Pushpak Aptavani 1Zurück WeiterNews

70. Die Beziehung von Gedanken und Selbst

Das Selbst ist ewig und unwandelbar, während die Gedanken veränderlich und vergänglich sind. Damit sind beide völlig unterschiedlich, und die einzige Beziehung zwischen ihnen ist das erkennende Sehen (das Bewusstsein). Deshalb sagen wir jedem: „Verliere unter keinen Umständen deine innere Güte!“ Auch wenn zu unpassender Zeit ein unerwarteter Gast zu Besuch kommt, biete ihm Essen und Trinken an, und verliere niemals deine innere Güte. Lass deinen Geist nicht engstirnig und schwach werden. Denn Zorn und Ärger zerbrechen die geistige Beziehung zu anderen Personen. Und wenn diese Beziehung einmal zerbrochen wurde, kann sie auch in unzähligen Leben nicht wieder heilen. Deshalb sagt das Sprichwort: „Ein zerbrochener Geist, eine zerbrochene Perle oder ein zerbrochenes Glas können nicht ungeschehen gemacht werden.“

Der Begriff ‚Gedankenlesen‘ bedeutet, dass sich die Gedanken anderer Personen in deinem Geist spiegeln. Zuerst versteht man sie intuitiv, und allmählich kann man sie immer klarer lesen. Wer diese Fähigkeit beherrscht, kann die Gedanken ‚lesen‘, das heißt sehen und erkennen. In der Sprache der Befreiten benutzt man den Begriff ‚Gedankenlesen‘ für das Sehen und Erkennen aller Zustände des eigenen Denkens. So sind wir die Ärzte des Geistes in der Welt. Ärzte für den Körper gibt es überall, aber du solltest einen Arzt für den Geist finden! Denn alle körperlichen Krankheiten sind ein Resultat von geistigen Krankheiten. Wir heilen die Krankheiten deines Geistes, sorgen dafür, dass keine neuen entstehen, und helfen dir, die gewonnene Gesundheit zu erhalten. Wir lösen dich von der Anhaftung an deine Gedanken und geben dir das reine Selbst in bar, so dass dich das Denken nicht mehr verwirren kann. Dieser reine Geist wird dir vollkommen dienen und dich zur Befreiung führen.

71. Das Licht des Intellekts und das Licht der Erkenntnis

Das Wissen aller Themen der Welt gehört dem Intellekt an, während die Erkenntnis frei von Ichhaftigkeit dem Selbst gehört. Wenn du auch alle Dinge dieser Welt weißt, solange das Ego damit verbunden ist, ist es nur intellektuelles Wissen. Vertraue nicht diesem ichhaften Wissen des Intellekts! Es ist ein leeres Wissen ohne wahren Kern. Viele höchst intellektuelle Menschen wurden unter diesen Umständen völlig verwirrt. Denn intellektuelles Wissen bringt viel Verwirrung.

Der Intellekt ist ein indirektes Licht des Selbst, das sich in der Höhle des Egos spiegelt. Es ist wie Sonnenlicht, das durch ein Loch im Dach in einen dunklen Raum fällt, dort reflektiert wird und die Dinge im Raum beleuchtet. Reine Erkenntnis ist das direkte Licht des Selbst, ein vollkommenes Licht, das alles zeigt, wie es ist. Dieses Licht der Erkenntnis (bzw. des reinen Bewusstseins) leuchtet von innen heraus, hat grenzenlose Macht und kann das ganze Universum erleuchten, während der Intellekt abhängiges Licht ist und nicht von selbst leuchtet. Wie zum Beispiel die Sonne von innen heraus leuchtet und das ganze Universum durchstrahlt, aber der Mond nur äußerlich beleuchtet wird.

Das Licht des Intellekts ist im Vergleich zur reinen Erkenntnis wie eine kleine Kerze vor der Sonne. Wir haben das vollkommene Licht der reinen Erkenntnis und besitzen daher keinen Intellekt. Wir sind frei vom Intellekt. Und wie wir auf der einen Seite vom Intellekt frei wurden, so begrüßte uns auf der anderen Seite die Allwissenheit. Denn wahrlich, Allwissenheit kann nur erreicht werden, wenn man vollkommen frei von intellektuellem Wissen wird.

72. Zwei Ebenen des Intellekts

Auch der Intellekt hat eine höhere Ebene, die man den wahren Intellekt nennt. Alles andere ist gewöhnlicher Intellekt. Der wahre Intellekt ist der Geist, der auf den rechten Pfad (zur Befreiung) führt, und kann nur durch Selbsterkenntnis erreicht werden. Danach entscheidet er, was richtig ist, und sieht die Dinge, wie sie sind. Doch diese Ebene des wahren Intellekts können nur wenige erreichen.

Der gewöhnliche Intellekt ist überall dort zu finden, wo der wahre Intellekt verdeckt ist, und gilt als falsch oder feindselig, zumindest bezüglich des Weges zur Befreiung. So ist es die Natur des gewöhnlichen Intellekts, dass er das Fundament des weltlichen Lebens stärkt und nicht zur Befreiung führt. Er wandert stets in der Welt umher und wägt Gewinn und Verlust für das weltliche Leben ab, aber nicht bezüglich der Befreiung.

Je mehr der Intellekt zunimmt, desto mehr wächst das geistige Leiden. Wenn die Mutter eines zweijährigen Kindes auf dem Sterbebett liegt, dann wird das Kind nur wenig davon berührt. Es wird weiterhin lachen und spielen, während ihr zwanzigjähriger Sohn jede Menge Leiden erfährt. So vermehren sich mit dem Intellekt auch die geistigen Leiden. Ähnlich geht es auch den gewöhnlichen Arbeitern. Sie schlafen friedlich, während sich die reichen Geschäftsleute ständig Sorgen machen. Nicht einmal nachts können sie in Frieden schlafen. Warum? Weil ihre intellektuelle Last größer ist. Und das geistige Leiden vermehrt sich mit dem Intellekt. Je größer der Intellekt, umso größer das geistige Leiden.

Wo es Intellekt gibt, da gibt es auch das Ego mit der Illusion: „Ich bin der Handelnde!“ Und das ist der wahre Grund, warum eine Person leiden muss. Es ist der Intellekt, der sie vom Selbst trennt. Auch Lord Krishna bezeichnete den Intellekt als feindlich und sprach: „Der Intellekt lässt dich rastlos durch die Welt wandern.“

Wofür braucht man also diesen Intellekt? Der Intellekt ist nützlich und hilfreich bis die Selbsterkenntnis erreicht wurde. Und wieviel braucht man davon? Wenn zum Beispiel deine Hand unter einem Stein eingeklemmt wurde, dann benutze deinen Intellekt so viel wie nötig und überlege, wie du dich befreien kannst, und lerne daraus, damit es nicht noch einmal passiert. Aber die Leute missbrauchen den Intellekt, um viel Geld zu gewinnen und andere zu betrügen. Das ist eine sehr große Gefahr. Die Göttin des Wohlstandes kommt zu dir wegen deiner verdienstvollen Taten und nicht wegen deines Intellekts. Es gibt so viele reiche Leute, die große Firmen besitzen, aber nur wenig Intellekt. Das Geld kommt trotzdem in großen Mengen zu ihnen, und sie überlassen die Anwendung des Intellekts ihren Angestellten. Und die Angestellten haben dann den Stress mit den Bürokraten vom Finanzamt, während die Firmenbesitzer entspannt schlafen können.

73. Die Neigung des Intellekts

Jeder ist glücklich, wo er zu Hause ist. Die Wandernomaden erfreuen sich nicht an einem festen Haus, und die Hausbewohner nicht an einer gewöhnlichen Wohnung. Der Grund dafür ist ihr jeweiliger Intellekt, und ihr ganzes Glück ist es, der Neigung ihres Intellekts zu folgen. Dabei gibt es zwei Arten, wie man den Intellekt mit Wünschen anfüllen kann, nämlich sündhaft und verdienstvoll. Alle Wünsche kann man auf diese Weise einteilen. Und die meisten Wünsche, womit der gewöhnliche Intellekt angefüllt wird, beziehen sich auf weltliche Dinge, wie Autos, Häuser und Familie. Auf diese Weise verbrauchen die Leute das meiste ihres verdienstvollen Karmas und verwenden vielleicht nur ein oder zwei Prozent, um sich auch geistig zu erheben.

Denken wir an zwei Diebe, der eine wird gefasst und der andere kann geschickt entkommen. Was bedeutet das? Beide hegen in ihrem Intellekt die Neigung zum Stehlen, aber der gefasst wurde, erfährt die Wirkung seines sündhaften Karmas, während der andere Dieb, der entkommen konnte, sein verdienstvolles Karma verbraucht. Auf diese Weise verwendet jeder sein sündhaftes und verdienstvolles Karma entsprechend der Neigung seines Intellekts. Und wenn eine Person mit dem geistigen Wunsch nach großem Reichtum in diese Welt kommt, dann wird sie natürlich ihr verdienstvolles Karma dafür verwenden und reich werden. Eine andere Person hat vielleicht den gleichen Wunsch in Ihrem Intellekt, aber ihr sündhaftes Karma kommt zur Wirkung, und sie wird immer knapp bei Kasse sein.

Diese natürliche Ordnung ist so klar und exakt, dass niemand irgendeine Macht darüber hat. Aber die Unwissenden glauben: „Ich selbst habe jede Menge Geld verdient!“ Ach, sie haben ihr verdienstvolles Karma dafür verbraucht und gehen einen unheilvollen Weg. Ändere doch lieber die Neigung deines Intellekts! Deine Wünsche sollten auf das wahre Dharma gerichtet sein und nicht auf vergängliche Dinge, wie Geld, Autos, Häuser oder Radios. Reinige deinen Geist für den Weg zur Selbsterkenntnis. Was auch immer du jetzt besitzt, kann bleiben. Wandle nur deinen Geist, und richte ihn hundertprozentig auf das wahre Dharma, das dich zur Befreiung führt.

Wir selbst richten den Geist vollständig auf das wahre Dharma zum Wohle aller Wesen und verwenden den Verdienst nicht für Geld, Autos, Häuser, Familie oder andere weltlichen Dinge. Verdienstvolle Taten wirken nach Neigung und Absicht des Intellekts. Wer auch immer zu uns gekommen ist und die Erkenntnis empfangen hat, konnte diesen Weg nur gehen, weil er früher zwei bis fünf Prozent seines verdienstvollen Karmas für die Befreiung dargebracht hat. Und weil wir selbst hundert Prozent für das wahre Dharma gegeben haben, konnten wir das ‚Zertifikat der Unbedenklichkeit‘ für das ganze umfassende Dharma erhalten.

74. Ganesha, der Gott des Intellekts

Ganesha ist der vorherrschende Gott für den Intellekt. Damit hat er das Recht erhalten, die heiligen Schriften zu schreiben. Das Licht seines Intellekts durchdringt alles und kennt keine Schwäche. Deshalb wird er unter allen Göttern besonders verehrt und nimmt in den Ritualen einen vorzüglichen Platz ein. Wer Ganesha verehrt, der macht seinen Intellekt demütig, freundlich und frei von Illusionen.

Wer nicht mehr als zwei große Schwierigkeiten im Monat hat, aber täglich unter Stress und Angst leidet, der sollte erkennen, dass die Ängste aufgrund seines feindlichen Intellekts entstehen. Die Verehrung von Ganesha wandelt diesen feindlichen Intellekt in einen freundlichen und wahrhaften. Aus diesem Grund ist Ganesha in jeder Verehrung so wichtig. Doch die wenigsten Menschen sind sich dessen bewusst, und entsprechend ist die Verehrung in ihren Ritualen nicht sehr wirkungsvoll. Wenn sie sich dieses Segens von Ganesha bewusst wären, würden sie wesentlich bessere Früchte ernten.

Ganesha ist der Gott, der erfolgreich alle Hindernisse des Intellekts überwunden hat. Und wer Ganesha mit diesem Bewusstsein verehrt, der kann seinen Intellekt von jeder Illusion reinigen und einen wahrhaften und freundlichen Geist gewinnen.

75. Erfahrungen und Ansichten des Intellekts

Stell dir zum Beispiel eine Person vor, die nie zuvor Eiscreme gegessen hat und nun im Dunkeln sitzt und plötzlich Eiscreme bekommt. Sie würde sich wundern und fragen: „Ist die Kälte eine Eigenschaft von Eiscreme? Es schmeckt nach Milch und Vanille. Gehört das zum Wesen der kalten Eiscreme?“ So hat der Intellekt die Fähigkeit der Unterscheidung und Analyse der wesentlichen Eigenschaften und Zutaten der Eiscreme, und versteht durch seine Erfahrung, warum das Eis kalt ist. Mit dem Intellekt kann eine Person die Dinge unterscheiden und Erfahrungen sammeln.

Wenn der Intellekt als reflektiertes Licht bereits solche Fähigkeiten in der Welt hat, dann kannst du dir vorstellen, wie mächtig das direkte Licht des Selbst ist. Deswegen sagen wir, wer Selbsterkenntnis erreicht hat, kann den Intellekt in den Ruhestand schicken. Es ist die Welt, die den Intellekt braucht und davon abhängig ist. Doch nach der Selbsterkenntnis wird der Intellekt nicht mehr benötigt.

Wir nennen den Intellekt einen verlogenen Schurken, dem man nicht vertrauen sollte, und sagen: „Oh Intellekt, du hast mir in so vielen Leben schon Probleme bereitet, nun geh nach Hause. Gehe zu denen, die dich noch brauchen. Wir benötigen dich nicht mehr.“ Verabschiede den Intellekt auf diese Weise in den Ruhestand. Aber beschimpfe oder verachte ihn nicht, denn solange du Abneigung in dir hegst, kannst du niemals Befreiung erreichen. Deshalb beruhige ihn so gut wie möglich, und verabschiede ihn in Frieden. Denn Ruhestand bedeutet Versöhnung.

