Pushpak Vishnu PuranaZurück WeiterNews

1.19. Wie die Gottheit Prahlada beschützt

Parasara sprach:
Als Hiranyakashipu hörte, daß die mächtigen Beschwörungsformeln seiner Priester vereitelt wurden, ließ er seinen Sohn holen und fragte nach dem Geheimnis seiner außergewöhnlichen Kraft:
Oh Prahlada, du bist mit erstaunlicher Macht begabt. Woher kommt sie? Ist sie das Ergebnis eigener Anstrengung oder magischer Riten? Oder sind dir diese Kräfte angeboren?

Als Prahlada auf diese Weise befragt wurde, verneigte er sich vor den Füßen seines Vaters und antwortete demütig:
Oh Vater, diese Macht ist weder das Ergebnis magischer Riten noch einer natürlichen Begabung. Es ist nichts anderes als das, was alle Wesen haben, in deren Herzen allein der Unvergängliche wohnt. Wer niemandem Übles wünscht und überall sein Selbst sieht, ist von der Wirkung der Sünde befreit, weil es dafür keine Ursache mehr gibt. Wer aber anderen in Worten, Gedanken und Taten mit Gewalt begegnet, sät den Samen zukünftiger Geburten, und die Frucht, die ihn erwartet, ist das Leiden. Ich wünsche niemandem Übles und kenne keine Feindschaft, weil ich Vishnu in allen Wesen wie in meiner eigenen Seele sehe. Wie sollten körperliche oder geistige Leiden durch die Elemente oder die Götter und Dämonen eine reine Seele treffen? Wahrlich, der Weise, der Hari in allen Wesen erkennt, pflegt die wahre Liebe zu allen Geschöpfen.

Bei diesen Worten verdunkelte sich das Gesicht des Dämonenkönigs im Zorn, und er befahl seinen Gefolgsleuten, seinen Sohn von der Spitze des Palastes zu stürzen, der viele Yojanas hoch auf einem Bergesgipfel stand, damit der Junge auf den Felsen zerbersten solle. Die Dämonen handelten entsprechend, doch Prahlada hatte nur Vishnu im Herzen, und so empfing ihn die Erde, diese Ernährerin aller Wesen, freundlich in ihrem Schoß. Und als Hiranyakashipu ihn unbeschadet sah, der vollkommen Krishna, dem Beschützer der Welt, gewidmet war, wandte er sich an Samvara, dem Mächtigsten aller Zauberer, und sprach zu ihm:
Wir konnten diesen übelgesinnten Jungen mit all unseren Mitteln nicht schlagen. Du kennst alle Künste der Illusion. Finde einen Weg, um ihn zu vernichten!

Und Samvara antwortete dienstbereit:
Oh König der Dämonen, ich werde ihn sicherlich überwältigen. Werde Zeuge meiner Macht zur Illusion, welche tausende und abertausende Wahngebilde hervorbringen kann.

Daraufhin begann der hinterlistige Dämon Samvara seine Illusionen gegen Prahlada zu entfalten, der jedoch alle Erscheinungen mit dem Auge der Einheit betrachtete. So verweilte er mit ruhigem Herzen und ohne jeglichen Zorn gegen Samvara in der Gegenwart von Vishnu und ließ alle Gedanken allein zu ihm fließen, der mit seinem vorzüglichen Diskus und dem flammenden Sudarsana den Jungen beschützte und die tausenden Wahngebilde des übelgesinnten Dämonen vernichtete.

Daraufhin befahl der Dämonenkönig dem heißen Wind, der alles austrocknen kann, seinen Sohn zu vernichten. Und der Wind sprach „So sei es!“, und begann sogleich schneidend, heiß, austrocknend und unerträglich in dessen Körper einzudringen. Doch auch angesichts dieses Windes richtete der fromme Junge sein ganzes Herz auf den mächtigen Erhalter der Welt, und Vishnu, der in seinem Herzen stets gegenwärtig war, trank den fürchterlichen Wind, der damit auf seine eigene Vernichtung traf.

Als die Wahngebilde von Samvara alle vereitelt waren und der heiße Wind vernichtet war, ging der fromme Prinz zurück ins Haus seines Lehrers. Und sein Lehrer unterrichtete ihn täglich in der Wissenschaft der Regierung, die nötig war, um ein Königreich zu führen, und von Sukra, dem Lehrer der Dämonen, für das Wohl der Könige begründet worden war. Und als er dachte, daß der bescheidene Prinz in den Grundsätzen dieser Wissenschaft wohlgelehrt war, informierte er den König der Dämonen darüber.

