama, Artha und Dharma). In keinem von diesen findest du Zufriedenheit im Dschungel der Welten.

Hast du nicht in so vielen Geburten schon mühe- und hoffnungsvolle Werke mit Körper, Rede und Denken geleistet, die schließlich doch nur das weltliche Leiden vermehrten? Entsage nun dem begehrlichen Handeln und sei zufrieden!

11. Gesang: Von den Weisheiten

Ashtavakra sprach:
"Geburt und Tod mit ihren Zwischenstufen ist die Natur aller Erscheinungen." Mit dieser Weisheit, tiefgründig und unverwirrt, verliert man die Todesangst und findet Frieden.

"Alles ist gottgeschaffen, es gibt nichts außerhalb und nichts innerhalb." Mit dieser Weisheit beruhigen sich die Begierden, und wenn die Anhaftung schwindet, findet man Frieden.

"Gewinnen und Verlieren sind die ewigen Wellen des Schicksals in der Welt." Mit dieser Weisheit zufrieden und alle Sinne gezügelt, erlischt das Begehren, und nichts kann dich noch betrüben.

"Freude und Leiden, Geburt und Tod, entfalten sich aufgrund des Karmas." Mit dieser Weisheit und der Gewißheit, daß man einmal angesammeltes Karma nicht mehr ändern kann, sondern ertragen muß, geht man gelassener durchs Leben und meidet neue Schulden im Handeln.

"Angst allein ist die Quelle aller Sorgen, nichts anderes." Mit dieser Weisheit über Angst und Glück findet man Frieden und wird frei von allen Anhaftungen.

"Ich bin weder dieser Körper, noch ist dieser Körper mein. Ich bin ewigreines Bewußtsein." Mit dieser Weisheit gelangt man zur Einheit und hört auf darüber nachzudenken, was in Zukunft alles noch zu tun oder zu lassen wäre.

"Von Brahma bis zum kleinsten Grashalm bin Ich allein." Diese Weisheit befreit von allen widerstreitenden Gedanken. Rein und zufrieden verweilt man, jenseits von Erreichen und Nichterreichen.

"Diese vielfältige und wundervolle Welt ist wie ein Traum nur relativ wahr." Diese Weisheit befreit von Begierde und erstarrten Ansichten. So findet man bald Frieden.

12. Gesang: Vom Verweilen

König Janak sprach:
Zuerst löste sich das Begehren nach körperlicher Betätigung, dann nach langen Diskussionen und schließlich auch nach dem endlosen Spiel der Gedanken. So verweile ich nun hier.

Weil mich die Sinneseindrücke nicht mehr davontragen, und weil das Selbst kein Gegenstand sinnlicher Wahrnehmung ist, so wurde das Denken frei von Zerstreuung, achtsam und im Einen gesammelt. So verweile ich nun hier.

Alle Übungen zur Sammlung sind ein Ausgleich zur Ablenkung durch weltliche Erscheinungen. Dies erkannt, verweile ich nun hier.

Es gibt nichts mehr zu verlieren oder zu gewinnen, keine Euphorie und kein Leiden, oh Kenner des Brahman, so verweile ich nun.

Ob weltliche Pflichterfüllung oder Weltflucht, ob geistige Betätigung oder völliges Schweigen, all dies als vielfältige Ablenkung durchschaut, verweile ich nun im Selbst.

So habe ich das absichtsvolle Handeln und Nichthandeln gleichermaßen als Unwissenheit durchschaut, und verweile nun hier.

Solange das Denken von der Selbsterkenntnis abgelenkt ist, dreht man sich immer nur um seine eigenen Gedanken. Alle Ansichten und Konzepte aufgegeben, verweile ich nun hier.

Wer das vollbringt, hat alles erreicht, was zu erreichen ist. Was wäre über ein solches Wesen noch zu sagen?

13. Gesang: Von der Seligkeit

König Janak sprach:
Die Stille der Gedanken, die durch Abwesenheit jeglicher Anhaftung entsteht, ist schwierig zu erreichen, solange man noch irgendetwas begehrt, sei es auch das kleinste Ding, wie ein Stück Stoff, um die Scham zu bedecken. Deshalb habe ich beides hingegeben, das Verlangen und das Vermeiden, und lebe selig.

Irgendwo schmerzt der Körper, irgendwo quält das Denken, irgendwo beleidigt die Rede. All das hingegeben, lebe ich selig im Selbst.

Was nicht durch Körper und Sinne getan wird, vollbringt das Selbst. Dies alldurchdringend erkannt, handle ich, wie es sein soll, und bin selig.

Absicht zum Handeln und Nichthandeln hat selbst der Yogi, solange er noch an seiner Körperlichkeit haftet. Sowohl Anhaftung als auch Nichtanhaftung aufgegeben, bin ich selig.

Sitzend, gehend oder schlafend gewinne oder verliere ich nichts. So bin ich sitzend, gehend und schlafend selig.

Ruhend verliere ich nichts, kämpfend gewinne ich nichts. So habe ich Gewinn und Verlust hingegeben, und bin selig.