Suchst du Befreiung, dann höre in keiner Weise auf deinen Intellekt. Der Intellekt würde sogar in einem erleuchteten Geist noch Fehler aufzeigen. Ach du Unglücklicher, du siehst sogar Fehler in dem, der dir die Befreiung gewähren kann. Damit trennst du dich von der Befreiung für unzählige Leben. Der Intellekt bindet dich an das weltliche Leben, als würdest du auf eine verwöhnte Frau hören und dir damit jede Menge Probleme schaffen. Ein solcher Intellekt stürzt dich in Verwirrung, und solange du auf ihn hörst, kann keiner sagen, wohin es dich treiben wird. In der Nacht um zwei kann er dich aufwecken und verführen. Selbst deinem Lebenspartner begegnest du nicht so häufig, wie diesem Intellekt, der stets dein Begleiter ist. Er hat die Kraft, dich völlig zu überwältigen und dir jegliche Kontrolle zu rauben.

Wenn du hundert Juweliere einlädst und ihnen einen Diamanten zeigst, der Millionen Dollar wert ist, dann wird dir jeder einen anderen Wert schätzen, weil sie von ihrem Intellekt geleitet werden. So unterschiedlich können die Bewertungen für den gleichen Diamanten sein, weil ihr Intellekt so unterschiedlich ist. Deshalb versuche nicht, diese Verkörperung des erleuchteten Geistes mit deinem Intellekt zu bewerten. Denn da gibt es nichts zu messen. Wende deinen Intellekt nie auf den erleuchteten Geist an, versuche es gar nicht erst. Der erleuchtete Geist ist wie ein Gott, und alles an ihm ist verehrungswürdig. Dein Intellekt nützt dir hier gar nichts. Auch wenn der erleuchtete Geist nach außen einen Körper hat, im Inneren strahlt das Licht der Erleuchtung in ewiger Gegenwärtigkeit. Der Körper, den du siehst, ist nur ein Teil des Spiels der Natur. Zum Wohle aller Wesen spielen wir dieses Spiel, ohne persönlich irgendetwas zu tun.

Nur die ständige Verbindung mit dem Erleuchtungsgeist kann vom Intellekt befreien. Das Werk der Leute in der Welt wird vom Intellekt getrieben, während das Werk der Erleuchteten allein der natürlichen Ordnung (von Ursache und Wirkung) folgt, und so kann es keine Hindernisse geben.

Was ist Intellekt? Es sind die gewohnten Ansichten aus deiner Vergangenheit. Wenn du zum Beispiel auf einer Landstraße fährst und auf dem ersten Kilometer die Natur bestaunst, dann wird dein Intellekt wünschen, dass es die ganze Strecke so schön sein sollte. Doch auf dem nächsten Kilometer ändert sich die Natur, und der Intellekt findet auch diese Ansicht schön. Das Ego unterschreibt, wieder eine neue Ansicht zu besitzen, aber die vorhergehende wird deswegen nicht vergessen. Aus diesem Grund holen dich die alten Ansichten immer wieder ein. Wenn du sie vergessen könntest, gäbe es damit keine Probleme, aber sie bleiben dir erhalten und behindern dich. Wir nennen dies „auf alte Ansichten treffen“, die der Intellekt früher angesammelt und das Ego bestätigt und unterschrieben hat. Daraus entstehen deine inneren Konflikte und der Streit der Ansichten und Meinungen. Dein heutiger Intellekt wurde aus deinen früheren Ansichten gebildet, und deine gegenwärtigen Ansichten formen deinen Intellekt für die Zukunft und das nächste Leben. So läuft es immer weiter.

Ein Dieb stiehlt wegen seiner Ansichten bezüglich des Stehlens. Es ist die Befürwortung des Intellekts aus seinem vergangenen Leben, die ihn stehlen lässt. Würde er mit edleren Menschen zusammenkommen, könnte sich seine gegenwärtige Ansicht ändern, und er könnte entscheiden, dass das Stehlen unheilsam ist. Und obwohl er in diesem Leben aufgrund früherer Ansichten gestohlen hat, ändert sich nun seine Meinung, er findet das Stehlen schlecht und erwirbt einen Intellekt, der ihn zukünftig nicht mehr stehlen lässt.

76. Die Unterschiede der Ansichten

Warum gibt es so viele unterschiedliche Ansichten? Jede Person hat ihre persönlichen Meinungen und Ansichten und sieht die Welt von ihrem Standpunkt aus. Deswegen gibt es so viele verschiedene Ansichten. Wenn ein Dieb stiehlt, dann ist es seine Ansicht. Das bedeutet, er ist kein Dieb an sich, und seine Ansicht kann sich wieder ändern. Die Ansicht einer anderen Person als ‚falsch‘ zu bezeichnen, bedeutet, dass man das Selbst als ‚falsch‘ bezeichnet, denn daraus entsteht diese Ansicht. Die Person betrachtet sich im Licht des Bewusstseins, und Bewusstsein kann nicht ‚falsch‘ sein. Es ist wahr vom Standpunkt der Person aus. Solange die Unwissenheit über das wahre Selbst existiert, ist der persönliche Standpunkt die einzige Stütze einer Person. Erst mit der Selbsterkenntnis kommt man in die Mitte (vom Kreis der äußeren Ansichten) und beide, die Unwissenheit und der persönliche Standpunkt, verlieren ihre Grundlage.

Wir sagen zu niemanden: „Deine Ansicht ist falsch!“ Sogar einen Dieb nennen wir nicht ‚falsch‘, weil er von seinem Standpunkt aus wahr ist. Aber natürlich werden wir ihm die Konsequenzen seines Handelns erklären. All die Leute der Welt tappen wegen ihres Intellekts im Dunklen von Richtig und Falsch. Die eine Ansicht zeigt etwas Richtiges und die andere etwas Falsches. In Wahrheit sorgen die gegensätzlichen Ansichten des Intellekts dafür, dass sich die Person immer tiefer in die Welt verstrickt. Deswegen nennen wir ihn einen ‚feindlichen‘ Intellekt (bzgl. des Weges zur Befreiung). Dieser feindliche Intellekt schadet beiden, dem Geber und dem Nehmer (der Ansichten und Meinungen), während der wahre Intellekt für beide Seiten vorteilhaft ist. So bringt der feindliche Intellekt viel Leiden. Wenn jemand Geliebtes in deiner Familie krank wird, schickt er dir sogleich den Gedanken „Oh weh, wird er sterben?“ und lässt dich die ganze Nacht hindurch weinen.

Die wirtschaftlich denkenden Vaishyas haben viel Intellekt und werden davon entsprechend getrieben. Das verhindert die Selbsterkenntnis und den Weg zur Befreiung. Denn für diesen Weg bedarf es eines großzügigen und mutigen Geistes, wie den der Kshatriyas. Dabei geht es hier nicht um die sozialen Kasten, denn diese haben mit dem wahren Selbst nichts zu tun, sondern um die Eigenschaften der Natur, die den Geist verwirren und in Illusion versinken lassen. Diesbezüglich sind die Kshatriyas sehr mutig. All die vierundzwanzig Tirthankaras (erleuchtete Gurus) stammten von Kshatriyas ab. Wenn sich ein Kshatriya für den Weg zur Befreiung entschließt, dann erachtet er alle weltlichen Dinge als wertlos, während ein wirtschaftlich orientierter Vaishya sogar auf dem Weg der Befreiung diese Dinge noch als wichtig bewertet. Mit solchem wirtschaftlichen Geist sollte man sehr vorsichtig sein, denn er kann große Verwirrung auf dem Weg zur Befreiung hervorbringen.

Die Vaishyas haben einen großen Knoten der Gier, der nur selten sichtbar wird, während die Kshatriyas in ihrem Wesen rebellisch sind und allen ihre kämpferische Natur zeigen. Dafür leiden sie aber auch entsprechend und erkennen ihre Fehler. Dagegen ist es sehr schwer, einen Vaishya dahin zu bringen, dass er seine Schwächen erkennt. Wenn ein Kshatriya einen Tempel besucht, wird er spontan tief in seine Tasche greifen und reichlich spenden, während ein Vaishya schon zu Hause nachdenkt, wieviel er spenden sollte, und auf dem Weg zum Tempel noch sein Geld kleinwechselt, damit die Münzen reichlicher klingen. Auch wenn es ihn zur Befreiung zieht, er kann es nicht lassen, in jeder Situation seinen Intellekt zu benutzen.

Was ist diese Jagd nach Geld? Es ist ein Füllen und Entleeren. Für jede Anhäufung ist der Abbau unvermeidlich. Das ist das Gesetz der Ansammlung. Die Leute tun sich nichts Gutes, wenn sie ständig ihrem Intellekt folgen. Diese Unglücklichen vergeuden ihre Energie im natürlichen Prozess des Füllens und Leerens. Dein Geld ist nur ein Kontostand, der dir bestimmt ist und dem Konto deines verdienstvollen Karmas entspricht. Und trotzdem nutzen die Leute ihren Intellekt, um immer mehr Geld zu verdienen, und ruinieren ihre geistige Ausrichtung. Anstatt einen wahrhaften Geist zu pflegen, hegen sie den gemeinen und sorghaften Geist und bestimmen damit ihr zukünftiges Leben. Und als ob das noch nicht genug wäre, die Leute sind auch noch zu Meistern in Betrug und List geworden. Das heißt, sie nutzen ihren größeren Intellekt, um andere mit weniger Intellekt auszunutzen, zu täuschen und ihren Reichtum zu rauben. Solche Betrüger sind sehr schlau und schwer zu erkennen, verhalten sich wie Diebe und gehen damit den sicheren Weg in die Hölle.

Wirtschaftlich denkende Menschen bauen sich mit ihrem Intellekt eine Festungsmauer um sich herum, um ihre persönlichen Interessen zu beschützen. Dabei nehmen sie wenig Rücksicht auf das Wohlergehen ihrer Nachbarn. Warum werden sie in der Gesellschaft dennoch so hoch geachtet? Das liegt gerade an dieser Mauer ihres Intellekts. Sie denken vor allem an sich selbst und verfolgen ihre weltlichen Ziele, aber versuchen stets, ihren Egoismus hinter ihrer Mauer zu verstecken. Wenn du so einen wirtschaftlichen Menschen um ein klares Urteil bittest, wird er vorsichtig sein und zuerst die Wirkung seines Urteils bedenken. Dann antwortet er zweckmäßig, um dir zu gefallen und dich nicht zu verärgern. Dafür würde er sogar lügen und ein falsches Urteil geben. Aber Gott im Inneren sieht, dass er sich selbst und die anderen betrügt. Oh Mensch, warum spricht du nicht aufrichtig und klar? Sprich die Wahrheit, die niemanden verletzt! Aber er verdeckt die Wahrheit mit falschem Urteil und sammelt schwere Schuld an. Es ist sehr verantwortungslos und sündhaft, so zu lügen. Niemals sollte man seine Ehrlichkeit verlieren.

Wie entstehen all diese Probleme? Es liegt daran, dass solche Leute andere Menschen irreführen, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Sie werden diese Verhüllung aufrechterhalten, solange es geht. Und bis diese Hülle zerbricht, schaffen sie sich viele Sorgen und Leiden, die sie auf dem Weg zur Befreiung ertragen müssen, so dass dieser Weg sehr schwer wird. Mag der Intellekt eines solchen Vaishyas auch vor dem Töten kleiner Insekten und dem Stehlen irgendwelcher Dinge zurückschrecken, doch diese Zurückhaltung ist nur äußerlich. Sie töten und stehlen weiter auf einer subtileren Ebene, und das in noch größerem Umfang. Wer äußerlich tötet oder stiehlt, wird seinen Fehler irgendwann erkennen und bereuen, aber das subtile Töten und Stehlen lässt sich kaum entdecken. Die Menschen, die andere täuschen, arbeiten so raffiniert und hinterlistig, dass sie zu Hause sitzen und hohe Gewinne ernten, während sich die Bauern auf den Feldern totarbeiten. Der Herr nannte dies ‚verdeckte Gewalt‘ und erklärte, dass es vielleicht Rettung für einen Krieger gibt, der mit der Waffe in der Hand kämpft, aber niemals für einen Betrüger, der mit unsichtbaren Waffen tötet. Der Krieger geht in die Hölle, kehrt zurück und begibt sich auf die Suche nach dem Weg zur Befreiung. Dagegen wird der Betrüger tiefer und immer tiefer im Sumpf der Welt versinken. Sie werden jede Menge Reichtum ansammeln, den sie für die Dinge der Welt spenden, und säen damit unzählige Samen für das Weiterwandern im Rad des Lebens. Das ist das polierte Wesen der Täuschung.

Im Erleuchtungsgeist gibt es keine Basis für Täuschung, während der wirtschaftliche Vaishya-Geist auf Täuschung basiert. Es wäre weitaus besser, die Kunst der Täuschung gar nicht erst zu kennen. Bevor ich die Erleuchtung erreicht hatte, zeigte ich den Leuten die Tricks der Täuschung, aber nur aus Mitgefühl für jene, die in solche Fallen geraten waren. Danach hörte ich damit auf. Keine Täuschung mehr im Leben! Alles ist so, wie es sein soll. Körper, Worte und Gedanken sollten eine Einheit sein, ohne jegliche Trennung.

Angenommen, du hast eine Armbanduhr für 90 Rupien gekauft und willst sie für 110 weiterverkaufen. Würdest du vielleicht den Käufer täuschen und behaupten, dass du sie bereits für 110 Rupien gekauft hast? Tue es nicht! Sage dem Käufer ehrlich, dass du sie für 90 gekauft hast und für 110 weiterverkaufen möchtest. Wenn er die Uhr wirklich haben möchte, dann wird er diesen Betrag zahlen. Es geschieht alles nach der natürlichen Ordnung, und du kannst das Geschäft mit deiner Lüge nicht erzwingen. Wenn alles nach dieser Ordnung geschieht, warum willst du unnötigerweise diese Sünde der Lüge ansammeln? Mit solchen Lügen schaffst du dir zukünftiges Leiden und sinkst in niedere Welten. Lügen sind der Grund, warum dir Lakshmi, die Göttin des Wohlstandes, künftig aus dem Weg gehen wird. Deshalb sollten Händler stets mit Ehrlichkeit handeln. Dann wird sie Lakshmi mit Wohlstand segnen, und sie müssen keine anderen Wege gehen.

