Pushpak Markandeya PuranaZurück WeiterNews

Kapitel 16 - Die Frage nach Erlösung und die Geschichte von Anasuya

Der Vater sprach:
Mein Sohn, du hast mir aufrichtig das leidvolle Rad der Welt beschrieben, das sich fortwährend wie eine Uhr weiterdreht. Auch ich habe das alles erfahren. Doch wenn es so ist, dann sage mir, was ich tun sollte.

Der Sohn (Sumati) sprach:
Oh Vater, wenn du ohne Zweifel meinen Worten vertraust, dann entsage dem Leben eines Hausvaters und gehe in die Wälder. Trete aufrichtig in dieses Leben ein. Den rituellen Opferfeuern entsagend, alle Bande trennend und von den Gegensätzen befreit, konzentriere den Geist auf das Selbst. Nimm nur jeden zweiten Tag Nahrung zu dir, kontrolliere dein Denken, werde ein Bettler und schüttle die Trägheit von dir ab. Dann übe achtsam Yoga und überwinde die äußeren Einflüsse. So wirst du den unvergleichbaren und unbeschreiblichen Yoga erreichen, das Heilmittel für die Leiden der Existenz und das Mittel zur Befreiung - dieser Yoga, der nur in der Einsamkeit erworben werden kann. Damit wird sich deine Verhaftung an die Welt der Erscheinungen langsam lösen.

Der Vater sprach: „Beschreibe mir, oh mein Sohn, diesen Yoga, der das beste Mittel zur Befreiung ist, um die Ursachen für das Leiden und die Verhaftung an die Dinge aufzulösen. Erkläre mir diesen Yoga der Ungebundenheit, durch den meine äußerst verhaftete Seele von den weltlichen Fesseln frei werden kann. Bitte, lasse den klaren kühlen Regen des Brahman-Wissens auf meinen Körper und Geist herabkommen, der durch die Hitze der weltlichen Sonne bedrängt ganz verwirrt ist. Lass mich die nektargleichen Worte trinken und belebe mich wieder neu, der ich tot bin, von der schwarzen Schlange der Unwissenheit gebissen und von ihrem Gift besessen. Öffne schnell das Tor der allumfassenden Liebe und der erlösenden Erkenntnis, und befreie mich, der durch die Ketten von Sohn, Frau, Haus und Feld gefesselt wird.“

Der Sohn sprach: „Höre, oh Vater, wie damals der weise Dattatreya, als er aufrecht gefragt wurde, das System des heiligen Yogas dem Alarka ausführlich erklärte.“

Und der Vater fragte: „Wessen Sohn war Dattatreya? Warum erklärte er den Yoga? Wer war der große Alarka, der die Frage über den Yoga stellte?“

Der Sohn sprach:
Einst gab es einen gewissen Kausika, ein Brahmane in der Stadt von Pratishthana, der infolge seiner früheren Sünden an Lepra erkrankt war. Seine Frau diente ihrem kranken Mann wie einem Gott, indem sie seine Füße und Glieder pflegte, ihn badete, ernährte, ankleidete und von ihm Schleim, Urin, Kot und Blut abwusch. Sie diente ihm in der Einsamkeit und erfreute ihn mit süßen Worten. Doch obwohl sie immer demütig für ihn da war, pflegte dieser höchst jähzornige und hartherzige Brahmane sie ärgerlich zu tadeln. Dennoch sah die bescheidene Frau in ihm das Göttliche und betrachtete diesen Schrecklichen als den Besten der Männer.

Da er selbst unfähig war, sich zu bewegen, sprach dieser Erste der Zweifachgeborenen eines Tages zu seiner Frau: „Bringe mich ins Haus der Kurtisane, die an der Straße lebt, oh du Tugendhafte, denn sie wohnt in meinem Herzen. Ich sah das Mädchen zum Sonnenaufgang, und jetzt ist es bereits Nacht. Seit ich sie erblickte, geht sie mir nicht wieder aus dem Sinn. Wenn diese bezaubernde, vollkommen Schöne mit den molligen Hüften und Busen mich nicht umarmt, dann wirst du mich sterben sehen. Kama, der Gott der Liebe, ist grausam gegen Menschen, denn sie wird von vielen umworben. Doch mir schwindet jede Hoffnung, denn ich kann mich nicht selbst bewegen.“