Geburt auf Geburt habe ich die Vergänglichkeit von Freude und Leid wiederholt erfahren. So habe ich nun alles Gegensätzliche hingegeben und bin selig.

14. Gesang: Vom Dasein der Befreiung

König Janak sprach:
Der wird wahrlich zum Überwinder der Welt, dessen Geist wesenhaft von allen Gedanken frei geworden ist, der sich nur spielerisch den weltlichen Erscheinungen bewußt wird, und der selbst im Schlaf vollkommen erwacht ist.

Was sind mir Reichtümer, Freunde und jene Diebe, die als Sinnesobjekte bekannt sind. Was sind mir Gesetzesbücher oder Wissenschaft, wenn alles Begehren zur Ruhe gekommen ist?

Das ewige Auge und Höchste Selbst erkannt, alles Streben und alle Bindung überwunden, gibt es keine Sorge mehr um Erlösung.

Doch wahrlich, das Dasein von einem, der ohne egozentrisches Handeln ist, der durch die Welt geht, wie durch ein Trugbild, kennt nur, wer diesen Weg gegangen ist.

15. Gesang: Das Wissen vom Selbst

Ashtavakra sprach:
Wer sich innerlich reinigt, erreicht das Ziel sogar durch zufällige Belehrungen. Doch wer sich im Inneren nicht reinigt, der wird auch mit der besten Belehrung immer wieder vom Weg abkommen.

Bindung ist die Anhaftung an Sinnesgenüsse. Jenseits aller Bindung ist Erlösung. Erkenne dies, und handle, wie es sein soll.

Selbsterkenntnis macht den Redner still, den Gelehrten einfältig und den Kämpfer gelassen. Deshalb vermeidet sie jeder, der die Sinnesgenüsse liebt.

Du bist nicht der Körper, noch ist der Körper dein, noch bist du der Handelnde oder der Genießer! Du bist reines Bewußtsein, der unvergängliche Zeuge und der ewig Freie. Wandle selig dahin.

Anhaftung und Abneigung sind Zustände deines Denkens. Doch dieses Denken ist niemals dein! Jenseits aller Ablenkung bist du ewiges, unvergängliches Bewußtsein. So sei selig.

Erkenne dein Selbst in allen Wesen und alle Wesen in deinem Selbst. Frei von jeglicher Vorstellung von "Mein und Dein" sei selig.

Worin diese Welt erscheint, wie die Wellen auf dem Meer, wahrlich, das bist du! Oh höchst Bewußter, sei frei von allem Fieber.

Habe Vertrauen, mein Sohn, habe Glauben! Belüge und täusche dich nicht selbst! Du bist ewiges Bewußtsein, du bist der Herr, du bist das Selbst jenseits aller Erscheinungen.

Die Körper mit ihren Sinnesorganen erscheinen und vergehen. Das Selbst erscheint weder, noch vergeht es. Warum grämst du dich um den Körper?

Laß deinen Körper bis ans Ende der Zeit bestehen oder vergehe noch am heutigen Tag. - Welcher Gewinn oder Verlust wäre dir, dem ewigen Bewußtsein?

Laß doch die Wellen der Welt steigen oder fallen in dir, dem grenzenlosen Ozean, wo es weder Zunahme noch Abnahme gibt.

Du bist, mein Sohn, das ewige Bewußtsein selbst. Die Welt ist niemand anders als du allein. Woher könnte da wem Verlangen oder Abneigung erscheinen?

In dir, dem einen, unvergänglichen, makellosen, ewigreinen Bewußtsein, wo könnte da Geburt, Handlung oder Egoismus sein?

Was du siehst, darin siehst du dich Selbst allein. Ist goldener Schmuck etwas anderes als Gold?

"Mein und Dein", "Ich und die Anderen", gib diese Vorstellung von Trennung auf! Erkenne, daß alles ein Selbst ist. Frei von allen Ansichten und Konzepten, sei selig!

Die Wirklichkeit der Welt erscheint aus deiner ichbezogenen Illusion. In Wahrheit bist du das eine Selbst ohne ein Zweites. Es gibt nichts anderes außerhalb von dir, und nicht anderes innerhalb von dir.

Wer den illusorischen Charakter dieser Welt tiefgründig erkennt, der findet bald Frieden. Alles Begehren aufgelöst, verweilt er im höchsten Bewußtsein, in der Stille des Alls.

Alleinsam bist du im großen Ozean der Erscheinungen, alleinsam warst du und wirst du immer sein. So gibt es für dich weder Bindung noch Erlösung. Vollkommen zufrieden, sei selig!

Oh höchstes Bewußtsein! Beunruhige deinen Geist nicht mit widerstreitenden Gedanken. Finde Ruhe und sei selig im Selbst, der höchsten Seligkeit.

Gib alles Denken hin, trage nichts in deinem Herzen. Du bist das eine Selbst, ungebunden und frei. Was willst du noch erreichen?

16. Gesang: Von der Weltüberwindung

Ashtavakra sprach:
Du magst, mein Sohn, endlos darüber reden oder hören, doch es wird keinen Frieden geben, bis sich deine vielen Ansichten auflösen.