77. Ehrlichkeit im Geschäft

Deswegen sagen wir für dein Wohlergehen: „Höre auf zu täuschen! Sei ehrlich im Geschäft!“ Sei ganz offen zu deinen Kunden und erkläre ihnen, dass deine Gewinnspanne 15% beträgt. Wenn sie bei dir kaufen wollen, dann werden sie es tun. Was sagt der Herr? „Wenn es deine Bestimmung ist, 300 Rupien zu bekommen, dann bekommst du sie auch und keinen Penny mehr, egal, ob du das Geschäft mit Täuschung oder Ehrlichkeit betreibst.“ Warum gehst du dann das Risiko des Betrugs ein? Versuche, dein Geschäft wenigstens für einige Zeit ehrlich zu betreiben und beobachte, was passiert. In den ersten 6-12 Monaten mag es dir vielleicht schwerfallen, aber dann wird das Geschäft langsam erblühen. Deine Kunden werden bald merken, dass dein Geschäft ehrlich ist, und kommen auch ohne zusätzliche Werbung zu dir. Wie viele Kunden in dein Geschäft kommen, das bestimmt die natürliche Ordnung und ist sinnvoll geplant. Aber die Unwissenden sitzen besorgt in ihren Läden, warten auf Kundschaft, verderben ihren Geist und richten ihn auf unheilsame Gedanken.

Wenn du dich wirklich entschlossen hast, deine Geschäfte ehrlich zu betreiben, dann kannst du es schaffen. Denn der Herr sprach: „Wer Lebensmittel oder Gold verfälschst, begeht damit eine schreckliche Sünde.“ Besonders in West-Gujarat leiden viele Leute an dieser gefährlichen Krankheit der Täuschung und sind in dieser Kunst noch schlimmer als unsere Vaishyas!

Unser Zeitalter ist nun einmal so, dass wir unter solchen unehrlichen Leuten leben müssen. Doch deine Wünsche und die ganze Aufmerksamkeit sollten stets darauf gerichtet sein, aller Täuschung zu entkommen. Mit diesem Vorsatz wirst du dich vor größerer Sünde beschützen können. Und je wahrhafter dieser Vorsatz ist, umso mehr wirst du auf Umstände treffen, wo deine Geschäfte auch ohne Täuschung gut laufen, und du den Leuten als gutes Vorbild dienst.

Wer den Weg zur Befreiung gehen möchte, der sollte in jeder Weise dem Erleuchtungsgeist folgen. Falls du diesen Weg noch nicht gehen willst, dann folge dem Wandel der Welt. Doch pflege in deinem Geist stets die Achtsamkeit, deine weltlichen Geschäfte ehrlich zu betreiben! Nur dann wird sich dein Geschäft zum Guten entwickeln. Dein Grundsatz sollte sein, dass sogar die Kinder dein Geschäft besuchen können, ohne dass ihre Eltern fürchten müssen, dass sie von dir betrogen werden.

78. Mangel an Wohlstand?

Warum gibt es Mangel an Wohlstand? Der Grund sind die Diebe! Wo es kein Täuschen und Stehlen in Taten, Worten und Gedanken gibt, dort wohnt voller Segen Lakshmi, die Göttin des Wohlstandes. Wo dagegen Diebe herrschen, wird die Göttin schnell verschwinden. Man sollte seine geistige Kraft nicht verwenden, um nur Geld anzusammeln, sondern für das Wohlergehen aller Wesen. Doch erst im Licht der Selbsterkenntnis kann man klar sehen, welche Taten Wohlergehen bringen, und welche Taten zum Leiden führen. Solange dein Intellekt zu den Mitteln der Täuschung greift, verdirbt er alles. Das Wort ‚Täuschung‘ sollte es in unserem Wortschatz gar nicht geben.

Warum hast du das Wissen über die natürliche Ordnung erhalten? Was auch immer unter dieser natürlichen Ordnung geschieht, lass es geschehen! Gewinnst du tausend Rupien, dann soll es so sein. Verlierst du tausend, dann soll es auch so sein. Akzeptiere beides, Gewinn und Verlust, mit einem ausgeglichenen Geist. Es geschieht alles unter der Herrschaft der natürlichen Ordnung von Ursache und Wirkung. Stände es in deiner Macht, dann würdest du es sicherlich nicht zulassen, alt zu werden und graue Haare zu bekommen. Trotz aller Tricks der Täuschung, die wahre Herrschaft hast du nicht darüber.

Ein wahrhafter Mensch erscheint einfach und aufrecht. Man fühlt sich bereits wohl, wenn man nur in sein Gesicht schaut. Dagegen wirkt das Gesicht eines Hinterlistigen gespannt, als hätte er Rizinusöl getrunken. Wenn du zum reinen Selbst wirst, musst du nicht all deinen persönlichen Ballast bereinigen? Musst du nicht jede Schuld zurückzahlen? Wahrlich, jede Sünde, die du durch Betrug und Täuschung angesammelt hast, musst du mit Leiden begleichen. Deswegen sagen wir: „Ehrlichkeit ist die größte Politik, und Unehrlichkeit ist die größte Dummheit!“

79. Intellekt und wahre Erkenntnis

Das Unterscheiden von gut und schlecht sowie das Sehen von Unreinem sind Funktionen des Intellekts und nicht der wahren Erkenntnis. Wahre Erkenntnis sieht und kennt nur Reines. Der Intellekt lässt dich irrtümlicherweise glauben, dass die erkennbaren Objekte der Erkennende ist. „Ich bin Max“ ist ein erkennbares Objekt. Und der Intellekt gibt dir die Illusion, dass es der Erkennende selbst ist. So funktioniert der Intellekt, und immer ist auch das Ego damit verbunden, das sich über das erkennbare Objekt als der Erkennende identifiziert. Wie könntest du Befreiung erreichen, solange du diese Funktion des Intellekts für wahre Erkenntnis hältst?

Der Intellekt mag die körperlichen Dinge als Objekte erkennen und unterscheiden, aber es liegt jenseits seiner Reichweite, auch das Wesen des Erkennbaren und des Erkennenden wahrhaft zu erkennen, denn der Intellekt selbst ist ein erkennbares Objekt (und nicht der Erkennende). Deshalb kannst du mit dem Intellekt niemals die reine Wahrheit (das Selbst) erkennen.

Denken wir zum Beispiel an die Frage, ob die Welt endlos ist. Die Leute suchen eine Antwort mit ihrem Intellekt und erzeugen große Verwirrung. Was hilft dir dieses intellektuelle Wissen? Die Welt dreht sich endlos im Kreis. Wie könnte ein Kreis einen Anfang und ein Ende haben? Nur wenn du den Intellekt übersteigst und die wahre Erkenntnis erreichst, wirst du von selbst erkennen, wie diese Welt ohne Anfang und Ende ist.

Die größte Täuschung des Intellekts ist die persönliche Anhaftung. Die Leute schaden sich damit sehr. Persönliche Anhaftung bedeutet das Handeln nach eigensinnigem Verständnis, egal, ob es eine heilsame oder unheilsame Tat ist oder sogar das Lesen heiliger Texte. Ein eigensinniges Verständnis der Schriften wird dazu führen, dass man endlos im Rad der Geburten wandern muss. Deshalb sei vorsichtig mit deinem Eigensinn! Sobald dein eigensinniger Intellekt zu arbeiten beginnt, bist du in jeder Weise dafür verantwortlich (und musst persönlich die Konsequenzen ertragen). Nicht einmal Gott kann dir in dieser Situation helfen. Eigensinniger Intellekt bringt beiden Seiten Leiden, dem Wesen selbst und seiner Umgebung.

Bezüglich des Intellekts kann man zwei Arten unterscheiden, nämlich mit innerer oder äußerer Ausrichtung. Der Intellekt der Inder ist mehr innerlich und der Intellekt der Westler mehr äußerlich. Dabei ist der innerlich gerichtete Intellekt wesentlich leidvoller, und je größer dieser Intellekt, je größer ist das innere Leiden. Die Westler sind entsprechend mehr spontan und naturwissenschaftlich, während die Inder in vielen Dingen intuitiv und unentschlossen sind. Auf dem Weg der Spiritualität ist jedoch der innerliche Intellekt am wichtigsten. Denn der äußerliche Intellekt erforscht vor allem die Außenwelt, wo es endlose Dinge und Probleme zu bedenken gibt. Der wahre Nutzen liegt aber in der Erforschung des Inneren. Wenn der gewöhnliche Intellekt ständig nach außen wandert, wird er schnell müde und erschöpft. Deswegen geben wir dir den Intellekt, der sich nach innen richtet, um den Weg der Befreiung zu gehen.

Dein gewöhnlicher Intellekt ist kontraproduktiv. Er vertreibt das Glück und zieht das Leiden an, weil du nicht fähig bist, das wahre Wesen von Glück und Leid zu erkennen. Dieser Intellekt zeigt dir nur Gegensätze und leitet vergängliches Glück aus den weltlichen Dingen ab. Dort ist kein wahres Glück zu finden. Was geschieht, wenn jemand einen Kratzer oder eine Beule an dein neues Auto macht? Was auch immer du an Glück mit dem Intellekt ableitest, muss notwendigerweise im Leiden enden. Der Intellekt wird von der Schönheit der weltlichen Dinge angezogen und erhofft sich von ihnen Glück. Doch in den Dingen der Welt erreicht man nie ein Ende. So hat sich die individuelle Seele auf die Suche begeben, um die Glückseligkeit ihres eigenen Selbst wiederzufinden. Sie untersucht ein Ding nach dem anderen, ob vielleicht irgendwo ihr Glück darin zu finden ist. So ist der Mensch ausgegangen, um sich selbst zu finden. Zuerst glaubt er, dass sein Glück im Reichtum liegt, wird geldgierig und leidet darunter. Dann glaubt er, sein Glück im Ehepartner zu finden, und sucht neben dem Geld auch die sexuelle Befriedigung. Er ist völlig überzeugt, in diesen beiden sein Glück zu finden. Doch wenn es Ehestreit gibt, entzündet sich ein Feuer in ihm. Und was passiert, wenn sich sein Geld gegen ihn wendet? Wenn zum Beispiel die Steuerprüfung plötzlich vor der Tür steht, kann dieses Geld schnell zu einer Quelle des Leidens werden.

80. Das Wesen des Intellekts

In unserer heutigen Welt müssen nur drei Leute in einem Haus zusammenkommen, und am Ende des Tages wird es dreiunddreißig unterschiedliche Meinungen geben. Wer hätte dafür eine Lösung? Ach, selbst Guru und Schüler werden am Ende des Tages getrennte Meinungen haben. Wie kann das sein? Wo auch immer der unterscheidende Intellekt arbeitet, gibt es unterschiedliche Meinungen und Ansichten. Würde der Intellekt alle Unterschiede durchschauen können, wären alle Probleme gelöst. Nur wer unparteiisch wird, kann in der Mitte (vom Umkreis der Ansichten) sitzen und jeden als unschuldig betrachten. Wann immer der gewöhnliche Intellekt dir etwas Verkehrtes zeigt, dann solltest du sogleich den wahrhaften Intellekt nach einer Lösung fragen, und das Problem wird verschwinden.

Wenn das Selbst illusorisch wird, entsteht das ganze weltliche Leben. Wenn der Intellekt illusorisch wird, entsteht die Selbsterkenntnis. Wir schauen nie auf irgendeinen Intellekt, sondern auf die Weisheit. Der Intellekt kann an hunderten Stellen verworren sein, solange es Weisheit gibt, gibt es kein Problem. Eine Person kann sich mit ihrem Intellekt hoch erheben und entsprechend auch tief fallen, während sich die Weisheit höher und höher bis zum Gipfel erhebt, ohne zu fallen. Der Intellekt ist eine Qualität der Natur und nicht des wahren Selbst. Die innere Qualität des Selbst ist reine Erkenntnis und Sicht.

Personen mit viel Pitta (Feuer und Leidenschaft) haben einen schärferen Intellekt, während jene mit viel Vata (Wind und Gefühl) eine tiefere Weisheit haben. Alles Weltliche entsteht aus den Vorstellungen des Intellekts. In jeder Religion und Weltanschauung wurden die Eingebungen und Vorstellungen in den Schriften festgehalten. Jede Schrift ist Wissen, das aus dem Intellekt geboren wurde. Darin ist kein erwachtes Bewusstsein. Die Selbsterkenntnis ist selbstleuchtend und strahlt nur im Herz des Erleuchteten. Dagegen sind die Wege des Intellekts voller Täuschung, und stets versucht er dich zu überzeugen, dass er reine Erkenntnis sei. Deswegen warnen wir vor dem Intellekt. Wenn der Intellekt dich lockt, dann erinnere dich an Dada Bhagwan, den göttlichen Vater, und sage: „Ich bin frei von Anhaftung!“ Dann wird der Intellekt nachlassen.