Als sie diese Worte ihres Mannes hörte, der von der Lust ergriffen war, blieb die hochgesinnte und ergebene Frau fest in ihrer selbstlosen Hingabe. Die Dame, die aus einer edlen Familie stammte, nahm reichlich Geld und trug ihren Mann auf ihren eigenen Schultern langsam voran. Es war Nacht und am Himmel hingen dicke Gewitterwolken. Die Frau dieses Brahmanen wünschte, das Vergnügen ihres Mannes zu erfüllen, und ging den Weg entlang, der von Blitzen erhellt wurde. Als sie in der Finsternis unterwegs waren, kamen sie am Brahmanen Mandavya vorbei, der fälschlicherweise als Dieb verurteilt und (am Wegesrand) gepfählt worden war, wobei er lange Zeit große Schmerzen erlitt. Und der Zweifachgeborene aus dem Stamm der Kausikas, der auf den Schultern seiner Frau hing, trat ihn im Vorübergehen verächtlich mit seinen Füßen. Daraufhin wurde Mandavya zornig und sprach: „Dieser sündige Schuft eines Mannes, der mich in dieser jämmerlichen Notlage arg gequält und erniedrigt, mit seinen Füßen getreten hat, soll zum Sonnenaufgang sein Leben verlieren. Sobald er die Strahlen der Sonne sieht, wird er auf den Tod treffen.“

Als seine Frau diesen schrecklichen Fluch hörte, rief sie äußerst betroffen: „Möge sich die Sonne nicht erheben!“ So ging die Sonne nicht auf, und es gab eine andauernde Nacht, die sich über viele Tage erstreckte, und die Himmlischen wurden entsprechend ängstlich.

Sie überlegten: „Wie könnte dieses ganze Weltall, beraubt von den (täglichen) vedischen Rezitationen und von den Opfer-Mantras Vashat, Swaha und Swadha, vor der völligen Zerstörung gerettet werden? Ohne den Wechsel von Tag und Nacht werden auch die Monate und Jahreszeiten vergehen, und ohne Sommer kann die Wintersonnenwende nicht bestimmt werden. Doch wie sollte die Zeit eines Jahres gemessen werden, ohne Kenntnis der Sonnenwende? Und ohne das Jahr geht die Wahrnehmung der Zeit verloren. Durch das Wort dieser treuen Frau wird sich die Sonne nicht erheben, und ohne Sonnenaufgang werden die morgendlichen Bäder, Opfer und anderen Riten nicht stattfinden. Es werden keine Opferfeuer mehr leuchten, und die Opferwünsche werden nicht beachtet. Und wenn keine Opfer mehr ins Feuer fließen, werden wir keine Befriedigung finden. Denn von den Sterblichen mit unserem erwarteten Anteil an den Opfern ordnungsgemäß befriedigt, segnen wir die Menschen mit Regen für das Wachstum des Getreides. Von diesem Wachstum ernähren sich die Sterblichen und beten uns mit Opfern an. Und verehrt durch Opfer und anderes gewähren wir ihnen ihre Wünsche. Wir geben nach unten und die Sterblichen geben nach oben, wir mit Wasser und die Menschen mit geklärter Butter. Nur die Ungerechten und Gierigen unterlassen die täglichen Riten für uns und verschlingen unsere Opferanteile selbst. Für die Zerstörung dieser sündigen und üblen Menschen behindern wir Wasser, Sonne, Feuer, Luft und Erde. Wenn sie verdorbenes Wasser trinken, entstehen viele leidvolle Erscheinungen für die Zerstörung jener sündigen Menschen. Anderseits schaffen wir heilige Bereiche für jene Hochbeseelten, die uns alle zuerst befriedigen und sich dann selbst vom Rest ernähren. Aber nichts davon besteht jetzt noch. Wie kann die Schöpfung weiter bewahrt werden? Wie kann der Tag wieder erscheinen?“

So berieten sich die Himmlischen miteinander. Der Schöpfergott (Brahma) hörte die Worte der dort versammelten Himmlischen, und betroffen vom Stillstand der Opfer sprach er: „Energie wird durch Energie und Askese durch Askese befriedet. Oh ihr Unsterblichen, hört meine Worte. Für die Verherrlichung dieser reinen Frau will die Sonne nicht mehr aufsteigen. Aus diesem Grund seid ihr und die Sterblichen sehr besorgt. Wenn ihr wünscht, dass sich die Sonne wieder erhebt, dann solltet ihr die Frau vom großen Rishi Atri gewinnen, die asketische und hingebungsvolle reine Anasuya.“