Bewahrt durch Selbsterkenntnis, kannst du dich in der Welt erfreuen, kannst denken, handeln oder meditieren, doch dein Geist, oh Weiser, wird stets darin ruhen, was jenseits aller Erscheinungen ist.

All das mühevolle Begehren bringt Leiden, doch schwer ist es zu erkennen. Gesegnet ist, wer Frieden durch diese Erkenntnis findet.

Wer sogar in der Bewegung seiner Augenlider die Last spürt, wer das Nichthandeln durchschaut hat, dem ist Seligkeit, sonst niemanden.

"Dies habe ich getan", "dies habe ich nicht getan", wer von solchen gegensätzlichen Gedanken frei ist, der wird gleichgültig bezüglich Dharma, Artha, Kama und Moksha (Tugend, Gewinn, Liebe und Erlösung, die vier großen Lebensziele).

Der Asket vermeidet die Sinnesgenüsse, der Weltling läuft ihnen hinterher, aber wer von Gegensätzen frei ist, der läuft ihnen weder hinterher, noch vermeidet er sie.

Solange das Begehren als Kind der Unwissenheit lebendig ist, solange gibt es Anhaftung und Abneigung, der Same und Sproß für den Weltenbaum (Samsara).

Begehrendes Handeln gebiert Anhaftung. Das Vermeiden von Handlungen führt zur Abneigung. Der Weise, der von diesen Gegenteilen frei ist, ist wie ein unschuldiges Kind jenseits der beiden.

Wer der Welt verhaftet ist, greift nach Abneigung, um seine Schwierigkeiten loszuwerden. Doch nur ohne Anhaftung ist man aller Sorgen bar, und lebt zufrieden auch in der Welt.

Wer sich erlöst glaubt, und noch Erlösung sieht, wie seinen eigenen Körper, der ist weder ein Weiser noch ein Yogi, aber sicherlich dazu bestimmt, in Zukunft unglücklich zu werden.

Laß Mahadeva, Vishnu oder Brahma selbst dein Lehrer sein, doch Frieden kann es für dich nicht geben, bis alles durchschaut und jegliche Ansichten und Konzepte vergessen sind.

17. Gesang: Von der Selbsterkenntnis

Ashtavakra sprach:
Wahrlich hat die Frucht des Wissens und die Frucht des Yogas erreicht, wer unabhängig, mit gereinigten Sinnen beständig in der Einsamkeit verweilt.

Wer um die Wahrheit weiß, fühlt sich nie unglücklich in dieser Welt, weil er als Selbst das ganze Universum durchdringt.

Wer Zufriedenheit im Selbst gefunden hat, dem sind die Sinnesgenüsse nicht mehr begehrenswert, wie die bitteren Blätter des Niem Baums den Elefanten nicht reizen, der die Blätter des Sallaki Baums kennt.

Wer nicht den gewohnten Dingen zugeneigt ist, noch dem Neuen hinterherläuft, ist wahrlich selten in dieser Welt.

Die Genußmenschen und die Meckerer sind dagegen häufig zu finden. Aber eine große Seele, die sich um nichts bekümmert, ist selten in der Welt.

Eine große Seele ist, wer weder Begehren noch Haß bezüglich Tugend, Reichtum, Vergnügen, Befreiung, Leben oder Tod hat.

Wer den Untergang des irdischen Lebens in seiner ganzen Fülle weder begehrt noch befürchtet, der akzeptiert, was im Laufe der Zeit erscheint, und ist selig.

Wer das Ziel der Selbsterkenntnis erreicht hat und ganz darin verschmolzen ist, der lebt selig, sei es beim Sehen, Hören, Berühren, Riechen oder Essen.

Wem dieser Ozean der weltlichen Erscheinungen ausgetrocknet ist, dessen Denken wird absichtslos, dessen Handlungen uneigennützig und dessen Sinne spontan.

Oh, wunderbar ist das Dasein einer wahrlich befreiten Seele, die weder wach noch schlafend ist, deren weltliche Augen weder geöffnet noch geschlossen sind.

Allseitig zufrieden, mit reinem Herzen und von allen Wünschen frei, erstrahlt die erlöste Seele alldurchdringend.

Ob Sehen, Hören, Berühren, Riechen, Essen, Ergreifen, Sprechen oder Bewegen, der Weise ist sowohl von Anhaftung als auch von Abneigung frei. Eine so große Seele ist wahrlich befreit.

Ihn trifft weder Tadel noch Lob. Er ist weder euphorisch noch betrübt, und kennt weder ein Geben noch ein Nehmen. Er ist stets frei von Anhaftung.

Ob er einer schönen Frau ins Angesicht schaut oder dem Tod selbst, eine so große Seele bleibt stets unbewegt. Er ist wahrlich befreit.

Freude und Leid, Mann und Frau, Reichtum und Armut machen dem Weisen keinen Unterschied, der überall das alleinsame Selbst erkennt.

Wem die Welt erloschen ist, der hat keinen Grund mehr zu Gewalt oder Mitleid, Stolz oder Kleinmut, Erstaunen oder Erregung.

Die befreite Seele meidet weder die Sinneserfahrungen, noch begehrt sie diese. Mit einem stets unabhängigen Geist durchschaut sie heiter, was auch immer erscheint.