Die reine Erkenntnis findet nirgends Fehler, während der Intellekt überall welche findet. Er wird sogar in deinem Bruder Fehler entdecken, während die reine Erkenntnis sogar eine Stiefmutter als vollkommen ansieht. Wenn zum Beispiel die Stiefmutter ihrem Stiefsohn den angebrannten Reis vom Boden des Topfes serviert, meldet sich sogleich sein Intellekt und verurteilt sie als eine unfaire Person. Das wird dem Sohn natürlich viel Leiden bringen. Hätte der Sohn Selbsterkenntnis, wäre ihm sogleich bewusst: „Sie ist das reine Selbst, wie auch ich das reine Selbst bin. Diese Ereignisse sind das Spiel der Natur, und die Wirkungen entstehen aus den Ursachen. Hier gibt es keine persönliche Schuld.“

Wie der Körper aus dem Erdelement gemacht wurde, so entsteht der Intellekt aus dem Licht des Feuerelements. So kann er dir Licht geben, aber dich auch verbrennen. Deswegen nennen wir den Intellekt hinterhältig und täuschend, und sagen, dass man den Intellekt überwinden sollte. Denn der Intellekt macht eine Person übernormal oder auch unternormal. Solang man von diesem Intellekt anhängig ist, kann man die vollkommene Normalität, nach der alles in dieser Welt strebt, niemals erreichen.

Wir selbst sind frei vom Intellekt, frei von Sturheit und in vollkommener Normalität. Das Wissen der ganzen Welt ist für uns nicht mehr als ein Haar am Körper.

Eine Person mit weniger Intellekt hat ein offeneres Herz. Wenn sie sich entschließt, das Rätsel des Lebens zu lösen, wird sie den rechten Weg gehen, auch wenn sie zuvor auf Abwegen unterwegs war. Wenn du nur einen Tag in der Woche den Intellekt nicht nutzen würdest, könntest du das große Werk vollbringen. Wenn du nicht immer neue Samen für künftige Leben säen willst, dann verringere deinen Intellekt. Es liegt nicht in deiner Hand, das Licht des Intellekts zu erhöhen, aber du kannst es verringern. Halte das Licht des Intellekts klein! Denn wahrlich, der Intellekt wirkt nicht zum gemeinschaftlichen Wohlergehen, denn diese Kraft zum Wohl aller Wesen hat nur die reine Erkenntnis.

81. Die Kraft des Intellekts

Personen mit weniger Intellekt neigen mehr zu Abneigung und Wut als Personen mit weiterentwickeltem Intellekt. Wenn du ein Museum besuchst, hegst du dann irgendwelche Abneigung gegen die Exponate? Deine Verbindung mit den äußeren Dingen reizt den Intellekt zum Urteilen in diese oder jene Richtung.

Die Kraft dieser weltlichen Konzentration ist begrenzt und hängt von der Kraft des entwickelten Intellekts ab. Was auch immer eine Person mit ihrem Intellekt einst angesammelt hat, kann in diesem Leben zur Wirkung kommen, und nichts anderes. So sind Diebe in Indien fähig, sich beim Stehlen auf bis zu sechzehn unterschiedliche Dinge gleichzeitig zu konzentrieren. Sie gehen sogar mit leerem Magen auf Beutegang, denn das erhöht noch ihre weltliche Konzentrationsfähigkeit. „Wo soll ich stehlen? Was soll ich stehlen? Welche Zeit ist günstig? Wo steht die Polizei? Wo ist die Geldbörse, und in welcher Tasche? Wie kann ich sie ergreifen? Wie kann ich entkommen, und durch welches Tor?“ Wahrlich, indische Diebe können sich auf sechzehn solche Dinge gleichzeitig konzentrieren. Diese Kraft der weltlichen Konzentration kommt allein aus dem Intellekt und nicht aus der reinen Erkenntnis. Sie wächst mit der Übung und verringert sich, wenn der Körper träge und zufrieden wird, zum Beispiel durch eine kräftige Mahlzeit. So unzuverlässig ist das alles! Wenn diese Konzentration aus der reinen Erkenntnis käme, dann wäre sie verlässlich und würde nicht zu- oder abnehmen.

Fragender: Ist dann der Intellekt nur Illusion?

Dadaji: Nein, Illusion ist Unwissenheit (über das reine Selbst). Diese Unwissenheit verschwindet mit der reinen Erkenntnis, aber der geistige Organismus bleibt noch. Damit bleibt auch der Intellekt, der gewöhnlich die Person nach den weltlichen Dingen greifen und durch die Welt wandern lässt. Was ist dieser Intellekt? Wenn jemand deinen Sohn betrügt, dann verlangt dein Intellekt, sich einzumischen. In Wirklichkeit ist es nur die natürliche Ordnung, die alles bewirkt. Trotzdem will sich der Intellekt einmischen. Wenn das Denken den Intellekt ruft, dann will er sich einmischen und fragt: „Was hast du gesagt? Was bedeutet das?“ Nur im Tiefschlaf schweigt er, und alles läuft ungehindert. Ach Mensch, so ist der Intellekt wie ein Traum, auch wenn du glaubst, wach zu sein.

Was würde passieren, wenn der Mitfahrer dem Autofahrer die Hände festhält, wenn gerade ein Bus auf ihn zukommt? Dann könnte es einen schrecklichen Unfall geben. Aber die Leute sind klug genug und vermeiden solche Dinge, weil sie wissen, dass es der Job des Autofahrers ist, das Steuer zu führen. Jeder kümmert sich um seine Aufgabe. Das verstehen die Leute in äußeren Dingen wie bei einem Auto, aber nicht für ihr Inneres. Hier will sich der Intellekt nicht zurückhalten, sich einzumischen, und entsprechend gibt es schreckliche Unfälle. Das könnte vermieden werden, wenn man das Steuer dem eigentlichen Fahrer auch in inneren Dingen überlassen würde.

Das wahre Wesen des Intellekts ist die Erkenntnis „Ich bin das reine Selbst.“. Mit dieser Erkenntnis verschwindet der Intellekt, der auf das Körperliche gerichtet ist. Damit wandelt sich der gewöhnliche Intellekt in den wahrhaften Intellekt, sozusagen den erleuchteten Intellekt. So entsteht mit der Erkenntnis des reinen Selbst der wahrhaft erleuchtete Intellekt, und alles andere ist gewöhnlicher Intellekt.

82. Das Sinnesbewusstsein

Das Sinnesbewusstsein ist der dritte Teil des inneren geistigen Organismus. Seine Funktion ist das Wandern und Fotografieren der Dinge, wie sie erscheinen. Es kann dir realistische Bilder von Amerika zeigen, während du hier in Indien sitzt. Dein Denken verlässt niemals den Körper. Es ist das Sinnesbewusstsein, das (durch die Sinnesorgane) nach außen geht und durch die Welt wandert. Reines Sinnesbewusstsein wäre mit dem reinen Selbst identisch, denn es ist Sehen und Erkennen. Unreines Sinnesbewusstsein ist entsprechend unreines Sehen und Erkennen, während reines Sinnesbewusstsein das reine Sehen und Erkennen ist.

Wie das Denken Ideen zeigt, so zeigt das Sinnesbewusstsein Bilder. Diese beiden machen die Arbeit, der Intellekt bringt die Entscheidung, das Ego unterzeichnet persönlich, und am Ende erfolgt die entsprechende Handlung. Das Sinnesbewusstsein ist eine Ansammlung, und das unreine Sinnesbewusstsein sammelt entsprechend unreines Erkennen und Sehen an. Bevor der Intellekt eine Entscheidung trifft, drehen sich Denken und Sinnesbewusstsein im Kreis. Doch sobald die Entscheidung gefallen ist, werden alle ruhig. Würde der Intellekt nicht eingreifen, würden sich Denken und Sinnesbewusstsein ungestört weiterdrehen.

Seit undenkbaren Zeiten ist das Sinnesbewusstsein auf der Suche nach seiner wahren Heimat. Es wandert unablässig und betrachtet die Dinge der Welt, so dass sich die unterschiedlichen Erkenntnisse und Ansichten gemeinsam ansammeln. Denn das ist die Neigung des Sinnesbewusstseins, dass es alles Gesehene ansammelt und aufbewahrt. Und wenn die Zeit reif ist, dann zeigt es die entsprechenden Bilder. Wenn das Sinnesbewusstsein am Gesehenen anhaftet, sammelt es all diese kleinen Teilchen an und formt die geistigen Knoten. Zur rechten Zeit sprießen daraus wieder die Gedanken, Ideen werden aufgezeigt, das Sinnesbewusstsein liefert die Bilder, und der Intellekt trifft die Entscheidungen.

Diese Neigung deines Sinnesbewusstseins zum Wandern durch die äußere Welt schwindet, sobald wir es nach innen ziehen (zum Selbst). Das Wandern lässt nach, und wenn diese Neigung des Sinnesbewusstseins vollkommen verschwunden ist, dann ist die Befreiung erreicht.

Diese unreinen Neigungen des Sinnesbewusstseins wandern bereits seit endlosen Zeiten. Auch wenn du versuchst, sie von den äußeren Dingen zurückzuholen, sie werden sich weigern und immer wieder die alten Wege gehen. Nur durch Selbsterkenntnis kehren diese Neigungen wie durch ein Wunder in ihre wahre Heimat zurück. Wohin das Sinnesbewusstsein auch wandert, der Körper wird ihm folgen müssen. Auf dem natürlichen Pfad zur Befreiung muss man zuerst die endlosen Hürden der vielfältigen Ansammlungen des Denkens und des Sinnesbewusstseins überwinden, bevor man das Ego erreichen und überwinden kann. Wir lassen dich all diese Hürden überspringen und tragen dich zu deiner wahren Heimat, dem reinen Selbst.

Denn das Sinnesbewusstsein wandert solange umher, bis es seine Heimat, das reine Selbst, gefunden hat. Es sucht in allem, was es betrachtet, das große Glück. Wenn das Sinnesbewusstsein glücklich ruht, ruhen auch die anderen Teile des geistigen Organismus. Doch wie lange dauert dieses Glück? Schon bald geht es wieder wandern, fühlt woanders größeres Glück, und das frühere Glück wandelt sich in Leid. Das liegt daran, dass alle Formen des äußeren Glücks vergänglich sind und im Leiden enden. Solange der Intellekt die Entscheidung verweigert, dass es in dieser Weise kein wahres Glück gibt, wird das Sinnesbewusstsein weiter durch die Welt wandern. Wahrlich, bis das Sinnesbewusstsein nicht seine wahre Heimat erreicht hat, wird es endlos weitersuchen. Erst wenn man die wahre Glückseligkeit erfährt, verlieren alle anderen illusorischen Glücksgefühle automatisch ihren Geschmack. Was danach nach außen wandert, ist unreines Sinnesbewusstsein, und das, was diese Unreinheit sieht und erkennt, ist das reine Sinnesbewusstsein. Damit werden sich die Ansammlungen des unreinen Sinnesbewusstseins langsam auflösen, bis es vollkommen verschwindet. Schließlich gibt es nur noch reines Bewusstsein, und das ist die reine Erkenntnis des Selbst.

Der Erleuchtungsgeist berührt das unreine Sinnesbewusstsein nicht, aber hilft dir, einen Geschmack wahrer Glückseligkeit zu erfahren, der zur Wurzel ewiger Glückseligkeit wird. So kehrt das Sinnesbewusstsein in seine wahre Heimat zurück und erreicht das Selbst, das nichts anderes als reines Bewusstsein ist. Wahrlich, das reine Sinnesbewusstsein ist das reine Selbst. Je mehr das reine Sinnesbewusstsein die Reinheit in allem sieht, je schwächer wird das unreine, bis diese Ansammlung schließlich ganz verschwindet. Dann gibt es nur noch reines Bewusstsein, und das ist die reine Erkenntnis des Selbst.

83. Die Reinigung des Sinnesbewusstseins

Alle weltlichen Religionen (und Wissenschaften) kämpfen darum, das unreine Sinnesbewusstsein zu reinigen, wie schmutzige Wäsche mit Seife. Es ist wahr, dass die Seife den Schmutz aus der Wäsche entfernt, aber sauber bleibt die Wäsche trotzdem nicht. Immer wieder zieht sie den Schmutz an, und jedes Reinigungsmittel hinterlässt seine Rückstände. Das ist das Problem aller weltlichen Dharmas, kein Reinigungsmittel kann die unreine Neigung des Sinnesbewusstseins reinigen und ist frei von Rückständen. Nur die vollkommene Reinheit selbst kann das Sinnesbewusstsein auch vollkommen reinigen. Aus diesem Grund kann nur der erleuchtete Geist dieses große Werk vollbringen, und alle heiligen Schriften sagen: „Wenn du das reine Selbst erreichen willst, dann finde den Erleuchtungsgeist!“ Nur er kann das wahre Selbst entdecken. Bis dahin leben wir mit verwirrter Sicht und unreinem Geist, der keinen wahren Wert hat.

Auf dem Pfad zur Befreiung muss man nichts mit dem Denken tun. Es geht darum, das Bewusstsein zu reinigen. Nur dann lässt sich das Rätsel des Lebens lösen und die Befreiung erreichen. Viele Leute verstehen das nicht und versuchen, das Denken zu beherrschen. Von ihrem Standpunkt mag das richtig sein, aber auf dem Pfad zur Befreiung sollte man die Wahrheit erkennen, dass es unmöglich ist, das Denken wahrhaft zu beherrschen. Es reicht, das Sinnesbewusstsein zu reinigen, dann muss man sich nicht mehr um das Denken sorgen. Wenn das Sinnesbewusstsein gereinigt ist, betrachtet man ohne Anhaftung den Film der Gedanken.

Es mag in der Welt Orte geben, wo die Gedanken zur Ruhe kommen, aber nicht das Sinnesbewusstsein. Hast du jemals Kartenspieler beobachtet? Was für ein Glück gibt dieses Spiel? Es ist nur ein Mittel, um das Sinnesbewusstsein zu fesseln. Doch das Sinnesbewusstsein im Spiel zu fesseln, ist ein sehr schlüpfriger Weg, auf dem man leicht abrutschen kann. Und wie lange lässt es sich fesseln? Und führt es schließlich nicht zum Leiden?