Daraufhin begaben sich die Himmlischen zu Anasuya, und von ihnen verehrt sprach sie: „Sagt mir, was ihr erreichen möchtet.“ Und die Götter baten darum, dass es wie früher wieder den Tag geben sollte. Darauf antwortete Anasuya: „Der Ruhm einer reinen Frau wird niemals von selbst abnehmen. Oh ihr Himmlischen, ich werde den Tag zurückgewinnen, indem ich diese fromme Dame (des jähzornigen Brahmanen) im Besonderen ehre. So wird es wieder Tag und Nacht geben und der Mann dieser gerechten Frau soll nicht auf den Tod treffen.“

Der Sohn fuhr fort:
So antwortete diese vorzügliche Dame den Himmlischen, begab sich zu jenem Haus und fragte nach dem Wohlergehen und der Tugend von ihr und ihrem Mann.

Anasuya sprach: „Oh du vorzügliche Dame, findest du Entzücken, wenn du das Gesicht deines Mannes siehst? Betrachtest du deinen Mann höher als alle Götter zusammen? Ich habe selbst durch den Dienst an meinem Mann jene große Frucht erlangt. Und mit dem Erreichen der Frucht aller Wünsche, waren auch alle Hindernisse verschwunden. Oh du reine Dame, ein Mensch sollte noch zu Lebzeiten alle Arten von Schulden bezahlen und sollte Reichtümer nur im Einklang mit seiner Aufgabe im Leben anhäufen. Darüber hinaus sollte er den angesammelten Reichtum an geeignete Empfänger uneigennützig verteilen. Er sollte immer Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Askese und Mitgefühl üben. Frei von Wut und Böswilligkeit sollte er sich immer an den Handlungen orientieren, die in den heiligen Schriften dargelegt sind, mit Verehrung und Gaben begleitet, so viel wie in seiner Macht liegt.

Oh du reine Dame, durch sehr große Mühe gelangt ein Mann in die Bereiche, die für seine Kaste vorgesehen sind, und dann Stufe für Stufe bis zu Brahma und noch höher. Doch allein durch den selbstlosen Dienst an ihrem Mann erhält eine Frau bereits die Hälfte des religiösen Verdienstes, das von einem Mann in harter Buße erworben wird. Eine Frau bedarf keiner speziellen Opfer, Sraddhas (Ahnenopfer) oder Fastengelübde. Indem sie ihrem Mann dient, gelangt sie in ihre gewünschten Bereiche. Weil der anvertraute Mann der vorzüglichste Pfad für Frauen ist, solltest du, oh reine und edle Dame, dein Herz immer an diesen Dienst hingeben. Mit einer ganzheitlichen Gesinnung im Dienst an ihrem Ehemann, erntet eine Frau den gleichen religiösen Verdienst, wie er von Männern durch die Verehrung der Götter, Ahnen und Gäste sowie durch die Ausführung frommer Riten angesammelt werden kann.“

Der Sohn (Sumati) fuhr fort:
Als sie diese Worte hörte, sprach sie zu Anasuya, der Frau von Atri, mit tiefer Verehrung: „Geehrt und gesegnet bin ich, oh du Gütige, weil die Himmlischen auf mich schauen und du bemüht bist, meine selbstlose Hingabe noch weiter zu vergrößern. Ich weiß genau, dass es keine bessere Zuflucht für die Frauen gibt als ihre Männer. Ihre Hingabe an sie führt zu doppeltem Verdienst, in dieser und in der jenseitigen Welt. Wenn der Ehemann mit ihr zufrieden ist, erreicht eine Frau großen Ruhm, sowohl in dieser Welt als auch im Reich der Toten, und sie gelangt zur Glückseligkeit. Der anvertraute Mann ist für die Frauen wie eine Gottheit. Doch sage mir, oh du Schöne, was ich selbst und mein verehrter Mann für dich tun können, da du Verehrungswürdige in unser Haus gekommen bist.“