Wer aufgehört hat, als "Ich" zu handeln, kennt weder ein geistiges Verdrängen noch ein Verwirklichen, weder ein Streben nach Glück, noch ein Vermeiden von Leid. Er ruht in der Einheit, im Selbst.

Frei von jedem Gedanken an "Mein und Dein", alle Erscheinungen durchschaut und jegliches Begehren beruhigt, handelt keiner mehr, auch wenn er handelt.

Mit dem Selbst eins geworden, ist er befreit von allen Ansichten und Konzepten, von Träumerei und Unwissenheit. Er erreicht ein Sein, das unbeschreiblich ist.

18. Gesang: Hundert Verse vom Frieden

Ashtavakra sprach:
Verehrung dem klaren Morgenlicht der Erkenntnis, worin der Traum dieser illusorischen Welt im Erwachen vergeht. Verehrung dem Wesen wahrhafter Seligkeit, ewig heiter und ewig strahlend!

Findet man auch Freude im Erreichen weltlicher Ziele, so kann doch ohne tiefgründiges Loslassen nie Zufriedenheit sein.

Wem das Haupt durch die unbarmherzige Sonnenglut der Begierde verbrannt wurde, wäre er nicht glücklich, wenn er im kühlen Nektar der Zufriedenheit baden könnte?

Die Erscheinungswelt ist ein konditionierter Zustand des ewigen Bewußtseins. Sie entsteht und ist vergänglich. Unvergänglich ist das Eine, worin die Erfahrung von Sein und Nichtsein erscheint.

Das Selbst, frei von Zerstreuung, Sorgen und Fehlern, ist nicht irgendwo in der Ferne. Es ist alldurchdringend und immer gegenwärtig.

Durch bloßes Auflösen der Illusion, durch reines Zulassen, erscheint die klare Erkenntnis, wie die Sonne durch die Wolken bricht, und alle Sorgen vergehen.

Jede Erscheinung ist eine Bewegung des Geistes. Das Selbst ist ewig frei, unbewegt und unvergänglich. Dies erkannt, was bedeuten dem Weisen noch die Sandburgen der spielenden Kinder?

Wer erkannt hat, daß sein Selbst Brahman ist, und Existenz und Nichtexistenz nur eine überlagerte Erscheinung, was sollte der Begierdefreie in der Welt noch lernen, erklären oder verändern?

"Ich und die Anderen", "Mein und Dein", solche Begriffe beunruhigen den Yogi nicht, der das Selbst in Allem erkannt hat und die unbeschreibliche Stille ist.

Für den Yogi, der Frieden gefunden hat, gibt es weder Ablenkung noch Sammlung, weder Lernen noch Unwissenheit, weder Freude noch Leid.

Der Yogi, dessen Gedanken in der Stille sind, sieht keinen wesentlichen Unterschied, ob er ein Königreich regiert oder als Bettler geht, ob ihm Gewinn oder Verlust begegnen, ob er in Gesellschaft oder Einsamkeit lebt.

Wo ist Tugend, wo Vergnügen, wo Reichtum, wo Kenntnisse, wo der Sinn von getan und ungetan für den Yogi, der von jedem gegensätzlichen Begriff befreit ist?

Für den Yogi, der noch in diesem Leben erlöst ist und alles akzeptiert, wie es kommt, gibt es nichts, was er tun müßte, noch irgendein anderes Streben.

Wo ist Illusion, wo die Welt, wo die Gedanken daran, und wo ist Befreiung davon für die große Seele, die ihre Ruhe in der Erfüllung aller Wünsche gefunden hat?

Wer die Welt sieht, mag darum streiten, ob sie real ist oder nicht. Aber was sollte der Wunschlose tun? Mit offenen Augen sieht er nichts.

Wer das Höchste Brahman sieht, mag denken "Ich bin Brahman". Aber was sollte der Weise denken, der alle Konzepte transzendiert hat und keine Gegensätze mehr kennt?

Wer Ablenkung im Selbst sieht, mag sich mit Sammlung beschäftigen. Aber womit sollte sich eine große Seele beschäftigen, die keine Ablenkung kennt und nichts, was zu verändern wäre?

So scheint der Weise wie der Weltling weiter zu handeln, aber verstrickt sich nicht im Handeln. Er sieht weder Sammlung des Geistes noch dessen Zerstreuung, noch Verhaftung an irgendetwas.

Der Weise, der von jeder Ansicht über Sein und Nichtsein frei ist, der selbstzufrieden und ungetrieben ist, handelt nicht, auch wenn er in den Augen der Welt zu handeln scheint.

Für den Selbstverwirklichten gibt es keine Furcht, weder vor dem Handeln noch vor dem Nichthandeln. Er vollbringt, was sein soll, und ist selig.

Jenseits aller Anhaftung und Absichten zum Handeln, frei und aller Fesseln ledig, bewegt er sich durch die Wirkung angesammelten Karmas, wie ein trockenes Blatt im Wind spielt.

Wer das Rad der Welten (Samsara) überwunden hat, wird weder von der Freude noch vom Leiden weiter angetrieben. Immer heiter und gelassen, lebt er, ohne einen eigenen Körper zu besitzen.