Das Sinnesbewusstsein wandert immer wieder zu den Orten, die es liebt oder fürchtet. Wenn du tagsüber eine Schlange in deinem Schlafzimmer gesehen hast, wirst du dich abends beim Schlafengehen erinnern, und das Sinnesbewusstsein wird immer wieder zu diesem Bild zurückkehren. Dieses unreine Sinnesbewusstsein ist weder traumhaft noch erwacht und wandert, wo es will. Es reist überall durch die Welt, weil es keine ‚Fahrkarte‘ braucht. Es wäre wohl besser, wenn es eine Fahrkarte bräuchte, dann würde es weniger reisen.

Das Wort Chetan (waches Bewusstsein) wird von Chit (Sinnesbewusstsein) abgeleitet, und das vollkommen erwachte Bewusstsein ist nichts anderes als reine Erkenntnis und reine Sicht.

Was das Sinnesbewusstsein in früheren Leben intensiv angesammelt hat, wird sich entsprechend intensiv auch in diesem Leben zeigen. Das Sinnesbewusstsein wird sich über Stunden darin vertiefen, und damit werden wieder neue karmische Samen für die Zukunft gesät. Erst wenn diese Phasen schwächer werden, schwindet auch die Intensität der Bindung des Sinnesbewusstseins. Es wird noch eine Weile daran haften und dann weiterwandern.

Wenn man über Sicht und Erkenntnis gemeinsam sprechen möchte, dann spricht man von Sinnesbewusstsein. Doch dieses Bewusstsein zeigt dir nur vergängliche Dinge und wandert stets nach deinen karmischen Neigungen. Dabei zeigt dir das Sinnesbewusstsein immer zweierlei, nämlich die allgemeine Sicht und die spezielle Erkenntnis. Wenn du hierher in den Tempel kommst, um dein Idol zu sehen, hängt deine Sicht als Verehrer vom Zustand deines Denkens und der Neigung deines Sinnesbewusstseins ab. So kann deine Sicht in der ersten Stunde anders sein als in der zweiten. Sie ist abhängig von den inneren Umständen und wie diese mit den äußeren Umständen zusammentreffen. Wenn zum Beispiel das Sonnenlicht von vorn auf dein Idol fällt, dann ist deine Sicht anders, als wenn es von der Seite kommt. Das Gesicht des erleuchteten Geistes bleibt stets das gleiche, aber deine Sicht ändert sich entsprechend deiner Gedanken und dem unbeständigen Wandern deines Sinnesbewusstseins. Der einzige Weg, um den erleuchteten Geist wahrhaft zu sehen, ist die Selbsterkenntnis.

84. Die Seligkeit des Sinnesbewusstseins

Was sprach der Poet Anandghan? „Ich sehe das Idol von Lord Rishabhdeva, der frei von Anhaftung und Abneigung ist, wie es lebendig lächelt.“ Doch die Augen dieser Skulptur sind aus Glas. Wie könnten sie lebendig sein und lächeln? Das kann nur geschehen, weil der Verehrer die Neigung seines Sinnesbewusstseins darauf richtet und das Idol mit seinem Bewusstsein belebt. So scheint das Idol zu lächeln. Das nennt man die Seligkeit des Sinnesbewusstseins. Diese Seligkeit erscheint, wenn alle Arten der Täuschung verschwunden sind. Denn die Seligkeit des Sinnesbewusstseins kann zusammen mit der Täuschung nicht existieren. Was sagt der Heilige Kabir?

„Ich dachte Gott ist weit weg, aber Er ist direkt in meinem Herzen,
nur die Schleier der Täuschung verhüllen Ihn, dass ich Ihn nicht sehen kann.“

Du kannst Gott nicht sehen, solange ihn die Schleier der Täuschung verhüllen. Wird das Sinnesbewusstsein von jeder Anhaftung frei, verschwindet jede Täuschung. Dann ist es rein, und sogleich erscheint die göttliche Seligkeit in den großen Seelen (den Mahatmas), die nun zu wahrer Verehrung und Hingabe fähig sind. Dagegen können Menschen, die an ihren Bedingungen anhaften und gebunden sind, nicht einmal die weltlichen Freuden richtig genießen.

Wenn sich das Sinnesbewusstsein längere Zeit auf eine bestimmte Situation richtet, bleibt es dort kleben und trägt diese Last in die nächste, ähnliche Situation. Wenn zum Beispiel dein Sinnesbewusstsein entsprechend belastet ist, kann sogar das Teetrinken zum Stress werden. In allen weltlichen Angelegenheiten ist das Sinnesbewusstsein das wache Bewusstsein, und alles, was du tust, ist nur wertvoll oder sinnvoll, wenn dein Sinnesbewusstsein anwesend ist. Wie kann dir zum Beispiel die Nahrung gut bekommen, wenn du nicht entsprechend bewusst beim Essen bist? Deshalb ist die Reinigung des Sinnesbewusstseins die Quintessenz aller Religionen. Nur wenn dieses Ziel erreicht wird, findet der Zyklus der Wiedergeburten ein Ende.

Fragender: Oh Dadaji, ich sah letzte Nacht im Schlaf mehrfach ein starkes Licht, wie eine Sonne. Was könnte das gewesen sein?

Dadaji: Das war eine zauberhafte Schöpfung des Sinnesbewusstseins. Das Sinnesbewusstsein hat die Kraft, auch solche Wunder hervorzubringen.

Fragender: Warum gibt es im Tempel Glocken?

Dadaji: Um das Sinnesbewusstsein aufzuwecken. Wenn die Trommeln ertönen und die Glocken läuten, wird das Sinnesbewusstsein für eine Weile in die Gegenwärtigkeit gerufen. Doch die vollkommene Gegenwärtigkeit kann man nur durch Selbsterkenntnis erreichen. Gewöhnlich wird das Sinnesbewusstsein von allen möglichen Objekten abgelenkt. Alles, was außerhalb erscheint, kann zu einem Objekt der Anhaftung werden. Und das, wohin das Sinnesbewusstsein wandert, wird zum Objekt, an dem es anhaftet. Schmackhaftes Essen und die Freude an Kuchen oder Eiscreme sind nicht das Problem, aber wenn das Sinnesbewusstsein dort kleben bleibt und dich immer wieder daran erinnert, dann wird es zum Objekt der Anhaftung. So kann alles außerhalb der Selbsterkenntnis zu einem solchen Objekt werden. Sobald sich das Sinnesbewusstsein in etwas anderem als dem Selbst verliert, sät es die Samen für das nächste Leben.

Das Sinnesbewusstsein sammelt Bilder, manche scharf und manche verschwommen. Die Qualität dieser Bilder bestimmt die Qualität des Films, den du damit erzeugst und entsprechend mit Freude oder Leiden anschauen musst. Deshalb nimm gute Bilder und vergeude das Filmmaterial nicht!

85. Das Ego

Der vierte und letzte Teil des inneren geistigen Organismus ist das Ego (oder Ichbewusstsein). Es ist dieses Ego, das schließlich die Entscheidung des Intellekts in Absprache mit dem Denken oder Sinnesbewusstsein bestätigt. Solange das Ego die Entscheidung des Intellekts nicht persönlich unterschrieben hat, wird keine Handlung geschehen. Aber der Intellekt ist nichts anderes als das reflektierte Licht des Selbst in der Höhle des Egos. Wenn also der Intellekt auf diese Weise entscheidet, identifiziert sich das Ego automatisch damit, und die Handlung geschieht.

Der erleuchtete Geist erkennt das größte und grundlegendste Wesen des Egos in der Überzeugung: „Ich bin Max!“ Das ist die Basis der weltlichen Existenz. Nur wenn dieses Ego verschwindet, kann es wahre Befreiung geben. Auf welchem Fundament steht das Leben? Auf irgendwelchen Füßen oder dem Körper? Nein, allein auf: „Ich bin!“ - Und die Erkenntnis „Ich bin das reine Selbst!“ wäre die Reinheit des Egos und der einzige Weg zur Befreiung. Alle anderen Formen des Egos dienen als Mittel für zukünftige Geburten in der Welt.

Das Ego ist die Überzeugung von „Ich bin!“ in Form einer Person, während das „Ich bin“ als erwachtes Bewusstsein nicht als Ego betrachtet wird. „Ich bin“ bedeutet Dasein. Diesbezüglich hast du ein Recht zu sagen: „Ich bin.“ Aber wer bist du in Wahrheit? Du weißt es nicht, und diesbezüglich hast du wiederum kein Recht zu sagen: „Ich bin.“ Du bist dir nicht bewusst, wer du wirklich bist. Erst wenn diese Gegenwärtigkeit des Selbst erreicht wird, ist das Werk vollbracht. Oder nicht?

Niemand kann in dieser Welt irgendetwas persönlich bewegen, denn die ganze Welt bewegt sich von selbst. Nur das Ego macht dich scheinbar zum persönlich Handelnden. Solange du die Gegenwärtigkeit des reinen Selbst als dein wahres Wesen nicht erreicht hast, lebst du wie ein in Schwung gebrachter Kreisel oder ein aufgezogenes Spielzeugauto.

86. Der wahre Verzicht und die Ego-Kraft

Gott sagt, dass du auf nichts verzichten musst, um die Befreiung zu erreichen. Nur das Ego und die Anhaftung musst du aufgeben, dann ist alles getan. Das Ego ist das ‚Ich‘ und die Anhaftung ist das ‚Mein‘. Dieses ‚Ich‘ und ‚Mein‘ sind die beiden Dinge des Verzichts. Wenn wir die Selbsterkenntnis geben, lassen wir dich auf dieses ‚Ich‘ und ‚Mein‘ verzichten. Und wenn du einerseits auf diese beiden verzichtest, weißt du, was du auf der anderen Seite erreichst? Wir lassen dich dein wahres Selbst erkennen. Und danach erübrigt sich jede weitere Frage nach Verzicht und Erwerb. Jeder Verzicht geschieht für die Auflösung des Egos. Wenn wir dir dein ganzes Ego wegnehmen, wohin geht es? Wir sagen, es geht zu seinem Ursprung, wo es hingehört. Es existiert in Wahrheit nur an einem Ort, und dort bringen wir es hin (zum reinen Selbst).

Wenn du einen festen Willen hast, morgens um fünf Uhr aufzustehen, dann kannst du das sicherlich. Denn der Wille ist die Kraft des Egos. Was könnte das Ego damit nicht erlangen? Eines Tages traf der Heilige Swami Sahajanand in Südgujarat einen König. Und der König erzählte dem Swami, dass ein höchst beeindruckender Asket in die Stadt gekommen ist, denn er ruhte fünfzehn Tage lang unter der Erde begraben. Der Swami bat den König, ihm diese Fähigkeit noch einmal vorzuführen, und der Asket blieb wiederum fünfzehn Tage lang unter der Erde begraben. Doch am Ende dieser Zeit bat der Swami den König: „Sende diesmal nur zwei Wächter hin, anstatt die übliche feierliche Prozession, um ihn zu begrüßen.“ So wurde es getan, und als der Asket aus der Erde kam und keine Menschenmenge sah, um ihn zu bewundern, wurde er zornig und rief: „Wo ist der König? Wo ist der Triumphwagen? Wo ist die Musik?“ Und dabei regte er sich so sehr auf, dass sein Herz versagte, und er tot zu Boden fiel. - Er lebte durch sein Ego, und als es nicht die erwartete Nahrung bekam, starb er. Etwas sein zu wollen, was du nicht bist, das ist Egoismus.

In Wirklichkeit stirbst du nicht. Nur das Ego stirbt und wird geboren. Den Tod kann es nicht geben, solange er vom Ego nicht unterzeichnet wird. Aber eine unwissende Person, kann sich vor dieser Bestätigung nicht zurückhalten. Wenn sie krank danieder liegt und unter Schmerzen leidet, dann bestätigt sie den Tod, indem sie sich immer wieder sagt: „Ach, es wäre besser zu sterben, als so zu leiden!“ So macht der persönliche Wille den Tod zur Wirklichkeit.

87. Wer bist du?

Das reine Selbst genießt überhaupt nichts, denn das Selbst kann keinerlei Objekte genießen. Wenn der Genuss eine wesenhafte Eigenschaft vom Selbst wäre, dann wäre diese Neigung ewig, und es könnte niemals eine Befreiung davon geben. Der Genuss ist nur ein Ausdruck des Egos, wenn es glaubt: „Ich persönlich genieße etwas! Dieser Genuss ist mein...“ Die fünf Sinne werden zur Wirklichkeit aufgrund der Ursachen vergangener Leben. Und aufgrund der Unwissenheit ergreift das Ego diese Wirkungen und glaubt: „Ich handle! Ich genieße!“ Erst wenn diese Illusion des persönlich Handelnden verschwindet und du den wahren Handelnden erkennst, ist die Befreiung nah und kann sogar noch in diesem Körper erfahren werden.

Das Problem der heutigen Überbevölkerung liegt nicht in den vielen Menschen, sondern in ihren großen Egos. Doch mit Selbsterkenntnis kann man auch inmitten dieser vielen Egos zufrieden leben. Die Natur folgt ihren Gesetzen und auch das Selbst. Es ist allein das Ego zwischen ihnen, das zur Ursache aller Leiden wird, weil es eigenwillig dagegen handelt. So lässt das Ego dieses weltliche Leben entstehen und dich durch die vier Lebensformen wandern (durch Hölle, Tiere, Menschen und Himmel). Wahrlich, nur dieses Ego trennt dich von der Gottheit (dem reinen Selbst).

Auch der wohlgeformteste Mensch kann durch das Ego hässlich aussehen. Und wann sieht er schön aus? Man sagt, wenn sich die wahre Liebe zu allen Wesen verkörpert. Dagegen erscheint jede egoistische Person hässlich, weil das Ego so hässlich ist.

Fragender: Gibt es unterschiedliche Arten des Egos?

Dadaji: Das Ego ist die persönliche Überzeugung von „Ich existiere!“. Stolz, Arroganz, Neid, Lob und Tadel sind alles Begriffe, die man zu unterschiedlichen Gelegenheiten für das Ego verwendet. Und weil die Leute nur diese groben Begriffe des Egos verstehen, werden sie auch entsprechend von den Erleuchteten verwendet.