Und Hiranyakashipu befahl den Prinzen zu sich und fragte ihn:
Oh Prahlada, was hast du alles gelernt? Wie sollte sich ein König zu Freunden oder Feinden verhalten? Was sollte er in den drei Zeiten tun (Angriff, Rückzug und Frieden)? Wie sollte er seine Stadträte, Minister, Beamten, Diener, Abgesandten, Untertanen, Freunde und Feinde behandeln? Mit wem er sollte er sich verbinden und gegen wen sollte er kämpfen? Welche Arten von Festungen sollte er bauen? Wie sollten die wilden Völker in den Wäldern und Bergen beherrscht werden? Wie kann er innere Spaltung vermeiden? Das alles und was du sonst noch gelernt hast, wünsche ich von dir zu hören!

Daraufhin verneigte sich Prahlada liebevoll und ehrfürchtig zu den Füßen des Königs, berührte sie mit seiner Stirn und antwortete demütig:
Wahrlich, in allen diesen Dingen wurde ich von meinem ehrwürdigen Lehrer unterrichtet. Ich habe alles gelernt, doch vieles erscheint mir ohne Sinn. Es wurde gesagt, daß Versöhnung, Bestechung, Strafe und Uneinigkeit säen die Mittel sind, um Freunde zu sichern und Feinde abzuwehren. Oh Vater, werde bitte nicht zornig, aber ich kenne weder Freunde noch Feinde, und wo kein Ziel zu erreichen ist, sind auch jegliche Mittel überflüssig. Welchen Sinn hat es, über Freunde oder Feinde innerhalb von Vishnu zu sprechen, der höchsten Seele, dem Herrn der Welt, aus dem die Welt besteht und der eins mit allen Wesen ist? Diese Gottheit besteht in dir, oh Vater, in mir und in allen anderen Geschöpfen. Wie könnte ich also zwischen Freund und Feind unterscheiden? Ich finde es daher Zeitverschwendung, solche illusorischen Wissenschaften zu kultivieren, die keine wahre Erkenntnis bringen. Wir sollten unsere Kraft dem Erwerb wahrer Weisheit widmen. Oh Vater, es geschieht durch Unwissenheit, daß man Illusion für Wahrheit hält wie ein Kind den Leuchtkäfer für einen Feuerfunken. Wahrlich, oh König der Dämonen, nur das ist eine gute Handlung, die uns von Fesseln befreit, und nur das eine gute Erkenntnis, die uns zur Erlösung führt. Alle anderen Handlungen führen nur zur Erschöpfung und alle anderen Erkenntnisse zu künstlicher Klugheit. Hat man dies erkannt, welchen Nutzen hat dann noch weltlicher Gewinn? Höre von mir, oh König, mit allem Respekt das, was wahrlich nützlich ist. Man braucht sich nicht um Herrschaft oder Reichtum sorgen, denn in irgendeiner kommenden Geburt wird man es sicherlich erhalten. So viele Menschen bemühen sich, etwas Großes im Leben zu werden. Doch schließlich entscheidet das Schicksal darüber. Sogar Königreiche sind Geschenke des Schicksals und werden oft an dumme, unwissende und feige Regenten verliehen, die nicht einmal die Kunst der Regierung beherrschen. Wer ein glückliches Schicksal wünscht, sollte tugendhaftes Verdienst ansammeln. Wer die Erlösung wünscht, sollte alle Geschöpfe mit dem Auge der Einheit betrachten. Götter, Dämonen, Menschen, Tiere und Pflanzen sind alles nur Formen des einen ewigen Vishnu, die in ihrer Existenz aus ihm hervorgegangen sind. Wer das erkennt, betrachtet diese ganze Welt der belebten und unbelebten Geschöpfe wie sein eigenes Selbst. Denn alles ist Vishnu, der als Einheit die Vielfalt der Formen entfaltet. Wahrlich, wer das verwirklicht, mit dem ist der unveränderliche und ewige Gott zufrieden, dieser Erlöser aus allem Leiden.

Als Hiranyakashipu diese Worte hörte, sprang er wutentbrannt von seinem Thron und trat seinem Sohn gegen die Brust. Im Zorn lodernd wrang er seine Hände und rief:
Oh ihr Ersten der Dämonen, bindet ihn mit starken Stricken und werft ihn in den Ozean! Sonst wird noch das ganze Reich der Dämonen von diesem übelgesinnten Schuft mit seinen schrecklichen Ansichten vergiftet. Trotz unserer wiederholten Verbote beharrt er auf dem Lob unserer Feinde. Der Tod ist die verdiente Strafe für solch Unbelehrbare!