Wer Zufriedenheit im Selbst gefunden hat, wessen Geist ruhig und rein ist, hat das Begehren überwunden. Worauf sollte er noch warten oder verzichten?

Für den Selbstkontrollierten, der nicht mehr persönlich handelt, dessen Handeln nur aus angesammelten Karma erscheint, gibt es weder persönliche Ehre noch Unehre, auch wenn er in der Welt wie eine gewöhnliche Person handelt.

Wer erkennt, daß es die körperbehaftete Person ist, die handelnd genießt und leidet, aber nicht das reine Selbst, der kann die Anhaftung am Handeln überwinden.

Ohne daß sie behaupten würde, selbst etwas in der Welt geschaffen zu haben, vollbringt die befreite Seele ihren Anteil am Leben, und ist wie ein unschuldiges Kind, doch grenzenlos bewußt. Sie bewegt sich selig in der Welt, strahlt im alldurchdringenden Licht und ist gesegnet.

Der endlosen Gedanken überdrüssig, hat der Weise Frieden gefunden. In ihm ist keine Person mehr, die irgendetwas wünscht, fühlt, sieht oder hört.

Ein so Hochbeseelter sucht weder nach Erlösung, weil er nicht nach Sammlung begehrt, noch ist er an die Welt gebunden, weil er keine Ablenkung kennt. Alle Erscheinungen durchschauend, verweilt er im ewigen Bewußtsein, wie Brahman selbst.

Wer vom Ichgefühl getrieben wird, der sammelt Handlung an, auch wenn er nicht handelt. Aber der Weise ohne Ichgefühl, bleibt frei vom Handeln, selbst wenn er handelt.

Der Geist des Erlösten ist gelassen. Weder genießt er, noch handelt er. Von Begierde und Zweifel frei, strahlt er alldurchdringend.

Der Geist, der weder Stillstand noch Bewegung begehrt, handelt ohne illusionäre Absichten.

Der Weltmensch wird ganz verwirrt, wenn er von der Wahrheit hört, und versucht diese Lehren mühsam durch Gedanken zu erfassen. Nur der hat sie, der kein Kind ist, aber einfältig wie ein Kind handelt.

Sammlung und Zügelung des Geistes ist beständige Zuflucht der Suchenden. Ist der Weg vollendet, sieht der Weise nichts, was noch getan werden sollte. Er verweilt im Selbst, wie andere im Tiefschlaf, aber vollkommen bewußt.

Der Unwissende gelangt weder durch Handeln noch durch Nichthandeln zur Zufriedenheit. Der Weise ist allein durch Selbsterkenntnis zufrieden.

In wem das Körperbewußtsein aufgrund angehäuften Karmas sehr stark ist, der erkennt nicht das Selbst, das reine Bewußtsein, das Ziel der höchsten Liebe, das Vollkommene aller Welten und aller Fehler, und so müht er sich auf verschiedenen Wegen, um es zu erreichen.

Doch der Unwissende erreicht nie Erlösung, solange er danach strebt. Der Gesegnete hat Freiheit vom Handeln allein durch Selbsterkenntnis.

Der Unwissende erlangt nie das Brahman, weil er es zu werden wünscht. Der Weise ist Brahman selbst, ohne danach zu streben.

Der Unwissende, der nicht im Selbst gegründet ist, strebt nach Brahman oder Befreiung und bindet sich damit noch fester an die Welt. Der Weise schlägt die Wurzel des Weltenbaums ab, wo die Quelle allen Leidens liegt.

Der Unwissende gelangt nie zur Zufriedenheit, weil er sie durch Ansammlung erreichen will. Der Weise erkennt das Selbst und ist allseits zufrieden.

Wer könnte Selbsterkenntnis erreichen, wenn er sich an äußerliche Erscheinungen klammert? Der Weise durchschaut sie und erkennt überall das unsterbliche Selbst.

Wie könnte Gedankenstille für den Unwissenden sein, der danach strebt, seine Fesseln zu zerbrechen? Der Weise, der im Selbst Seligkeit findet, verweilt in der Stille ohne irgendetwas zu unterdrücken.

Einige haben die Ansicht, daß die Welt real ist, andere behaupten das Gegenteil. Doch nur, wer weder Sein noch Nichtsein sieht, ist wahrlich gelassen und frei von Illusion.

Der Unwissende denkt über das ewigreine Selbst nach, dem Einen ohne Zweiten, aber kann es durch Gedanken nicht ergründen und so lebt er unbefriedigt.

Das Denken des Erlösungssuchers will nicht ohne Konzepte als Stütze sein. Der Weise benötigt keine Stütze, muß sich nirgendwo festhalten, ist frei beweglich und ungebunden.

Der Unwissende sieht die Sinnesobjekte wie gefährliche Tiger. Erschrocken sucht er sogleich Zuflucht in der Höhle der Gedanken und kämpft mit den Waffen der Konzentration und Analyse. Der Weise schaut gelassen hindurch.

Wenn die Elefanten des Geistes (Gewohnheiten, Ansichten) dem Tiger des Verzichts begegnen, fliehen sie entweder in Waldestiefen oder dienen ihm schmeichelnd.