Viele Leute betrachten sich als uneigennützige Wohltäter. Aber der Rausch, sich so zu nennen, ist oft eine noch größere Täuschung als offensichtlicher Stolz und Arroganz. Deshalb ist für Menschen, die sich persönlich als uneigennützige Wohltäter betrachten, ein gewisser Egoismus unvermeidlich. Denn ohne die wahre Selbsterkenntnis kann der Egoismus niemals ganz verschwinden. Trotzdem streben die Leute nach Wohltätigkeit. Aber was ist mit dem resultierenden Rausch des verdeckten Egos? Was geschieht mit dem gefährlichen verdeckten Ego, das aus diesem Wahn geboren wird?

Der innere geistige Organismus (aus Sinnesbewusstsein, Denken, Intellekt und Ego) bleibt auch nach der Selbsterkenntnis in seiner Natürlichkeit bestehen. Der Erleuchtungsgeist vernichtet nur deine Unwissenheit, und dein Wahn, etwas zu sein, was du nicht bist, verschwindet. Wir setzen dein persönliches „Ich“ in das wahre „Ich“. Auch danach wird das Ego deines geistigen Organismus weiterhin alle weltlichen Angelegenheiten verwalten. Das Ego muss nicht unterdrückt werden, es geht nur darum, dem Ego den persönlichen Geschmack (den Persönlichkeitswahn) zu nehmen.

88. Den Geschmack aus dem Ego quetschen

Finde dein wahres Wesen, dann kannst du den persönlichen Geschmack des Egos abbauen. Wenn dich auf der Straße jemand anrempelt und beschimpft „Du Dummkopf, pass auf wo du hinläufst!“, dann wird sich dein Ego erheben. Es wird von der geringsten Provokation erschüttert, du regst dich auf und bist beleidigt. Warum regst du dich auf? Wenn der persönliche Geschmack des Egos erloschen wäre, gäbe es nichts mehr, worüber du dich aufregen müsstest.

Keine Person will gern beleidigt werden, aber wir sagen, dies ist dir eine große Hilfe. Lob und Tadel entsprechen den süßen und bitteren Säften des Egos. Wer dich tadelt, quetscht den bitteren Saft aus deinem Ego. Wenn dich jemand einen Dummkopf schimpft, lässt er den bitteren Saft aus deinem Ego fließen, und das Ego wird entsprechend saftlos, ohne dass du dich dafür anstrengen musstest. Das Ego ist gewöhnlich voller Saft. Wenn du unwissend bist und jemand quetscht diesen Saft heraus, dann spürst du ein brennendes Gefühl (der Anhaftung bzw. Abneigung). Wenn du dies nun weißt, lass das Ego bewusst und auf natürliche Weise ausgequetscht werden! Was könnte dir besseres geschehen, als wenn dir jemand von selbst so hilfreich ist? Wahrlich, diesbezüglich können dir andere Menschen eine große Hilfe sein.

Solang das Ego nicht allen persönlichen Geschmack verliert, wird es für das Rätsel des Lebens keine Lösung geben. Und auch danach wird das Ego noch funktionieren. Wie sonst könntest du in der Welt leben? Das Einzige, was bereinigt werden muss, ist der persönliche Geschmack des Egos. Bei dieser Reinigung helfen dir die anderen Menschen, und das ist unser Gewinn. Der erleuchtete Geist ist frei vom Intellekt, und so hat er enorme Kraft, jeglichen Saft aus dem Ego zu quetschen. Doch solang du diese Kraft nicht hast, solltest du dich glücklich schätzen, wenn jemand anderes diese Arbeit für dich tut und dich beleidigt. Du sparst dir damit jede Menge Anstrengung, und wenn du achtsam bist, ist es reiner Gewinn für dich. Wenn du diesen Gewinn erkennen kannst, wird es dir eine große Hilfe sein.

Wenn der bitter-süße Geschmack (der persönlichen Zu- und Abneigung) des Egos verschwunden ist, dann wird es durch seine wesenhafte Natur spontan alles erledigen, was in der Welt zu tun ist. Das Ego muss nicht getötet, sondern beruhigt und saftlos werden. Es hat seine Aufgabe in der Welt. Warum sollten wir bei einem guten Essen die Köchin nicht loben, sie ermutigen und sagen „Danke, es schmeckt gut!“?

89. Das bittere Gift mit einem Lächeln trinken

Wenn du das Ego einer Person verletzt, dann reagiert es bitter. So kennst du die bittere Reaktion des Verletzens anderer, und deshalb vermeide es, jemanden zu verletzen, soweit dies möglich ist. Der große Dichter Kaviraj sang:

„Der Edle trinkt lächelnd das bittere Gift wie der Blauhälsige (Shiva),
ohne jede Anhaftung sucht er weder persönliches Lob noch Ehre.“

Wir selbst sind dieser Blauhälsige (Shiva, der beim Quirlen des Milchozeans das aufkommende Gift getrunken hatte und daraufhin einen blauen Hals bekam). Wer immer uns das bittere Gift der Welt serviert, wir trinken es mit einem Lächeln und segnen sogar den Geber. So sind wir zum blauhälsigen Shiva geworden.

Auch du musst das bittere Gift trinken, denn es ist dein angesammeltes Karma aus vergangenem Leben, das dir unausweichlich begegnen wird. Ob du es willst oder nicht, du musst es mit lächelndem oder zornigem Gesicht trinken. Geliebt oder gehasst, die Leute werden dich dazu zwingen. Warum trinkst du es also nicht mit einem Lächeln und segnest die Geber dazu? Wie sonst willst du zu Shiva werden? Wer dir dieses Gift anbietet, ist gekommen, um dich auf eine höhere geistige Ebene zu erheben. Wenn du es mit zornigem Gesicht ablehnst, verlierst du diese Chance. Wer auch immer uns dieses bittere Gift anbietet, wir trinken es mit einem Lächeln, segnen den Geber und werden zu Shiva, dem Großen Gott.

Solange deine Überzeugung von „Ich bin Max!“ existiert, wird sich alles ins Bittere wandeln, während es für uns nur noch reinen Nektar gibt. Lob und Tadel, süß und bitter sind die Gegensätze der Welt. Sie gehören uns nicht mehr, denn wir haben sie überwunden und sind jenseits gegangen. Deswegen sprechen wir hier auf diese Weise davon. Und irgendwann wird jeder diese Vollkommenheit jenseits der Gegensätze erreichen, das ist sicher.

Wenn dir jemand dieses bittere Gift serviert, dann trinke es lächelnd und segne den Geber. So wird dein Ego gereinigt, und du wirst frei davon. Und sogar der Geber wird von deiner Reaktion profitieren und sich zum Guten wenden. Er kann seine Schwäche erkennen, andere beleidigen zu wollen, und deine geistige Stärke, eine Beleidigung lächelnd zu ertragen. Glaubst du, dass du freiwillig etwas so bitteres trinken würdest? Siehst du, wie hilfreich dir solche Leute sind? Wer dir das bittere Gift serviert, ist wie eine Mutter zu dir. Es bleibt dir nichts anderes übrig, als es zu trinken. So trinke das Bittere mit einem Lächeln, dann wirst du zu Shiva. Sag deinem Ego, dass du dieses bittere Gift noch hunderte Male trinken musst, dann wird es sich langsam daran gewöhnen. Am Anfang muss man ein Kind zur bitteren Medizin zwingen, aber wenn es merkt, dass sie hilft, dann wird es die Medizin trotz aller Bitterkeit freiwillig trinken. Sobald du dich also aufrichtig entschieden hast, alles Bittere zu trinken, was dir begegnet, wirst du wirklich dazu fähig sein. Süßes zu lieben ist einfach, aber du solltest auch lernen, das Bittere zu lieben. Wirst du es nicht irgendwann trinken müssen? Und wenn es darüber hinaus noch heilsam für dich ist, warum nicht heute? Du magst dich vielleicht sehr verletzt fühlen, wenn du vor vielen Leuten beleidigt wirst. Aber wenn du erkennst, dass dies ein großer Gewinn für dich ist, wirst du darin noch einen Verlust sehen?

Wenn du „Ich bin reines Selbst.“ betest, gilt das nur teilweise oder soll das vollkommen sein? Dafür musst du dein Ego reinigen, und zwar entschlossen und mit ganzer Kraft. Warum sollte sich ein Landstreicher noch Landstreicher nennen, wenn er zum König geworden ist? In gleicher Weise solltest du nichts anderes sein wollen, als das reine Selbst. Möchtest du den bitter-süßen Geschmack des Egos wirklich vollkommen aufgeben? Wenn ja, warum stützt du dich immer noch mit einem Fuß darauf? Wenn du dich wirklich zur Befreiung entschlossen hast, warum versuchst du mit einem Fuß im reinen Selbst und mit dem anderen außerhalb zu stehen? Das kann nicht funktionieren!

Regst du dich immer noch auf, wenn dir etwas Bitteres serviert wird? Während des Gebets sagst du: „Ich bin reines Selbst.“ So bewahre das reine Selbst und nichts außerhalb davon! Es ist sehr schwer, den persönlichen Geschmack des Egos aus eigener Kraft aufzugeben. Deshalb ist es besser, wenn es andere für dich tun. Auf diese Weise kann das Ego auch weiterhin seine Rolle in der Welt spielen, und dein innerer geistiger Organismus funktioniert auch gut. Wenn es so heilsam ist, warum nimmst du nicht freundlich an, was dir geopfert wird, um das Ego geschmacklos zu machen? Wenn das Ego völlig unpersönlich wird, dann ist das Selbst vollkommen. Entscheide dich nur aufrichtig, das Ego geschmacklos zu machen, dann wird es von selbst jeden persönlichen Geschmack abbauen.

Wenn du die Heilsamkeit dieser bitteren Medizin akzeptierst, dann werden sich alle deine Probleme auflösen, und du verstehst, wie hilfreich sie auf dem Weg zur Befreiung ist. Jede Süßigkeit, die du im Leben ergreifst, wird in gleichem Maße mit Bitterkeit bezahlt. Daher verdaue zuerst das Bittere, dann bleibt das Süße übrig, und das lässt sich leichter verdauen. Es ist eine unvergleichliche Errungenschaft im Leben, alles Bittere verdauen zu können. Denn über eine geschenkte Blume kann sich jeder freuen und lächeln. Aber was geschieht, wenn jemand einen Stein auf dich wirft?

90. Unsichtbare Entsagung

Das Ego ist ein Objekt, das man erkennen kann, und du bist der Erkennende. Wenn das erkennbare Objekt mit dem Erkennenden so eng verbunden ist, welche Notwendigkeit gibt es dann, das Objekt als Objekt zu beschützen? Und wenn du dieses eine Objekt beschützt, dann müsstest du auch alle anderen beschützen, und davon gibt es endlos viele. Beginne von nun an die unsichtbare Entsagung. Bewahre die Achtsamkeit, dass du vom Ego nicht davongetragen und verschlungen wirst. Diese Achtsamkeit ist die unsichtbare Entsagung. Sie sollte geübt werden, weil du seit undenkbaren Zeiten die Gewohnheit angesammelt hast, dich selbst mit erkennbaren Objekten zu identifizieren. Wenn du diese Entsagung übst, wird die Gewohnheit langsam schwächer, und so wird sich das Ego und damit auch das Rätsel des Lebens lösen. Wenn du dich aufrichtig zu dieser Entsagung entschieden hast, wird sie wie von selbst ablaufen.

Welchen Nutzen hat das Ego, das dich in jeder Ecke stolpern lässt und deine Schönheit hässlich macht? Die achtsame Gegenwärtigkeit verhindert, dass das erkennbare Objekt (Intellekt/Ego) zum Erkennenden (Selbst) wird. Das ist die unsichtbare Entsagung, diese achtsame Gegenwärtigkeit, um das Ego geschmacklos und unpersönlich zu machen. Die Hindernisse kommen von außen und auch von innen. Und das Ego ist ein großes Hindernis, auf dessen Begegnung man gut vorbereitet sein sollte.

Sogar Lob und Ehre, welche dir andere geben, sind schwer erträglich. Man kann sie nur verdauen, wenn man auch Beleidigungen ertragen kann. Mich fragte mal jemand: „Warum akzeptieren Sie die Blumengirlanden, welche ihnen die Leute um den Hals hängen?“ Ich antwortete: „Soll ich dir auch eine Girlande um den Hals legen? Würdest du das ertragen können?“ Gewöhnliche Leute bestaunen diese vielen Girlanden. Und wenn du dich vor ihnen verneigst, werden sie augenblicklich von ihren Sitzen aufstehen (denn sie können diesen Respekt nicht ertragen).

91. Das Konto der Beleidigung und das Ego-Mitleid

Die Regel ist: Wenn du keine Beleidigung mehr fürchtest, dann wird dich auch niemand mehr beleidigen. Solange deine Furcht davor existiert, werden dich diese Beleidigungen treffen, und sie werden erst verschwinden, wenn deine Furcht verschwindet.

Führe ein Kontobuch von Lob und Tadel. Wann immer dich jemand verletzt, schreibe diesem Konto einen Punkt gut, und achte darauf, dass du nichts borgen musst (durch zu viele Lob-Punkte). Egal, wie groß oder klein das bittere Gift war, trage es auf der Haben-Seite des Kontos ein. Nimm dir vor, hundert solche Pluspunkte im Monat anzusammeln. Je mehr, umso größer ist der Gewinn. Wenn du nur siebzig hast, dann betrachte die dreißig fehlenden als Verlust und sammle im nächsten Monat einhundertdreißig. Wer dreihundert Punkte auf dem Konto der Beleidigungen angesammelt hat, wird sich nicht mehr davor fürchten. Er hat diesen Fluss überquert und die andere Seite erreicht. So starte jeden ersten Tag im Monat ein solches Konto! Kannst du das?