Die großen Dämonen banden daraufhin den Prinzen mit kräftigen Stricken und warfen ihn ins Meer. Doch während er auf dem Wasser schwamm, wurde der Ozean in seiner ganzen Weite aufgewühlt und erhob sich in mächtigen Wellen, welche ihn ans Ufer zurücktragen wollten. Als Hiranyakashipu dies sah, befahl er den Dämonen:
Oh ihr Nachkommen der Diti, werft große Felsen ins Meer, um ihn unter dieser Masse zu begraben, den weder das Feuer noch die Dämonenwaffen, die Schlangen, der heiße Wind, das Gift, die Beschwörungsformeln, die Wahngebilde, der Sturz aus höchster Höhe oder die Elefanten mit ihren Stoßzähnen töten konnten. Dies ist ein verdorbener Sohn, dessen Leben ein fortwährender Fluch für unsere ganze Familie ist. Möge er, der nicht zu töten ist, für tausende Jahre von schweren Felsen begraben am Grunde des Ozeans liegen!

Und wie befohlen, schleuderten die Dämonen unzählige schwere Felsen auf Prahlada und häuften sie mehrere Yojanas hoch auf. Doch er blieb im Geist unverwirrt und begann in seinem Bett in der Tiefe des Meeres liegend, sein tägliches Lob für den Unvergänglichen zu singen:
OM! Verehrung dem Lotusäugigen, dem Ersten aller Wesen und der Seele aller Welten. Verehrung dem Träger des Diskus, dem Besten der Brahmanen, dem Freund aller Brahmanen und Kühe, dem Krishna, dem Bewahrer der Welt und dem ruhmreichen Govinda. Verehrung der Gottheit, die als Brahma das Weltall erschafft, als Vishnu alles erhält und als Rudra am Ende des Kalpa alles zerstört. Verehrung dieser Dreiheit. Du bist als Allseiender die Götter, Dämonen, Yakshas, Nagas, Siddhas, Gandharvas, Apsaras, Menschen, Tiere, Pflanzen und Steine sowie Erde, Wasser, Feuer, Wind, Raum, Klang, Fühlbarkeit, Sichtbarkeit, Geschmack, Geruch, Gedanken, Vernunft, Seele, Zeit und die drei natürlichen Qualitäten von Güte, Leidenschaft und Trägheit. Das alles sind Manifestationen von Dir allein. Du bist Erkenntnis und Unwissenheit, Wahrheit und Illusion, Gift und Amrit sowie Handeln und Nichthandeln. Du bist die Tugend der Veden, der Genießer der Früchte aller Taten und die Mittel, um sie zu vollbringen. Du bist Vishnu, die allesdurchdringende Seele, und die Frucht aller frommen Taten. Du bist in mir wie in allen Wesen und erfüllst als Macht und Güte das ganze Universum. Die heiligen Yogis meditieren über dich, und die frommen Priester opfern dir. Du allein empfängst in Form der Götter und Ahnen die geklärte Butter im Opferfeuer und alle anderen Opfergaben. Das Universum ist deine Intelligenz, aus der alle Welten entstehen, denn du bist das subtile Prinzip aller Elemente und der verkörperten Wesen, welches man die Seele in ihnen nennt. So bist Du die Höchste Seele aller Geschöpfe, die durch Gedanken unbegreifbar ist, doch überall die fein- und grobstoffliche Formen entfaltet. Verehrung sei Dir als Höchster Geist, der das unvergängliche Selbst aller Wesen formt, diese Manifestation deiner Kraft, welche die natürlichen Qualitäten hervorbringt. Verehrung der höchsten Gottheit, die jenseits aller Ansichten ist und weder durch Worte noch Gedanken erfaßt werden kann, sondern allein durch die Erkenntnis des wahrhaft Weisen.

OM! Verehrung dem Vasudeva, dem ewigen Herrn. Alles existiert abhängig von Ihm, der selbst von allem unabhängig ist. Verehrung dem Höchsten Geist und immer wieder Verehrung! Ohne Name und Form ist er und kann allein durch Verehrung erkannt werden. Verehrung dem Höchsten Geist, dessen Inkarnationen auf Erden von den Göttern verehrt werden, weil sie sein wahres Wesen nicht sehen. Verehrung dem mächtigen Gott Vishnu, dem universalen Zeugen, der in jedem Herzen wohnt und alle guten und schlechten Taten bezeugt. Verehrung dem Vishnu, der dieses ganze Universum als seinen Körper trägt. Möge er mir gnädig sein, der überall als Anfang der Welt gesehen wird, der alles erhält und in dem sich alles wieder auflöst. Denn er ist das Unvergängliche und Ewige. Verehrung immer wieder dem Wesen, in das alles zurückkehrt, aus dem alles entsteht, das alles ist und in dem alle Dinge sind. Verehrung dem Allseienden, der ich bin, und durch den ich alles werden kann. So bin ich alles und alles ist in mir, dem Ewigen. Ich bin eine Form des Höchsten Geistes, unvergänglich und zeitlos. Wahrlich, das Brahman oder das Selbst, das vor, in und nach allen Geschöpfen besteht, das bin ich, das ewige Bewußtsein.


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