Wessen Geist beständig im Selbst ruht, wessen Zweifel erloschen sind, der kämpft nicht mit irgendwelchen Mitteln um Befreiung. Sehend, hörend, berührend, riechend und essend ist er selig.

Wessen Denken rein und frei von Ablenkung durch Sinneseindrücke geworden ist, sieht nichts, was noch getan oder vermieden werden müßte, und doch handelt er, wie es sein soll.

Was auch immer zu ihm kommt, das geschieht. Er weiß nichts von angenehm und unangenehm, und so handelt er wie ein unschuldiges Kind, aber grenzenlos bewußt.

Durch Selbsterkenntnis erreicht man Zufriedenheit, erreicht man Seligkeit, erreicht man das Höchste Sein.

Sobald man das Selbst erkennt, das ewig frei von allen Handlungen und deren Verstrickungen ist, schwinden alle absichtsvollen Handlungen dahin.

Die wesenhafte Stille des Weisen durchstrahlt alles. Sie ist unvergleichbar mit dem erzwungenen, künstlichen Nichthandeln des Unwissenden, in dessem Herzen die Begierden lauern.

Der Geist des Weisen ist wahrlich frei, ob er nun in der Welt spielt oder in Bergeshöhlen zurückgezogen lebt. Tiefgründig still, stets ungebunden, verstricken ihn die Gedanken nicht.

Im Herz des Weisen lauert nicht mehr die Gewohnheit, alles benennen zu müssen, sieht er auch mit Verehrung einen Gelehrten, einen Gott, eine Frau, einen König oder einen Freund.

Der Weise verliert nie seine Gelassenheit, mögen ihn auch Diener, Söhne, Ehefrauen, Enkel oder andere Verwandte verspotten.

In Schmerzen leidet er nicht. In Freude jubelt er nicht. Unbeschreiblich ist sein wunderbares Sein, erreichbar, aber nicht ergreifbar.

Die Welt stützt sich auf formhafte Gedanken, die nach Realisierung streben. Der Weise durchschaut sie. Selbst formlos, ist er an keine Form gebunden und so stets frei von Verwirrung und Sorgen.

Der Unwissende wird immer abgelenkt und unzufrieden sein, auch wenn er sich nicht betätigt. Der Weise ist stets gelassen, auch wenn er vollbringt, was getan werden soll.

Selbstzufrieden sitzt er, selbstzufrieden schläft er, selig kommt und geht er, zufrieden spricht und ißt er, auch mitten in der Welt. So verweilt der Weise mit klarer Sicht.

Wer tiefgründig das Leiden überwunden hat, der bleibt still wie ein tiefer See und lebt selig, selbst wenn er in der Welt handelt.

Dem Unwissenden wird Nichthandeln zum absichtsvollen Handeln. Der Weise verstrickt sich weder in das Handeln noch in das Nichthandeln.

Der Unwissende spürt Abneigung gegen die Dinge der Welt, wie Haus, Ehefrau, Kinder, Körper usw.. Doch wo jeder Begriff von "Ich" aufgelöst wurde, wer sollte da noch anhaften oder ablehnen?

Der Unwissende läuft stets seinen Gedanken hinterher, oder kämpft dagegen an. Doch die Sicht des Weisen, auch wenn er die Welt betrachtet, ist damit nicht zu vergleichen, denn er kennt keine Egozentrik mehr.

Für den reinen Muni, der sich wie ein Kind bewegt, frei von Konditionierung und Begierde, gibt es keine Verunreinigung, auch wenn er in der Welt agiert.

Der ist wahrlich mit Selbsterkenntnis gesegnet, der unter allen Umständen der gleiche ist, sei es beim Sehen, Hören, Berühren, Riechen oder Essen. So ein Geist ist nicht in endlose Wünsche verstrickt.

Wo ist die Welt, wo ist Illusion, wo sind die ehrgeizigen Ziele und die notwendigen Mittel für den Weisen, der wie der grenzenlose Raum ist, unberührt von allen absichtsvollen Handlungen und Gedanken?

Wer in seinem tiefsten Wesen im Grenzenlosen verschmilzt, verweilt in seinem wahren Selbst in seiner ganzen Fülle und überwindet alle Anhaftung der Sinne. So ist er wahrlich siegreich.

Was soll man dann noch von jener großen Seele sagen, die das Selbst kennt, weder an Erlösung noch an Weltfreuden haftet und in keine Neigung mehr verstrickt ist?

Diese relative Welt der Beziehungen stützt sich auf Gedanken und ist im Grunde nur ein Spiel der Namen. Was bleibt für den Weisen noch zu tun, der dies durchschaut, und dessen Selbsterkenntnis stets rein ist?

Wer alle Illusion aufgelöst hat, wessen Licht beständig und klar jenseits von allem Wissensdunst strahlt, findet Frieden im Selbst.

Für ein reines Bewußtsein, das nicht an Erscheinungen haftet, wo wäre da Verpflichtung zum Handeln, wo wäre Aufgeben, wo wäre Befreiung oder sogar Gelassenheit?

