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2.15. Die Geschichte von Ribhu und Nidagha

Parasara sprach:
Nachdem der König diese Worte gehört hatte, schwieg er und dachte darüber nach. Und nach einer Weile begann der Brahmane folgende Geschichte zu erzählen, um die Lehre von der Einheit im Universum zu verdeutlichen.

Der Brahmane sprach:
Höre, oh großer Könige, was einst Ribhu dem berühmten Brahmanen Nidagha lehrte. Ribhu war ein geistgeborener Sohn von Brahma, dem Großen Vater, der von Natur aus heilig und voller Weisheit war. Nidagha war der Sohn von Rishi Pulastya und wurde zum Schüler von Ribhu, der ihm bereitwillig das ganze Wissen der heiligen Schriften vermittelte. Doch Ribhu sah, daß sein Schüler trotz dieser umfassenden Belehrung die Erkenntnis des Einen, der Einheit des Brahman, nicht erreicht hatte. So nahm Nidagha (nach seiner Schülerzeit) seinen Wohnsitz in Viranagara, einer großen und ansehnlichen Stadt am Fluß Devika, und lebte dort in einem schönen Garten am Ufer des Flusses, wo er den Aufgaben eines Hausvaters folgte und die vielfältigen religiösen Riten pflegte. Nach tausend himmlischen Jahren ging Ribhu nach Viranagara, um seinen Schüler zu besuchen. Als er an der Türöffnung stand, beendete dieser gerade ein Opfer für die Viswadevas. Im Anschluß erblickte er den Brahmanen, beeilte sich, die üblichen Gaben der Gastfreundschaft darzubringen, und führte ihn ins Haus. Und nachdem seine Hände und Füße gewaschen waren, und der Gast (den er nicht erkannte) bequem saß, lud ihn Nidagha respektvoll zum Essen ein.

Darauf sprach Ribhu:
Sage mir, oh ruhmreicher Brahmane, welche Nahrung in deinem Haus ist, weil ich nicht alles esse.

Und Nidagha antwortete:
Es gibt Schrotbrot, Reis, Gerste und Hülsenfrüchte im Haus. Wähle dir davon, oh ehrwürdiger Herr, was dir am besten gefällt.

Darauf erwidert Ribhu:
Keines davon mag ich. Gib mir süßen Reis, der mit Zucker, Weizenkuchen und Milch gekocht ist, sowie Quark und Melasse.

Darauf sprach Nidagha zu seiner Frau:
Eile schnell, oh Dame, und bereite zu, was auch immer an Gutem und Süßen im Haus ist, um unseren Gast zu bewirten.

Und die Ehefrau von Nidagha bereitete nach den Wünschen ihres Mannes ein süßes und wohlschmeckendes Essen zu und setzte es dem Brahmanen vor. Nidagha wartete, bis der Gast die gewünschte Mahlzeit verspeist hatte, und fragte dann ehrfürchtig:
Oh großer Brahmane, hat dich diese Speise erfreut? Bist du gesättigt und befriedigt? Oh Zweifachgeborener, wo wohnst du? Woher kommst du und wohin führt dich dein Weg?

Darauf antwortete Ribhu:
Oh Brahmane, wer Hunger hat, wird durch eine Mahlzeit befriedigt. Ich habe keinen Hunger und kenne folglich auch keine Befriedigung. Warum fragst du mich, ob mein Hunger gestillt ist? Hunger entsteht, wenn das Erdelement durch das innere Feuer verzehrt wird. Durst entsteht, wenn das Wasserelement des Körpers durch das innere Feuer ausgetrocknet wird. Hunger und Durst sind normale Funktionen des Körpers, nicht von mir. Freude und Befriedigung sind normale Funktionen des Geistes (bzw. Gefühls), nicht von mir. Unabhängig von ihnen bin ich stets zufrieden. Ob man nach dem Essen befriedigt ist, solltest du nur jene fragen, die von ihren Gefühlen regiert werden. So höre auch die Antwort bezüglich deiner drei anderen Fragen: „Wo ich wohne, wohin ich gehe und woher ich komme?“ Die Seele oder das Selbst ist überall und durchdringt alles, wie der Raum. Ist es also vernünftig, wenn du mich nach wo, wohin und woher fragst? Weder gehe ich, noch komme ich, noch wohne ich an einem besonderen Ort. So ist es auch mit dir und allen anderen. Was gewöhnliche Menschen von dir sehen, bist nicht du. Was sie als andere sehen, sind keine anderen, und was sie als ich sehen, ist nicht ihr ich. Deshalb habe ich zwischen süßer und ungesüßter Speise unterschieden, um deine Meinung darüber zu erfahren. So höre nun auch meine Erklärung dazu, oh Zweifachgeborener. Gibt es in Wahrheit süße und nichtsüße Speise? Wie etwas Süßes bald nicht mehr süß ist, wenn die Sinne übersättigt werden, so wird das Nichtsüße schnell süß, wenn man nur genügend Verlangen danach entwickelt. Welche Speise ist am Anfang, in der Mitte und am Ende gleich erfreulich? Wie ein Lehmhaus mit frischem Lehm repariert und befestigt wird, so wird dieser irdene Körper mit irdener Speise wie Gerste, Weizen, Hülsenfrüchten, Butter, Öl, Milch, Quark, Melasse, Früchten und ähnlichem aus dem Erdelement erhalten. Deshalb erkenne, daß sich ein Geist, der solche Begriffe wie süß und nichtsüß wahrhaft durchschaut, zur einheitlichen Sicht neigt, und diese Einsicht führt zur höchsten Befreiung.

Nachdem Nidagha diese Worte gehört hatte, welche ihn zur Wahrheit führten, fiel er zu den Füßen seines Gastes nieder und sprach:
Sei mir gnädig, oh ruhmreicher Brahmane, und offenbare, wer zu meinem Heil hier erschienen ist. Denn durch deine Worte wurde die Verblendung meines Geistes gelöst.

Darauf antwortete Ribhu:
Ich bin dein Lehrer und hier erschienen, um dich zur Wahrheit zu führen. Das Werk ist getan, und so gehe ich wieder. Erkenne, daß dieses ganze Universum die eine, ungeteilte Natur des höchsten Geistes Vasudeva ist.

So sprach Ribhu, empfing die demütige Verehrung seines Schülers Nidagha, der voller Vertrauen und Hingabe war, und ging seiner Wege.


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