Anasuya sprach: „Die Trennung zwischen Tag und Nacht, sowie die damit verbundenen frommen Handlungen haben auf dein Wort hin aufgehört. Alle Götter mit Indra an der Spitze sind voller Kummer zu mir gekommen und bitten um deine Gunst, dass die Erscheinung von Tag und Nacht wieder so wie früher sein möge. Dies ist der Grund, warum ich zu dir gekommen bin. Höre meine Worte. Durch das Warten auf den Tag gibt es einen Stillstand aller Opfer. Oh Asketin, aus Mangel daran, erhalten die Himmlischen keine Nahrung mehr. Mit dem Verschwinden des Tages erlöschen alle frommen Rituale. Vom Ungleichgewicht, das aus dieser Unterlassung entsteht, wird die ganze Weltordnung zerstört. Wenn du das Weltall von dieser Katastrophe befreien möchtest, dann sei freundlich zu den Wesen, oh du reinen Dame, und lasse wie zuvor die Sonne aufsteigen.“

Die Frau des Brahmanen antwortete: „Mein Herr und Mann ist durch den großen Mandavya in seinem Zorn verflucht worden. Er sprach: 'Mit dem Aufstieg der Sonne wirst du auf den Tod treffen.'“

Darauf antwortete Anasuya: „Wenn du, oh Sanfte, dein Wort halten willst, dann werde ich deinem Mann seine Jugend wiedergeben, mit einem Körper wie zuvor. Oh Schöne, ich achte immer die Macht der Reinheit von Frauen und ehre dich deshalb.“

Der Sohn fuhr fort:
Mit ihrer Zustimmung nahm die asketische Anasuya das Arghya (Gastgeschenk) an und begann, die Sonne anzurufen. Dies war nach der zehnten, ununterbrochenen Nacht. Daraufhin erhob sich der göttliche Vivasvat in seiner Sonnengestalt, die einer voll aufgeblühten Lotusblüte glich, als große strahlende Scheibe über den Bergen. Im gleichen Moment schied der Brahmane aus dem Leben und drohte zu Boden zu fallen, doch er wurde von seiner Ehefrau liebevoll gehalten.

Und Anasuya sprach: „Oh du sanfte Dame, sei nicht traurig, du sollst jetzt unverzüglich die asketische Kraft erfahren, die ich durch selbstlose Hingabe an den mir anvertrauten Mann erworben habe.

In Schönheit, Charakter, Intelligenz, Rede, Güte und anderen Eigenschaften kenne ich kein anderes Wesen, das meinem Mann gleicht. Durch diese Wahrhaftigkeit möge dieser Brahmane, von seiner Krankheit befreit, sein Leben wiedergewinnen und über hundert Jahre seiner Frau eine Hilfe sein.

Nicht einmal einen Gott habe ich meinem Mann als gleich betrachtet. Durch diese Wahrhaftigkeit möge dieser Brahmane ohne Hindernisse wieder zum Leben erwachen.

In meinen Taten, Gedanken und Worten war ich immer der Verehrung meines Mannes hingegeben. Dadurch möge dieser Zweifachgeborene wiederbelebt sein.“

Der Sohn fuhr fort:
Daraufhin erhob sich der Brahmane, befreit von jeder Krankheit, mit neu gewonnener Jugend, und das Zimmer erstrahlte durch seinen natürlichen Glanz, wie ein Himmlischer, der nie durch Altersschwäche berührt wurde. Dann fielen Schauer von Blüten, himmlische Musik erklang und die hocherfreuten Götter sprachen zu Anasuya: „Bitte um einen Segen, oh du edle Dame, denn du hast ein großes Werk für die Götter getan, und sie sind bereit, dir einen Wunsch zu gewähren.“

Und Anasuya sprach: „Wenn die durch Brahma angeführten Himmlischen mit mir zufrieden sind und mir einen Segen gewähren möchten, dann mögen, wenn sie mich dafür würdig halten, Brahma, Vishnu und Maheshvara als meine Söhne geboren werden. Und möge ich zusammen mit meinem Mann den Yoga erreichen, der zur Befreiung vom Leiden führt.“

Daraufhin sprachen Brahma, Vishnu, Shiva und die anderen Götter: „So sei es.“ Dann ehrten sie diese Asketin und begaben sich zurück in ihre jeweiligen Bereiche.


Zurück Inhaltsverzeichnis Weiter