Wer sein Selbst als das Unendliche erkennt, und so alle Erscheinungen durchschaut, wo wäre da noch Bindung, Freiheit, Freude oder Schmerz?

In der Welt, die sich auf Gedanken stützt und das Selbst durch die illusionäre Macht der Maya überlagert, erstrahlt der Weise alleinsam, frei von jedem Begriff von "Ich" oder "Mein" und jenseits von Begierde.

Für den Muni der sein Selbst frei von Vergänglichkeit und Leiden erkennt, wo wäre da noch Gelehrtheit, wo die Welt, wo dieser Körper und wo "Mein und Dein"?

Wenn sich der Unwissende auch um Konzentration und Zügelung des Geistes bemüht, sobald er darin nachläßt, erheben sich wieder die vielfältigen Gedanken und Wünsche.

Der Unwissende hält an seiner Unwissenheit fest, mag er auch endlos vom Selbst hören. Trotz gewaltsamer Unterdrückung seiner Gedanken, bleibt er tief im Inneren den Sinnesgenüssen verhaftet.

Wessen Karma durch Selbsterkenntnis zerstreut wurde, wird nicht mehr zum Handeln getrieben, selbst zum Belehren nicht, auch wenn die Welt ihn handeln sieht.

Für den Weisen, der von jeglicher Schuld befreit, furchtlos verweilt, wo wäre da Dunkelheit oder Licht, wo Verlust oder Gewinn?

Wo wäre Mut oder Angst, wo wäre Gelehrtheit für den Yogi, dessen unbeschreibbares Wesen alle Erscheinungen durchschaut?

Dort gibt es keinen Himmel und keine Hölle, nicht einmal Erlösung im Leben. Was könnte man über einen solchen Yogi sagen, der Eins geworden ist?

Der Weise sehnt sich weder nach Gewinn, noch grämt er sich über Verlust. Sein Geist ist alldurchdringende Stille und vollkommen erfüllt vom Nektar der Unsterblichkeit.

Wer von Begierde frei ist, lobt weder einen friedlichen Menschen, noch tadelt er den Wilden auf Abwegen. Gelassen in Freude und Leiden, immer zufrieden, sieht er nichts, was er an der Welt verändern müßte.

Denn der Weise fühlt keine Abneigung vor der Welt, noch sorgt er sich um seine Selbsterkenntnis. Jenseits von Leichtsinn und Besorgtheit, ist er weder lebendig noch tot.

Der Weise erstrahlt jenseits aller Anhaftung an Söhne und Familie, jenseits aller Dinge der Welt, und jenseits aller Sorgen um seinen Körper.

Der Weise, der akzeptiert was ihm begegnet, der sich in der Welt frei bewegt und schlafen legt, wo die Sonne über seinem Kopf untergeht, der ist allseits zufrieden.

Laß den Körper kommen oder gehen, der Weise grämt sich darum nicht. Er hat diese Welt durchschaut, und zufrieden verweilt er im Selbst.

Der Weise, der nichts planen muß, der frei beweglich und jenseits aller Gegensätze ist und dessen Zweifel erloschen sind, der haftet an keinen besonderen Bedingungen, und alleinsam ist er selig.

Der Weise, dessen Egoismus vergangen ist, der unbewegt bleibt beim Anblick eines Klumpen Lehms, Steins oder Goldes, dessen Fesseln ums Herz gelöst sind und der Leidenschaft und Trägheit abgewaschen hat, der erstrahlt in Seligkeit.

Womit sollte er verglichen werden, der alle Anhaftung überwunden hat, der keine Absichten im Herzen hegt, und dessen gestillter Geist völlig zufrieden ist?

Denkend, denkt er nichts, sehend, sieht er nichts, sprechend, spricht er nichts. Wer könnte das erreichen, ohne von allen Absichten frei zu sein?

Sei er König oder Bettler, nur wer von Begierde frei ist, ist ein wahrer Herrscher und kein Sklave der Neigungen im Spiel zwischen Gut und Böse.

Wo ist Freiheit, wo ist Beschränkung, wo sind Wahrheitsdefinitionen für den Yogi, der jenseits aller Zweifel zur Verkörperung der Wahrheit geworden ist und alle Ziele erreicht hat?

Mit welcher Sprache könnte man welcher Person den inneren Zustand von dem beschreiben, der Zufriedenheit im Selbst gefunden hat, und der von allen Wünschen frei, keine Gegensätze mehr kennt?

Dieser Weise, der selbst im Tiefschlaf nicht schläft, der träumend, nicht träumt, und der wachend, nicht wacht, selig ist er unter allen Umständen.

Allein durch Selbsterkenntnis verweilt er im Denken ohne Gedanken, in der Sinneswahrnehmung ohne Sinne, in der Gelehrtheit ohne Lehre, und im Ich ohne Egozentrik.

Er ist weder glücklich noch leidend, weder anhaftend noch verwehrend, weder ein Erlösungssucher noch ein Erlöster, weder dies noch das.

Er ist gesammelt in der Zerstreuung, zerstreut in der Sammlung, unwissend über Wissen und wissend über Unwissenheit.