Wenn du dich vor dem erleuchteten Geist mit gefalteten Händen verneigst, dann reinigt sich dein Ego von der Weltlichkeit. Und wenn deine Stirn in wahrer Hingabe seine Zehen berührt, dann legst du ihm dein Ego zu Füßen. Der Gewinn ist dabei umso größer, je aufrichtiger das Ego aufgegeben wird.

Persönliches Mitleid ist keine Eigenschaft, die man in einem Erleuchteten findet, denn er hat grenzenloses und universales Mitgefühl. Persönliches Mitleid ist eine leidvolle Eigenschaft des Egos und gehört zum Ego, weil es etwas Gegensätzliches ist. Gegensätzlich bedeutet, dass in einer Person, wo Mitleid zu finden ist, zwangsläufig auch die gegensätzliche Eigenschaft von Grausamkeit existiert. Letztere ist oft verdeckt, aber wenn sie zum Vorschein kommt, kann sie ringsherum alles zerstören. (Als würde jemand eine Katze sehen, die eine Maus jagt, und voller Mitleid mit der Maus die Katze erschlagen.) Eine solche Person wird vor nichts zurückschrecken und kann sogar Haus, Frau und Kinder verlassen. In solche Gegensätze ist diese ganze Welt verstrickt. Solange du die Gegensätze nicht überwunden hast, mag das persönliche Mitleid eine lobenswerte Eigenschaft der Welt und eine Basis für das Gute sein. Doch vor allem stärkt das Mitleid deine egoistische Seite und nicht deine göttliche. Wer umherläuft und andere bedauert, bedarf selbst des Mitleides. Warum bedauerst du die anderen, anstatt dich selbst? Manche Mönche bedauern die weltlichen Menschen und denken: „Oh Gott, was soll nur aus ihnen werden?!“ Oh diese Unwissenden! Was auch immer den Menschen geschieht, das muss geschehen. Wer bist du, um sie zu bedauern? Was soll aus dir werden? Warum bedauerst du andere? Hast du deine eigenen Probleme schon gelöst? Das ist nichts anderes als ein gefährlicher Rausch deines Egos. Der gewöhnliche Ego-Rausch der Leute schwindet, wenn sie einige Stunden in einer Schlange nach Öl oder Zucker anstehen müssen. Aber wie soll der Rausch dieser Mönche jemals schwinden? Im Gegenteil, er wird zunehmen. Gott sagt, wer von diesem Rausch frei wird, kann die Befreiung erreichen. Dieser Rausch ist ein höchst gefährliches und subtiles Ego, das dich sehr leiden lässt. Dein grobes Ego kann dir jeder gewöhnliche Mensch zeigen. Man wird dich fragen: „Warum stolzierst du so überheblich umher? Demut wäre besser für dich.“ Das wird dir helfen, demütiger zu werden. Aber der Rausch des subtilen Egos von „Ich bin etwas! Ich habe etwas erreicht! Ich besitze viel Wissen!“ wird nicht vergehen.

Was ist das Wissen? Wahres Wissen ist das Licht des Selbst. Kann man in diesem Licht noch stolpern? Wie können die Leute von wahrem Wissen sprechen, wenn sie bei fast jedem Schritt stolpern? Und welches Recht hat man, andere zu bedauern, solange man das eigene Selbst nicht kennt?

92. Das Gift des Egos

Wenn sich das Ego erhebt, nachdem du glaubst, etwas erreicht zu haben, dann sei vorsichtig, denn der Fall ist unausweichlich. Selbst in den großen Seelen (den Mahatmas) kann sich das Ego mit der erreichten Erkenntnis noch erheben. Dada Bhagwan, der göttliche Vater, wird sie zwar vor dem Fall bewahren, aber ihre Sicht trübt sich. Sogar wegen der göttlichen Mächte, die auf dem Pfad erblühen, kann sich das Ego erheben, und entsprechen tief wird man fallen. Wenn solche Wunder geschehen, das Ego sich als Handelnden sieht und diese Kräfte missbraucht, dann fällt man sogar bis in die niederen Welten. Wahrlich, ein Ego, das sich zur Gottheit erheben will, bereitet sich den Weg in die tiefste Hölle.

Schon kleine Kinder haben ein Ego, aber es ist noch zusammengezogen und schläft. Und wie das Kind wächst, so wächst auch das Ego. Je weniger das unheilsame Ego der Kinder genährt wird, umso heilsamer und weiser wachsen sie auf. Je weniger die Eltern das Kind mit ihrem eigenen Ego füttern, je schöner und kultivierter wächst es heran. Deswegen verstricke dich nicht in die Beziehungen mit weltlichen Leuten! Sie sind stets auf der Suche nach Nahrung, um ihr Ego zu füttern. Gib ihrem Ego etwas Nahrung und geh weiter, ohne dich zu verstricken, sonst wird es zum Hindernis auf deinem Weg.

Eine egoistische Person wird die Probleme ihres Egos immer weiter verschlimmern und hat keinen großen Knoten der Geldgier oder des Geizes. Solche Leute, die kritisch denken und viel verstehen können, gelten als kultiviert, besitzen aber jede Menge giftiges Ego und werden von unheilsamer Anhaftung gebunden. Von dieser Anhaftung können sie sich vielleicht noch befreien, aber von ihrem Ego nicht. Im Extremfall ist ihr Ego sogar so giftig, dass sie Selbstmord begehen. Wenn ein giftiges Ego plötzlich angeschlagen wird oder keinerlei Nahrung mehr erhält, kann es eine Person dazu treiben, sich selbst zu vernichten. Das ist wohl der sicherste Weg in die Hölle. Denn je größer das Ego, umso niedriger die zukünftige Lebensform, und je kleiner das Ego, umso höher.

Manche benutzen das Ego zum Töten und andere zum Retten von Leben. Gott sieht beide Taten als egoistisch, denn in Wahrheit hat niemand die Macht irgendeine Art von Leben zu töten oder zu retten. Nur das Ego glaubt, persönliches Leben retten zu können. Beides sind Formen des Egoismus, mit dem Unterschied, dass der Lebensretter in höhere Welten steigt und der Mörder in niedere Welten sinkt. Aber praktisch bleiben beide im Rad der Welten gefangen.

Schau dir einen Löwen an. Er ist sehr egoistisch und wurde zum König der Tiere. Er wanderte durch alle Verkörperungen und konnte nirgendwo das wahre Glück finden. Nun brüllt er sein Ego heraus und heult im Dschungel. Er wollte frei sein, aber fand den rechten Weg nicht. Es ist sehr schwer, diesen Weg zu finden, und noch schwerer ist es, einen Befreier zu treffen. Unzählige Umstände kommen zusammen und trennen sich wieder, aber nur der Umstand, auf den Erleuchtungsgeist zu treffen, kann das Rätsel deines Lebens auf ewig lösen.

93. Das Ego-Ideal

Alles, was du um dich herum siehst, ist nicht das weltliche Leben. Das Ego ist das weltliche Leben. Und was ist falsch daran, dass in dieser Welt nichts beständig ist? Wenn jemand 500 Rupien von dir geborgt hat, und sie nicht zur rechten Zeit zurückzahlt, wird dein Ego unzufrieden. Um dein Ego zu befriedigen, würdest du ihn sogar verklagen. Aber wenn er sich entschuldigt, weint und dich auf Knien bittet, dann jubelt dein Ego, und du lässt ihn ungestraft gehen.

Solch ein Ego lässt nicht die kleinste Abneigung von seinem Idealzustand der eigenen Komfortzone zu. Auf diese Weise hängt sogar ein armer Bettler an seiner Hütte und fühlt sich glücklich durch sein Ego. Er ist stolz auf seinen kleinen Besitz, und schätzt sich immer noch glücklicher als die Straßenhunde und anderen Tiere, die kein Dach über ihrem Kopf haben. Was auch immer das Ego als Ideal angesammelt hat, dagegen wird es keine Abneigung hegen. Zu diesem Zweck erzeugt das Ego die unterschiedlichen Gegensätze. Nur der erleuchtete Geist ist frei von Egoismus, und in seiner Gegenwart vereinen sich alle Gegensätze. Denn das Unterscheiden der Gegensätze ist das Werk des Egos, um seine eigene Herrschaft aufrechtzuerhalten.

94. Empfindlichkeit und Blockaden des Egos

Viele Leute sind persönlich sehr empfindlich. Persönliche Empfindlichkeit ist eine direkte Eigenschaft des Egos. Wenn ich zum Beispiel mit jemand spreche und frage „Was geschah auf deiner Rückreise aus Baroda?“, und jemand anderes kann sich nicht zurückhalten, redet dazwischen und mischt sich ein, dann reagiert sein Ego sehr empfindlich. Im Gegensatz dazu kann das Ego auch mit einer Blockade reagieren, und das ist gewöhnlich eine sehr hartnäckige Meinung oder Ansicht zu einer bestimmten Sache. Wie ein Pferd, das plötzlich scheut und nicht weiterläuft, wenn es auf dem Weg ein altes Grab wittert oder vor etwas anderem Angst hat. Ähnlich leidet jede Person an geistigen Blockaden, die ihre Weiterentwicklung verhindern und sie im Kreis der Geburten wandern lässt. Blockaden sind die Ursache des Wanderns und binden das Wesen an die Welt. Dafür zeigen wir den Ausweg. Eine Blockade des Egos wäre noch akzeptabel, aber schlimmer ist seine Empfindlichkeit. Solange das Ego auf alles empfindlich reagiert, gibt es keine Weiterentwicklung. Eine überempfindliche Person regt sich über die einfachsten Dinge auf. Blockaden kann man mit achtsamer Betrachtung auflösen, aber die Empfindlichkeit des Egos lässt sich nur durch unerschütterliche Gegenwärtigkeit überwinden.

Was auch immer du im vergangenen Leben angesammelt hast, wird sich entsprechend entfalten. Du solltest es einfach nur beobachten. Der Erleuchtungsgeist gibt dir die vollkommene Sicht des Selbst. Warum ist deine Sicht immer noch so trüb? Das geschieht wegen deiner Blockaden und der Empfindlichkeit deines Egos. Eine verletzbare Person identifiziert sich mit ihrem empfindlichen Ego, und deshalb regt man sich ständig über irgendetwas auf und findet kein beständiges Glück im Leben.

Beobachte achtsam, wo du blockierst und stolperst! Warum stolperst du im Dunklen, wenn du doch den Pfad des Lichtes und der Erleuchtung gehen kannst? Das geschieht wegen deiner Blockaden und der Empfindlichkeit des Egos. Durch Gegenwärtigkeit und Erkenntnis dieser Empfindlichkeit wird sie verschwinden. Denn durch Gegenwärtigkeit und Erkenntnis wird jede Last, die du angesammelt hast, wie von selbst vergehen, und allein der alleserkennende Seher bleibt. Auf diese Weise lösen sich zunächst die Blockaden auf, während die Empfindlichkeit des Egos schwerer zu vernichten ist. Wenn du persönlich empfindlich wirst, baut sich in deinem Körper eine große Spannung auf. Die daraus entstehenden Funken töten unzählige Lebewesen. Nur durch unerschütterliche Gegenwärtigkeit lassen sich alle Hindernisse überwinden, und die angesammelte Karma-Last kann sich auflösen. Der Weg ist so einfach, dennoch hat dich diese Last der Blockaden und Empfindlichkeiten des Egos schon so lange festgehalten!

95. Die Arbeitsweise des geistigen Organismus

Was treibt das weltliche Leben voran? Es ist der geistige Organismus. Wenn das Denken ruft, gehst du ans Telefon und fragst „Hallo, wer ist da?“, obwohl der Anruf für das Sinnesbewusstsein, den Intellekt oder das Ego bestimmt war. So mischst du dich ein. Du solltest allein der Seher sein und erkennen, wie Denken, Sinnesbewusstsein, Intellekt und Ego arbeiten. Du solltest keine fremden Anrufe beantworten. Wir selbst sind der alleserkennende Seher jeglicher Aktivitäten der fünf Sinne, der Augen, Ohren, Nase und so weiter. Wenn du den Anruf für das Denken, das Sinnesbewusstsein oder andere Teilnehmer beantwortest, verursachst du große Verwirrung. Misch dich nicht in ihre Telefonate ein, lass sie ihre Anrufe selbst beantworten!

Hast du dich jemals gefragt, was mit der Nahrung in deinem Magen und Darm passiert? Jedes Organ deines Körpers führt seine natürliche Funktion aus. Wenn das Ohr nicht natürlich funktionieren würde, könntest du nichts hören. Wenn die Nase nicht natürlich funktionieren würde, könntest du nichts riechen. Genauso führen Denken, Intellekt, Sinnesbewusstsein und Ego ihre natürlichen Funktionen aus. Wenn du aber glaubst „Ich habe es getan!“, dann verursacht das Probleme. Wir müssen also nur untersuchen, inwieweit Denken, Sinnesbewusstsein, Intellekt und Ego entsprechend ihrer Natur arbeiten. Dann wird es keine Verwirrungen geben, wenn du in der Reinheit des wahren Selbst verweilst. Solange der geistige Organismus auf natürliche Weise funktioniert, das Denken die Ideen produziert, das Sinnesbewusstsein die entsprechenden Bilder zeigt, der Intellekt die Entscheidungen trifft, das Ego sie bestätigt und das reine Selbst als alleserkennender Seher verweilt, dann wäre alles in Ordnung, und alles funktionierte entsprechend des inneren Wesens. Alles, was du tun musst, ist das Sehen und Erkennen, wie alles ordentlich funktioniert und sich das Unnormale ins Normale wandelt. Aber die unwissenden Personen glauben: „Ich denke, ich spreche, ich handle, ich..., ich...!“ Selbst die Arme und Beine funktionieren auf natürliche Weise, doch der Mensch behauptet: „Ich bin gelaufen!“ Damit bringt die Person nur ihr Ego zum Ausdruck, identifiziert sich fälschlicherweise mit diesem Ego und verursacht damit große Verwirrung.