Er verweilt in seinem Eigenwesen, wo er schon immer war, und nimmt an, was ihm gegeben wird. Er sieht nichts, was er tun müßte oder getan hätte. Er ist in keine Bedingungen verstrickt und wird von keinem Gedanken zum Handeln oder Nichthandeln getrieben.

Verehrt, fühlt er sich nicht erfreut, verschmäht fühlt er sich nicht gekränkt. Er ist weder durch Gedanken an den Tod verwirrt, noch vom Wunsch nach ewig langem Leben begeistert.

Wer wahre Zufriedenheit gefunden hat, läuft weder der Gesellschaft hinterher, noch flüchtet er in den Wald. Warum auch? Er lebt überall zufrieden, nicht abhängig, sondern unabhängig von irgendwelchen Umständen.

19. Gesang: Vom Verweilen im Selbst

König Janak sprach:
So wurde nun aus der innersten Tiefe meines Herzens der Dorn der gegensätzlichen Gedanken mit der Zange der Selbsterkenntnis entfernt.

In wesenhafter Seligkeit verweilend, wo ist noch Pflichterfüllung, Vergnügen oder Gewinn (Dharma, Kama oder Artha)? Wo ist Gelehrtheit, Einheit oder Vielfalt?

Wo ist Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart? Wo ist Raum, wo ist Schöpfung, wenn man in wesenhafter Seligkeit verweilt?

Wo bin ich, wo die anderen? Wo ist gut oder schlecht? Wo ist Sorge oder Sorglosigkeit? So verweilt man in strahlender Seligkeit.

Wo ist Traum, Tiefschlaf oder Wachsein? Wo ist der vierte Zustand, der jenseits davon sein soll? Wo ist Angst? Überall ist ungetrübte Seligkeit.

Wo ist nah oder fern, innen oder außen, grob oder fein? Selig verweilt er im Selbst.

Wo ist Tod oder Leben? Wo ist die Welt oder meine Lebensgeschichte? Wo ist das Einsmachen aller Erscheinungen oder das Konzentrieren der Gedanken? Selig bin ich im Selbst verwurzelt.

Genug geredet über die drei Lebensziele (Tugend, Vergnügen und Gewinn)! Genug geredet über Yoga und Weisheit! Ich habe Zufriedenheit im Selbst gefunden.

20. Gesang: Vom Selbstbefreiten

König Janak sprach:
Wo sind die Elemente oder der Körper? Wo sind die Sinnesorgane oder das Denken? Wo ist Leere oder Fülle, wo ist Begierdelosigkeit im Makellosen und Reinen?

Wo ist die heilige Lehre oder das Wissen über das Selbst? Wo ist der Geist ohne Gedanken an Objekte? Wo ist Zufriedenheit oder Wunschlosigkeit, wenn kein gegensätzlicher Begriff mehr wirkt?

Wo ist Erkenntnis oder Unwissenheit? Wo ist Mein oder Dein, Dies oder Das, Freiheit oder Bindung? Wo ist Name oder Form für ewigreines Bewußtsein?

Wo ist Karma, das seine Früchte in der gegenwärtigen Verkörperung trägt? Wo ist Erlösung im Leben? Wo ist körperlose Freiheit, wenn alle Erscheinungen durchschaut werden?

Wo ist der Handelnde? Wo ist der Genießer der Frucht der Handlung oder die Absicht der Handlung? Wo ist das greifbare Ergebnis der Selbsterkenntnis in mir, wenn es keine Ichhaftigkeit mehr gibt?

Wo ist die Welt oder der Weltüberwinder? Wo ist der Yogi oder der Weise, der Gebundene oder der Befreite in mir, der im alldurchdringenden Licht des ewigen Bewußtseins verweilt, ohne daß es ein Zweites gäbe?

Wo ist Schöpfung oder Auflösung? Wo ist das Ziel, das zu erreichen wäre, und wo die Mittel dazu? Wo ist der Kämpfer und sein Erfolg in mir, der frei von Dualität im Selbst verweilt?

Wo ist der Erkennende? Wo sind die Sinne und das Objekt des Erkennens? Wo ist die Wahrnehmung des Objektes? Wo wäre etwas oder fehlte etwas in mir, dem ewigreinen Bewußtsein?

Wo ist Ablenkung oder Konzentration, Wissen oder Unwissenheit, Vergnügen oder Schmerz in mir, der in keine Handlung verstrickt ist?

Wo ist Relatives oder Absolutes? Wo ist Freude oder Leiden in mir, der jenseits gedanklicher Konzepte verweilt?

Wo ist Illusion, wo ist die Welt, wo ist Zuneigung oder Abneigung? Wo ist das verkörperte Selbst oder das Brahman im ewigreinen Bewußtsein?

Wo ist Tätigkeit oder Untätigkeit, Freiheit oder Bindung im unvergänglichen und ewig ungeteilten Selbst?

Wo ist Belehrung oder gültige Lehre? Wo ist Schüler oder Lehrer? Wo ist irgendein Ziel im Seligen, ewig Grenzenlosen?

Wo ist Sein oder Nichtsein? Wo ist Einheit oder Vielfalt? Doch wozu noch mehr der Worte? Da ist nichts, was sie mir noch hinzufügen könnten...

OM