Merkst du nicht, wenn sich diese geistigen Funktionen verwirren? Sicher merkst du das. Wenn dich eine alte Tante zu Hause besucht und 14 Tage lang herumnörgelt, wirst du versuchen, dich zurückzuhalten, damit diese Beziehung nicht im Streit endet. In gleicher Weise gibt es auch in deinem Geist ein ständiges Feuerwerk. Aber deine Unfähigkeit, den Geist achtsam zu beobachten, führte dazu, dass du die Arten des Sprengstoffs nicht mehr unterscheiden kannst. Damit haben sich alle Arten des Feuerwerks wild vermischt, und du glaubst manchmal, nur ein harmloses Fünkchen zu sehen, und plötzlich explodiert ein riesiger Knaller. So ist dein Geist voll unterschiedlichstem Sprengstoff, der unter entsprechenden Bedingungen explodiert. Aber wie bei der alten Tante, solange du dich zurückhältst und nicht einmischst, kannst du es gelassen ertragen. Deine Beziehung zu Denken, Sinnesbewusstsein, Intellekt und Ego ist wie zwischen Erkennendem und Erkennbarem, und nicht wie zwischen Ehepartnern. Du kannst dich zurückhalten und musst dich nicht einmischen.

Wenn eine Person hypnotisiert wird, dann ist es der geistige Organismus mit all seinen Teilen, der hypnotisiert wird. Zuerst wird das Sinnesbewusstsein hypnotisiert, und danach werden die anderen Teile gefangen. Und wenn dieser innere Organismus gebunden ist, dann ist auch der äußere gebunden. Denn die äußeren Organe handeln, wie es die inneren Organe diktieren. Unter Hypnose (bzw. Trance) verliert man die Kontrolle über den geistigen Organismus. Man wird wie abwesend, und wenn man wieder erwacht, kann sogar die Erinnerung an diese Zeit verschwunden sein. Wie sollte man sich auch erinnern, wenn man nicht anwesend war? Dabei kann nicht jeder hypnotisiert werden. Hypnose ist nur möglich, wenn dein Karma entsprechend existiert, und dann auch nur für kurze Zeit und nicht für lange.

Wenn du (auf ähnliche Weise wie unter Hypnose) deinen geistigen Organismus und den äußeren Körper aufgeben und nur für eine Stunde in Gegenwart eines erleuchteten Geistes sitzen würdest, könntest du zum Herrn der Welt werden. In nur einer Stunde könnten wir deine ganze karmische Last auflösen und dir die göttliche Sicht geben, so dass du zum reinen Selbst wirst. Dann kannst du gehen, wohin es dir beliebt, und die Selbsterkenntnis wird bei dir bleiben, bis die vollkommene Befreiung erreicht ist. In unserer Gegenwart wird sich dein geistiger Organismus reinigen. Dein Leiden wird verschwinden und dein Geist rein sein. Nur daraus entstehen wahre Glückseligkeit und ewiger Frieden.

Fragender: Was geschieht im geistigen Organismus, wenn ein Verehrer mit der Gebetskette ein Mantra murmelt? Geistig rezitiert er das Mantra, körperlich zählt er die Perlen, und das Sinnesbewusstsein wandert irgendwo. Was geschieht hier? Welches geistige Organ ist währenddessen aktiv?

Dadaji: Das Zählen der Perlen wird automatisch beginnen, wenn du dich dazu entschieden hast. Während die Hand entsprechend arbeitet, arbeiten das Denken und das Ego im geistigen Organismus, und das Sinnesbewusstsein wandert außerhalb irgendwo durch die Welt. Und doch glauben die Leute, dass sie dieses verdienstvolle Ritual persönlich vollbringen, und säen damit die karmischen Samen für das zukünftige Leben. Alles, was hier geschieht, ist eine Auswirkung von bereits angesammeltem Karma. Währenddessen hegt die Person eine bestimmte Absicht, und entsprechend dieser Absicht werden sich die künftigen Früchte zeigen. Wer sich wünscht, dass das Sinnesbewusstsein nicht durch die Welt wandern, sondern beim Zählen der Gebetsperlen bleiben soll, der schafft sich damit gute Früchte für die Zukunft. Wer aber nur schnell fertig werden will, sorgt mit dieser Absicht dafür, dass ihm in Zukunft diese verdienstvolle Chance des Gebetes verwehrt wird. Auf was sich der Geist einer Person auch richtet, das sät die karmischen Samen für das zukünftige Leben. Es ist alles eine Frage der Ansammlung.

Wenn Kinder lernen, während ihr ganzer geistiger Organismus mit Denken, Sinnesbewusstsein, Intellekt und Ego anwesend ist, dann werden sie nichts vergessen. Aber wenn das Sinnesbewusstsein auf dem Fußballplatz wandert, dann ist alles Lernen vergeblich. Was geschieht, wenn das vierte Bein von einem Tisch fehlt? Was nützt der Tisch? So ähnlich ist es auch mit dem geistigen Organismus.

Der große Poet Kaviraj sang:
„Allein unter Menschen, in eine Traumwelt gehüllt,
Ich bin der Zuhörer, und der Sänger bin ich auch.“

Wenn du im Berufsverkehr in einem überfüllten indischen Zug reisen musst, dann wirst du von allen Seiten geschoben und gestoßen. Unter diesen Umständen werden alle geistigen Organe (Denken, Intellekt, Sinnesbewusstsein und Ego) überwältigt und in ihren Funktionen extrem beschäftigt. In dieser Situation könnte sich das reine Selbst wahrhaft am unabhängigen Sehen und Erkennen erfreuen. Dann wäre man wirklich allein und in wahrer Freiheit. Je größer das Gedränge des Erkennbaren ist, umso größer könnte die Erkenntnis des Erkennenden erblühen. Je wahrer die Bedrängnis auf der einen Seite, umso größer kann das Licht der Erkenntnis auf der anderen Seite sein. Je tiefer die Bedrängnis, umso höher die Kraft. Manche Leute geben alles auf und laufen in den Wald, um das Alleinsein zu suchen. Doch die wahre Freude liegt in der Menschenmenge. Wenn die Menschenmenge außen wie innen ist und dich vollkommen durchdringt, dann kann das reine Selbst allein sein, weil es sich nicht mehr identifiziert mit irgendetwas. Aber all das ist nur möglich, wenn die Erkenntnis des Selbst erreicht wurde.

96. Zwangsläufigkeit oder freier Wille

Es ist nicht einfach zu verstehen, wie diese Welt funktioniert. Alles in dieser Welt geschieht zwangsläufig, aber die Leute glauben, dass sie nach eigenem Willen handeln, und darin werden sie gefangen. Deine Geburt war zwangsläufig, deine Schule war zwangsläufig, deine Hochzeit war zwangsläufig, und dein Tod wird auch zwangsläufig sein. Es ist extrem selten, dass man eine Person findet, die nur eine winzige Ahnung hat, worin die wahre Kraft ihres freien Willens liegt. Nur wenn du zum Höchsten Geist wurdest, wird sich dein freier Wille in dieser zwangsläufigen Welt verwirklichen. Erst dann ist es wahre Selbstbemühung. Ansonsten bleibt jede Tat von der Geburt bis zum Tod zwangsläufig. Ohne einen wahren Ausweg wanderst du durch endlose Zyklen von Geburt und Tod, bis du irgendwann den Erleuchtungsgeist findest, der dich davon befreien kann.

Es ist auch eine zwangsläufige Verpflichtung für die Eltern, ihre Kinder aufzuziehen, sie zu belehren, zu verheiraten und ihnen im Leben zu helfen. Zwangsläufigkeit bedeutet von Pflicht gebunden, und freier Wille bedeutet vom Willen gebunden. Gewöhnliche Leute glauben oft, dass die zwangsläufigen Dinge durch ihren freien Willen geschehen. So glaubst du, dass diese Welt nach deinem freien Willen läuft, und du mit freiem Willen handelst, während du in Wirklichkeit durch Zwangsläufigkeit gebunden bist. Freier Wille wäre es, wenn du wirklich die Wahl hättest. Wenn die Kinder ihren Vater missachten, dann wird er zornig und erinnert sie an alles, was er für sie getan hat. So ein Dummkopf, was hat er wirklich freiwillig getan? Alles geschah zwangsläufig. Sage mir, worin sein freier Wille lag?

Sogar die Geburt im Himmel ist zwangsläufig. Man wird dort geboren, um die Früchte seines verdienstvollen Karmas zu ernten. In gleicher Weise muss man auch zwangsläufig die Wirkungen seines sündhaften Karmas in der Hölle erleiden. Glaubst du, dass du deinen Beruf freiwillig ausübst? Nein, auch das geschieht zwangsläufig. Glaubst du, dass irgendetwas in deinem Leben jemals freiwillig war? Wenn sich die Dinge wunschgemäß entwickeln, dann meinst du, es war dein Werk. Und wenn sie feindlich laufen, dann sprichst du von Zwängen und Schicksal. In Wirklichkeit geschieht beides zwangsläufig. Selbst deine Wünsche und Begierden entstehen zwangsläufig.

Was geschehen soll, das wird geschehen. Alles entwickelt sich durch die natürliche Ordnung von Ursache und Wirkung. Und die Überzeugung, dass du der Täter deiner Taten bist, bindet dich ständig mit neuem Karma. Es ist eine Illusion zu glauben, dass du persönlich irgendetwas mit oder ohne deinen Willen tun kannst. Du kannst noch nicht sehen, worin dein freier Wille liegt. In der Zwangsläufigkeit gibt es keinen persönlichen Täter. Nur weil du glaubst, mit freiem Willen zu handeln, wirst du zum Täter. So ist es nichts anderes als Egoismus, wenn du einen freien Willen in deinen Taten siehst. Wenn so eine Person viel Geld gewonnen hat, dann prahlt sie: „Ich habe das alles verdient!“ Aber wenn sie Verlust erleidet, macht sie Gott oder das Schicksal dafür verantwortlich. Das ist ein Widerspruch in sich, ein Ausdruck des Egoismus. So glauben die Leute, dass sie mit freiem Willen in dieser Welt handeln, und das ist der Grund, warum sie sich an verdienstvolles und sündhaftes Karma binden. Würden sie erkennen, dass in dieser Welt alles zwangsläufig geschieht, gäbe es keine Bindung.

Dadaji: Was meinst du, ist das Heiraten auch zwangsläufig, oder freiwillig?

Fragender: Früher hätte ich gesagt, dass es freiwillig ist. Aber nun sehe ich das Zwangsläufige darin.

Dadaji: Ja, sogar dein Name ist zwangsläufig. Er wurde dir als Baby gegeben, und nun musst du damit leben, ob du ihn magst oder nicht. Darin hattest du keine Wahl, und so geschieht alles zwangsläufig wie in einer Maschine. Es spielt keine Rolle, auf welcher Entwicklungsstufe du im natürlichen Lauf dieser Welt stehst. Alles geschieht zwangsläufig, und entsprechend wirst du handeln. Wie die Polizei die Leute zwingt, den staatlichen Gesetzen zu folgen, so gibt es auch im Inneren eine Polizei, die jede Person (nach den karmischen Gesetzen) zum Handeln zwingt, wie ein in Schwung gebrachter Kreisel.

Eines Tages saß ich auf der Veranda und beobachtete, wie ein Ochse mit mitleidloser Gewalt gezogen wurde. Drei Männer zogen ihn an den Zügeln, als wollten sie ihm die Nase abreißen, und ein weiterer schlug ihn von hinten. Sie piksten ihn sogar mit einem scharfen Spieß, aber der Ochse tat keinen Schritt. Ich fragte sie, warum sie den Ochsen so behandeln und warum er nicht folgt. Und sie berichteten mir, dass sie ihn gestern zum Tierarzt gebracht hatten, was ihn so verängstigte, dass er heute keinen Schritt mehr in diese Richtung machen will. Doch ich sah, dass der Ochse keine Wahl in dieser Sache hatte. Irgendwie musste er weitergehen. Er wurde an seiner Nase gerissen und erlitt die Schmerzen von Stock und Spieß. Warum geht er nicht freiwillig, anstatt diese Torturen zu ertragen? So oder so wirst du dich fügen müssen, warum nicht freiwillig, ohne durch dieses Leiden zu gehen? Wenn alles zwangsläufig geschieht, dann füge dich und verursache keine neuen Probleme! Ansonsten wird dich die Welt prügeln, wie die Männer den Ochsen, und schließlich doch zwingen, dich zu fügen. Du möchtest das Gift der Welt nicht trinken, doch weil es zwangsläufig geschieht, wirst du es trinken müssen. Deshalb trinke es lieber mit einem Lächeln anstatt mit bitterer Miene, und werde zum blauhälsigen Gott. Geh diesen Weg, und dein Ego wird verschwinden, dann wirst du zu Shiva selbst. Auch wir sind auf diesem Weg zum Großen Gott (Mahadeva) geworden.

Sogar für Lord Mahavir geschah die Entsagung vom weltlichen Leben zwangsläufig, auch wenn seine Wünsche anders waren. Nur so wurde er unabhängig und erreichte die Befreiung. Er wurde zum Höchsten Geist (Purusha) und bekam einen freien Willen. Doch als selbstverwirklichtes Wesen nutzte er diesen freien Willen ganz anders (als du dir vielleicht vorstellst). Nach außen folgte er, soweit sein weltliches Leben reichte, der Zwangsläufigkeit und erkannte immer, was geschehen sollte. Sogar die Entsagung von seiner Ehefrau war zwangsläufig, nur die gewöhnlichen Leute dachten, dass es seine freiwillige Entscheidung war. Was auch immer unsere großen Seelen (die Mahatmas) zwangsläufig tun, das ist Herrschaft, und was sie freiwillig tun, das ist Befreiung. Wahrlich, Befreiung mit Herrschaft, das ist die außerordentliche Erkenntnis von Dada Bhagwan, dem großen göttlichen Vater.


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